Der tagtägliche K(r)ampf

Wir kämpfen gegen den inneren Schweinehund und unsere Glaubenssätze. Und wir gehen bei einem unserer wichtigsten Projekte den nächsten Schritt. Nicht ohne ein paar Schrecksekunden. Daneben erleben wir auch einige Momente auf der Sonnenseite des Lebens.

“Tu etwas, das du liebst und du musst nie mehr arbeiten.” “Wenn man etwas für sich selbst tut, dann fällt einen das Aufstehen am morgen leicht.” Das mag wohl schon stimmen, aber seit unserer Rückkehr auf den Boatyard war das nicht immer der Fall. Freiheit bedeutet leider nicht, dass man nichts mehr “muss”. Zwar haben wir alle Zeit der Welt, aber wir wollen nicht ewig auf dem staubigen Boatyard leben. Am liebsten würden wir sofort hier weg. Zumindest mal einwassern – weg vom Dreck, weg vom Lärm. Aber das geht nicht, da unser Schiff noch nicht fertig ist. Und wir müssen noch eine ganze Menge Arbeiten erledigen.

Määäp

Manchmal haben wir aber schlichtweg keine Lust darauf. Denn die Arbeiten machen nicht immer so viel Spass, wie man erwarten könnte. Obwohl uns unser neuer Lebensstil gefällt, bedeutet das nicht automatisch, dass uns jeder Aspekt Freude bereitet. Wenn sich die verhockte Schraube auch nach dem fünften Mal erhitzen, draufhauen und schmieren nicht lösen lässt, reichts dann auch mal. Bei über 30 Grad (trotz Klimaanlage) in langärmlige Klamotten steigen, um den Wassertank rauszuschneiden – nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Und dann in die Bilge kriechen, um eine Tankbefestigung zu lösen, die natürlich am hintersten Ende angebracht ist. Zig Offerten für die neue Takelage einholen und miteinander vergleichen. Zum gefühlt hundertsten Mal die Hülle schleifen.

Dann müssen wir die Arbeiten halt ohne Lust erledigen. Die Hitze, der Staub, das Unwissen, die vielen Möglichkeiten, Abhängigkeiten von anderen Leuten – all dies erschwert uns die Arbeit zusätzlich. Wir haben damit begonnen, uns auf Arbeiten zu konzentrieren, die nur auf dem Boatyard sauber erledigt werden können. Alles andere wird hintenangestellt.

Dürfen vs. Müssen

Mit unserer Freiheit kommt eben auch die Verantwortung. Denn wir alleine sind für die Planung, die Ausführung und das Ergebnis verantwortlich. Wenn wir blau machen, erledigt sich die Arbeit nicht von selbst. Können, wollen, dürfen, sollen, müssen – darum dreht sich alles. Wir könnten 12+ Stunden am Tag arbeiten, kämen schneller hier weg, aber wären dafür vermutlich psychisch und physisch ausgelaugt. Wir können auch nur 5 Stunden arbeiten, bräuchten dann doppelt so lange, aber wir wären vielleicht entspannt. Niemand sagt uns, wie viele Stunden am Tag wir arbeiten sollen. Wir müssen selbst für uns entscheiden, wie viel ok ist. Und das auch akzeptieren.

Maximierung!

Hier kommt aber die Prägung aus dem Wirtschaftsleben voll zur Geltung und führt dann teilweise auch zu einem schlechten Gewissen – völlig unangebracht. Ich weiss, dass ich mehr arbeiten könnte. Aber bin ich hier, um zu maximieren? Machen wir nicht auch deswegen diese Reise, um eben genau nicht mehr solchen Denkmustern zu folgen bzw. folgen zu müssen? Sich Zeit nehmen zu können, um Nichts zu tun. Eine Siesta zu machen, weil man jetzt eben gerade will. Selbst zu entscheiden, wann und wie etwas erledigt wird. Weiter, schneller, höher ist nicht nötig. Aber dann kommt wieder die (von uns selbst gesetzte) Deadline. Wir wollen im September in Wasser. Und die Gedankenspirale beginnt von vorne.

Warum tun wir uns das an?

Wir haben keine Chefs mehr, die uns sagen was wir tun sollen – wir haben jetzt Milagros, die uns den Takt vorgibt. Und ignorieren sollten wir sie nicht. Wir könnten es zwar, jedoch würden wir uns damit nur Glück von morgen kaufen. Ein kleiner, vernachlässigter Unterhaltsjob kann sich zu einer Katastrophe entwickeln. Sowas wie der Zinseszins-Effekt existiert auch bei Booten. Hier gleich ein kleines Beispiel von aufgeschobener Wartung an den Püttingen aus der Milagros-Praxis.

Wir entmasten uns freiwillig

Der grosse Tag war endlich da, und wir legten unseren Mast. Dazu sind die Arbeiter vom Cabrales Boatyard mit einem Kran angerückt, den sie etwa um die Mitte des Masts befestigt haben. Als der Mast nun durch den Kran gehalten wurde, konnten wir die Stage und Wanten an Deck abschrauben. Zum Glück kam uns Marc von SV Liquid zur Hilfe (physisch und mental), denn der 18 Meter Alukoloss ist sehr beeindruckend. Und es kann schon so einiges schief gehen und ganz schnell ziemlich teuer werden.

Unsere Banane

Wir wurden zwar von Marga, der Besitzerin von unserem Schwesterschiff Dogfish, vorgewarnt, dass unsere Masten ziemlich wabbelig sind. Aber als wir die Stage und Wanten gelöst hatten, und sich der Mast etwas zur Seite gebogen hatte, war auch den erfahrenen Arbeitern nicht mehr ganz wohl. Nach dieser Schrecksekunde beeilten wir uns, den Masten auf vorbereitete Sägeböcke herunterzulassen. Der Kran stand etwas zu nahe, so mussten wir mit den Salingen (Umlenkpunkte für die Wanten) zwischen Milagros, dem Nachbarschiff und dem Kran ziemlich zirkeln. Leider haben wir davon keine Bilder, da alle verfügbaren Hände benötigt wurden.

Es schaudert uns

Nun konnten wir die Püttings entfernen und inspizieren. Püttings sind dazu da, um die Stage und Wanten (Drahtseile, die den Masten an Ort und Stelle halten) am Schiff zu befestigen. Es wirken darauf also enorme Kräfte, wenn das Boot gesegelt wird. Der Wind drückt in die Segel, die wiederum Druck auf den Masten ausüben, der über die Stage und Wanten Kräfte auf die Püttings überträgt. Die Püttings werden mit mehreren grossen Schrauben am Schiff befestigt. Und einige ebendieser Schrauben liessen uns schaudern.

Unterhalt wäre nicht schwer

Bei Milagros gehen die Püttinge durch das Deck und sind innen angeschraubt. Es wäre an sich keine grosse Sache, ab und zu die Wandverschalung abzumontieren (notabene pro Pütting 4-8 Schrauben) und einen Blick auf den Zustand der Püttings zu werfen. Bei uns war zum Beispiel klar ersichtlich, dass sich an gewissen Stellen Rost gebildet hatte. Es musste Wasser bei der Deckdurchführung eingedrungen sein. Ergo waren auch einige der Schrauben angerostet.

Man stelle sich nun vor, dass alle 5 Schrauben eines Püttings angerostet sind. Und dann kommt während dem Segeln ein unvorhergesehener Windstoss, vielleicht auch noch mit zu viel Besegelung, und reisst ruckartig am Mast. Dann könnten diese Schrauben zerbrechen, das Pütting wird rausgerissen und das Boot ist im Nu entmastet. Man hätte aber einfach sich die Schrauben anschauen und sie für etwa 1 CHF pro Stück ersetzen können. Die Wahl fällt nicht schwer, oder?

Mastunterhalt

Somit konnten wir mit dem Unterhalt des Masts beginnen. Alle daran befestigten Dinge mussten entfernt werden: Salinge, Wanten, Stage, Lichter, etc. Das ist einfacher gesagt, als getan. Denn der Mast ist aus Aluminium, alles andere aus rostfreiem Stahl. Wenn die beiden Metalle nicht voneinander isoliert werden oder sich die Isolation über die Jahre aufgelöst hat (wie bei uns) , reagiert das Aluminium mit Korrosion. Und dann steckt das Zeug richtig fest. Wir versuchen immer erst die nette Lösung: Rostlöser einsprühen und über Nacht einwirken lassen.

Wenn das auch nichts nützt, wird der Bunsenbrenner eingesetzt. Die zwei Metalle verhalten sich unterschiedlich, wenn sie erhitzt werden. Deshalb kann das in Kombination mit einem gezielten Hammerschlag helfen, die beiden voneinander zu lösen. Und natürlich setzen wir – wenn möglich – auch pure Gewalt ein. Spoiler: Wir konnten immer noch nicht alles entfernen... An gewissen Stellen blätterte Farbe ab, insbesondere rund um Stellen, die mit anderen Metallen in Berührung kamen und deshalb das Aluminium darunter korrodierte. Diese Stellen kratzten wir mit dem Spachtel ab, um sie schleifen und wieder streichen zu können.

Flüchten vor der Hitze

Wenn es draussen zu heiss ist – so etwa von 10 Uhr bis 18 Uhr – machen wir Siesta oder arbeiten drinnen. So hat Dave zum Beispiel einen unserer undichten Chromstahltanks mit dem Winkelschleifer Stück für Stück rausgeschnitten. Wir sind dabei auf unsere beiden Klimaanlagen angewiesen. Ohne geht gar nicht. Das durften wir vor kurzem am eigenen Leib erfahren, denn wir hatten Stromausfall. Um 14 Uhr. Fast sofort begannen sich Schweissperlen auf unseren Stirnen zu bilden. Wir flüchteten erstmal zum einkaufen und hofften, dass der Strom wieder zurück ist, wenn wir es auch sind. Leider nein. Deshalb installierten wir notfallmässig einige Ventilatoren. Wir hatten uns schon auf eine ungemütliche Nacht eingestellt, als um 19 Uhr der Strom wieder da war. Glück gehabt!

Noch mehr Glück gehabt

Im Boatyard verbreitete sich kurz nach unserer Rückkehr ein Magendarm-Käfer. Während es uns vor allem mit Energielosigkeit traf, ging es anderen ziemlich besch*****. Es stellte sich heraus, dass es das Norovirus war und in ganz Puerto Peñasco wütete. Die Zeitungen berichteten, dass es sich über den Staub und darin enthaltene Fäkalien in der Luft übertrug. *würg*

Niedergeschmettert

Wie schon in früheren Posts berichtet, befanden wir uns im Covid Impflimbo. Es war an einem Sonntag, als Marc von SV Liquid auf Facebook entdeckte, dass in der darauffolgenden Woche in Puerto Peñasco eine Covid Impfkampagne für die 18 – 35-Jährigen stattfand. Leider wurde unsere Euphorie sofort niedergeschmettert, als sich herausstellte, dass für die Online-Registrierung die mexikanische Personenidentifikationsnummer, sowas wie die Schweizer AHV-Nummer, benötigt wurde. Wir haben keine. Salvador, der Yardmanager, telefonierte daraufhin mit einigen Leuten und schickte uns mit dem Namen eines Doktors und der Cabrales Stromrechnung für die Wohnsitzbestätigung zur Impflokalität.

Die grosse Überraschung

Die Crew von SV Pablo ging als Versuchskaninchen voraus und war erfolgreich! Die Euphorie war wieder da. Von keinerlei Hoffnung auf eine Impfung zu einer reellen Chance innerhalb von 24 Stunden – was für ein Glück! Wir stellten uns also bei der Schlange an. Als wir keine Terminreservation vorweisen konnten, wurden wir zu einem Tisch eskortiert, bei dem unsere Personalien aufgenommen wurden. Kurze Zeit und ein paar Unterschriften später sassen wir in der Warteschlange für den Einmalimpfstoff von Johnson&Johnson. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Die Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Schüttelfrost nahmen wir gerne in Kauf. Denn die Impfung eröffnete uns wieder neue Möglichkeiten. Die wichtigste von allen: für die Hochzeit meines Bruders konnten wir ohne Quarantäne zurück in die Schweiz reisen. Mexiko, du bist unglaublich!

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3 Comments

wow I learn so much because of your blog. So happy you will be at the wedding in Switzerland. we miss you and think of you all the time. Please be careful …that is the Mother in me speaking and from Steven and me.

Hoi Pati
Schön von Euch zu lesen.
Ich wünsche Euch weiterhin viel Kraft und mentale Ausdauer diese grosse und anspruchsvolle Aufgabe zu meistern.
Lasst Euch nicht entmutigen und denkt immer nur an den nächsten Schritt- so werdet Ihr dann plötzlich die erste Etappe bewältigt haben.
Ich freue mich schon jetzt für Euch, wenn Milagros im Wasser schwimmt!

Lieber Nadim, vielen Dank für deine netten Worte. Wir freuen uns sehr, hier von dir zu hören/lesen.
Liebe Grüsse, Patricia

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