Geschichten aus dem Leben: Eine Woche in Guaymas

Ein Visa-Agent aus Monterrey, ein Taxifahrer mit Träumen, ein junger Autor aus Guaymas und ein Schiff-Allrounder: Vier kurze Geschichten über Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft bei Begegnungen mit Fremden in Guaymas.

Julio – Der Visa-Agent

Wir sind in der Bahia Catalina in Guaymas vor Anker, zurück in der Zivilisation nach über 2 Wochen in abgelegenen Ankerbuchten. Es ist Sonntag und wir müssen einkaufen gehen, denn unsere Vorräte neigen sich zum Ende. Es war nicht geplant, solange weg zu sein. Wir haben keine Milch mehr für unsere Kaffees am Morgen, es ist also dringend. Die Pulvermilch ist auch schon aufgebraucht. Die Bahia Catalina ist am äusseren Ende von Guaymas und gerade so noch mit dem Auto erreichbar. Taxifahrer kommen nicht gerne dorthin, ausser César, unser Taxifahrer des Vertrauens, doch er ist gerade ausserhalb der Stadt. Feiert im 150km entfernten Hermosillo den 76. Geburtstag seines Vaters.

Ich kontaktiere ein Taxiunternehmen via WhatsApp. Sie bestätigen mir nach ein bisschen hin und her, dass uns um 12.00 Uhr ein Taxi abholen würde. Um 12.20 Uhr ist immer noch kein Taxi da. Dann fährt ein weisses Auto an uns vorbei. Hält weiter vorne, dreht um, kommt zurück. Das Fenster wird heruntergelassen, ein Mexikaner fragt uns, wohin wir wollten. Zum Zentrum antworteten wir. Da ging er auch hin, wir sollen doch einsteigen.

In gutem Englisch erzählt er uns, dass er aus Monterrey an der Grenze zu Amerika käme. Er sei Visa-Agent und für eine Firma hier, die für ihre mexikanischen Arbeiter US-Visa benötigte. Es hätte alles etwas länger gedauert, deswegen musste er übers Wochenende bleiben. Nun habe er auf TikTok geschaut, was es hier so zu sehen gäbe. Deswegen war er bei der Bahia Catalina. Dort gibt es einen schönen «Arco» (Bogen) aus Stein am Meer.

Ob es denn schwer sei, als Mexikaner ein Arbeitsvisum für die USA zu kriegen, fragen wir ihn. Er verneint, also wenn es keine Vorfälle gab, natürlich. Er sei spezialisiert auf Saisonarbeiter für amerikanische Bauern. Sein Business liefe gut. Er verarbeite etwa 1'500 Anträge pro Jahr, Amerikaner wollten nicht auf Farmen arbeiten. Sein Service koste 650 $. Dabei sei alles inklusive. Unterkunft während dem 3-tägigen Visa-Prozess, Verpflegung und Transport über die Grenze.

Was wir denn so machten, fragte er. Social Media für kleine Unternehmen, antworteten wir. Das könne er auch gebrauchen, ob wir eine Visitenkarte hätten. Wir tauschen Kontaktdaten aus, bedanken uns gegenseitig und er setzt uns vor dem Walmart ab.

Alfonso – Der Taxifahrer

Wir sind fertig mit Einkaufen im Walmart. Endlich wieder Milch für den Kaffee am Morgen. Nun müssen wir einen Weg finden, wieder in die Bahia Catalina zurückzukommen. Davor haben wir aber noch eine Mission. In einer Facebook-Gruppe sah ich eine Anzeige für indisches Essen. Via WhatsApp bestellte ich uns Butter Chicken und Naan. Das müssen wir abholen.

Unsere Strategie ist, dass wir dafür ein Uber bestellen. Und den Fahrer fragen, ob er uns danach zum Schiff fahren kann. Denn die Bahia Catalina ist nicht im Servicegebiet von Uber. Alfonso fährt in seinem Chevrolet Beat vor. Wir erklären ihm den Plan. Er müsse uns einfach noch sagen, was die Fahrt kosten würde. Er überlegt ein bisschen. Erklärt uns, dass dort eigentlich keiner hinfahren will, weil es so abgelegen ist. Und meint dann, es koste 150 Pesos (7.50 CHF).

Er fragt, woher wir kommen, was wir hier tun. Wir sagen Schweiz und Schiff und so und fragen, was seine Geschichte sei. Er fahre seit ein paar Jahren Taxi, davor hatte er 20 Jahre lang einen eigenen Laden mit Videospielen. Er sei Chef gewesen. Aber es lief dann irgendwann halt nicht mehr so gut.

Er wäre gerne Lastwagenfahrer. Er habe auch alle nötigen Ausweise. Er klopft stolz auf eine rote Mappe zwischen den Sitzen. Dort drin seien sie. Aber niemand wolle ihn anstellen, er habe keine Erfahrung. Er überlege, ob er sich einen eigenen Lastwagen kaufen sollte. 500'000 Pesos (25'000 CHF) würde das kosten. Dann könnte er auf eigene Rechnung fahren.

Wir kommen an einem Busdepot vorbei. Busfahrer könnte er auch sein, aber man verdiene halt nicht so gut. 2'500 Pesos (125 CHF) pro Woche. Mit Taxifahren könne er viel mehr verdienen. Kurz vor der Bahia Catalina meint er, dass es bestimmt 20 Jahre her sei, seit er hier war. Aber es sei halt schon abgelegen, und vielleicht auch ein bisschen gefährlich. Man wisse ja schliesslich nicht, wer sich hier so alles rumtreiben würde.

Dann hilft er uns, die Einkäufe auszuladen. Bestaunt unser kleines Dinghy. Schaut ehrfürchtig zu unserem Schiff vor Anker. Wir bedanken uns bei ihm, «mucho gusto», es hat uns sehr gefreut, und geben ihm 200 Pesos (10 CHF). Es ist schliesslich weit draussen.

Mario – Der Autor

Ich gehe an der Hauptstrasse von Guaymas entlang, mit einem blauen Dufflebag auf dem Rücken. Ich bin auf dem Weg zur Wäscherei. Hinter mir höre ich ein «hola» und ignoriere es. Dann höre ich etwas näher erneut «hola, buenos dias». Ich möchte nicht unhöflich sein und erwidere ein «hola». Der junge Mexikaner lächelt mich an und fragt in gutem Englisch, ob ich eine amerikanische Touristin sei. Ich verneine, ich sei von Europa, aus der Schweiz. Was ich hier so weit weg von zuhause mache, wundert er sich. Ich erzähle ihm kurz vom Schiff.

Wir gehen nun nebeneinander der Hauptstrasse entlang, die zugleich eine Baustelle ist und weichen Löchern, Kieshaufen und Absperrungen aus. Dann fragt er, ob er mir mit meinem Rucksack helfen könnte. Ich lehnte dankend ab. Ich frage zurück, woher er kommt, was er macht. Er sei von hier, aus Guaymas. Ob ich das «Creativo» in San Carlos kennen würde, fragt er mich. Ein Kreativatelier, das auch diverse Kurse wie Töpfern und Malen anbietet. Er arbeitet dort und meint, das wäre ein guter Ort, um Leute kennenzulernen, also hauptsächlich Gringos (Amerikaner). Es sei von Guaymas gut mit dem Bus erreichbar. Ich weiche aus, ich möchte gerade keinen Kurs machen, um neue Leute kennenzulernen. Mit dem Schiff habe ich das auch so schon fast täglich.

Er fragt, ob er mich ein Stück begleiten darf und erzählt er mir, dass er bald sein erstes Buch veröffentlichen wird, an dem er seit 4 Jahren gearbeitet hat. Worum es in seinem Buch ging, fragte ich ihn. Um seine Offenbarung. Er sei früher drogenabhängig gewesen. Ein alleinerziehender Vater, verzweifelt, depressiv, suizidal. Er wollte nicht mehr, ging in die Wüste und liess alles los. Dann hatte er seine Offenbarung.

Wir sind nun bei der Wäscherei angekommen. Er bedankt sich für das Gespräch und verschwindet in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Denn er wollte eigentlich nur Geld abheben.

Francisco – Der Allrounder

Ich bin allein mit Milagros in Guaymas vor Anker. David ist auf dem Weg nach Hongkong. Ich lasse das Dinghy ins Wasser. Ich bin müde, es hatte viel Wind in der Nacht und ich wachte deshalb oft auf. Aber ich möchte an Land gehen. Ein bisschen Bewegung. Und unsere Wasservorräte auffüllen. Dazu bringe ich zwei leere 20-Liter Flaschen mit an Land. Die Wasserauffüllstation ist 500 m entfernt, also distanzmässig gut machbar. Am Dock hat es einen Karren, den ich sicher borgen konnte.

Auf halbem Weg hält ein Auto mit offenen Fenstern neben mir. Jemand grüsst mich mit meinem Namen. Ob ich Hilfe mit den Wasserflaschen benötigte. Es ist Francisco. Er ist Allrounder-Tagelöhner und hilft bei allem, was mit Schiffen zu tun hat. Ein anderer Segler hatte uns ein paar Wochen zuvor einander vorgestellt. Schon ist er ausgestiegen und fängt an, die Wasserflaschen und den Karren in sein Auto zu laden. Er käme gerade aus San Carlos. Jemand hätte Arbeit für ihn gehabt, sei dann aber einfach nicht aufgetaucht. Jetzt kam er hier her, um zu schauen, ob es was zum Arbeiten gab.

Wir fahren zur Wasserstation, lassen die Flaschen füllen. Ich darf keine der vollen Flaschen tragen. Wir fahren zurück zu der Marina. Francisco lädt die Flaschen aus und hievt sie ins Dinghy. Ich möchte ihm ein Trinkgeld geben. Er schaut mich nur komisch an und meint, er wolle keins. Es sei ein Freundschaftsdienst. Dann gab er mir seine Nummer. Falls ich mal wieder Hilfe bräuchte.

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