Es ist kompliziert

Wir haben ja schon das eine oder andere Mal davon berichtet, dass das Seglerleben nicht immer nur ein Ponyhof ist. Aktuell ist unsere Seglermotivation, vor allem meine, wie eine Fahne im Wind. Mal zeigt sie Richtung Süden, Richtung Panama, und manchmal gegen Westen zur Sea of Cortez oder eben auch manchmal nach Osten, nach Hause.

Es war mal wieder diese Zeit des Jahres. Ich flog für die Arbeit rund um den Globus. Ich bin jetzt schon über 10 Jahre bei meinem Arbeitgeber angestellt und habe abertausende Flugmeilen zurückgelegt. Ich mache die Geschäftsreisen extrem gerne, auch wenn sie in meinem derzeitigen Arbeitsverhältnis überdurchschnittlich lange Flugreisen aus Mexiko nach Asien beinhalten. Da ich mal eine Pilotenlizenz gemacht habe und von allem, was fliegt sowieso angefressen bin, macht mir das viele und lange Fliegen genau gar nichts aus. Und ich freue mich jedes Mal meine Gspänli wieder zu sehen.

Es fängt nicht gut an

So verschlug es mich dieses Mal wieder nach Bangkok. Pati blieb allein auf Milagros. Die Zeit in Thailand verging rasch, und schon bald war ich wieder zurück in Guaymas und auf Milagros. Vor drei Monaten waren wir mit dem Plan nach Mexiko gereist, maximal drei Wochen in Guaymas zu bleiben. Nun waren wir immer noch da. Drei Monate waren wir noch immer nicht losgezogen und das Schiff dümpelte in einer Marina vor sich hin. Das frustrierte mich nach meiner Rückkehr massiv, was nicht gerade zu guter Stimmung an Bord beitrug.

Kaum zu glauben

Alles, wirklich alles nervte mich. Das Leben auf einem Segelschiff, ich sag's euch. Manchmal sind wir einfach nur erschöpft und hässig. Wir haben im Vorfeld viel gelesen und gehört. Es sei viel Arbeit - es ist in allen Belangen mehr Arbeit als wir es uns jemals hätten vorstellen können. Es sei traumhaft - es ist berauschend schön und wird uns für immer prägen. Man muss es erlebt haben, um sich diesen Lifestyle überhaupt vorstellen zu können. Nun aber genug des bedeutungsschwangeren Gefasels. Denn wo Schatten ist, ist ja immer auch Licht. Abgesehen von den Reibereien haben wir natürlich wieder viel Tolles erlebt.

Aber es geht weiter

Disclaimer, es folgt eine Ladung Tech-Talk! Pati hatte viele, viele Arbeiten am Schiff getackled als ich weg war. Was noch fehlte, war ein Regulator für unseren Alternator. Denn mit unserer neuen Lithium-Batteriebank war dieser in Gefahr. Unsere neuen Batterien können um ein Vielfaches mehr Energie aufs Mal zum Laden aufnehmen als ihre Vorgänger. Eigentlich so viel wie sie nur können. Das macht sie toll, aber auch gefährlich, denn man muss das restliche System förmlich vor ihren Energiehunger schützen.

Sicherheit geht vor

Hungrige Lithiumbatterien in einem ungeschützten System können einzelne Komponenten überlasten, weil sie zu viel Strom saugen wollen. Und was passiert bei Überlastung und zu viel Energie in einem elektrischen System? Richtig - Hitze. Und bei zu viel Hitze? Genau - Funken und Feuer. Und was wollen wir an Bord Milagros nicht? Jawoll - Funken und Feuer. Somit mussten wir die Stromzufuhr für unsere neuen Batterien regulieren.

Überlastungsschutz

Ein Alternator kann so ein Opfer der Überlastung sein. Wie in eurem Auto sitzt er am Motor und wandelt die Umdrehungen des Motors in Strom um. Ein Alternator kann je nach Grösse aber nur eine begrenzte Menge an Strom liefern. Die Lithiumbatterien an Bord von Milagros kümmert dieses Limit herzlich wenig. Die würden den armen Alternator einfach völlig aussaugen, überlasten und durchbrennen lassen.

Regulator zur Stelle

Da kommt der Regulator ins Spiel. Er wird zwischen den Alternator und die Batterien verkabelt. Wie der Name schon sagt, reguliert dieser den Stromfluss vom Alternator zu den Batterien und man kann so genau definieren, wie viel Leistung der Alternator bringen soll/muss. Zum Glück hatten unsere beiden Freundinnen auf SV Holoholo genau einen solchen Regulator ungebraucht an Bord rumliegen. Auch unser Elektro-Guru Lucas war noch zugegen und so nutzten wir unsere Chance für den Einbau.

Der installierter Alternator Regulator

Ein Upgrade muss her

Lucas stand uns wie immer stundenlang und mit einer Engelsgeduld mit Rat und Tat zur Seite. Im Gegenzug fütterten wir ihn mit allem, was die Kombüse hergab. Und wer hätte das gedacht? Wir brauchten einen neuen, grösseren Alternator. Unser derzeitiger Alternator war zu klein fürs neue System. Ich erspare euch mehr Details, genug eines erneuten Deep Dives in Schifftechnik.

Eine Extrawurst

Nach den üblichen Umwegen waren wir ein paar Tage später stolze Besitzer eines neuen, über 4-mal stärkeren und preiswerten Alternators. Er brauchte aber ein paar Modifikationen an seiner Verkabelung, um ihn vom "Auto‐" auf "Schiffsmodus" umzubauen – von einem internen auf einen externen Regulator um genau zu sein. Einfacher gesagt als getan, denn die allermeisten mexikanischen Werkstätten kennen eigentlich nur den "Automodus".

Es wird umgebaut

Als wir mit unserem neuen Alternator in der Werkstatt unseres Vertrauens ankamen, hatten wir das Gefühl, dass der Mechaniker unsere Anweisungen tatsächlich verstanden hatte. Wir durften ihm bei den Anpassungen sogar über die Schulter schauen. Ein junger Mitarbeiter fuhr vor Schreck zusammen als plötzlich unbekannte Gesichter hinter der Theke auftauchten. In Mexiko heisst das leider zu oft "Überfall" und bei ihm schrillten schon die Alarmglocken. Sorry dafür! Kurz darauf machte sich der Chef ans Werk. Man beachte die Poster an der Wand im Hintergrund. So gehört sich das doch für eine echte Werkstatt, oder nicht?

Umbau à la Mexique

Zurück auf Milagros bewahrheitete sich, was sich Lucas insgeheim schon gedacht hatte (und wir uns beim Zuschauen auch). Die Anpassungen waren "gemexxert", wie wir es liebevoll nennen, wenn's zwar funktioniert, aber weder perfekt sein muss noch lange halten soll. In diesem Fall war die Arbeit gut genug für ein altes mexikanisches Auto, aber nicht für ein Segelschiff, das nicht einfach rechts ranfahren kann, wenn's raucht und funkt im Motorenraum. So nahm Lucas kurzerhand alles wieder auseinander und baute es besser wieder zusammen. Und siehe da - nach dem Einbau funktionierte alles prächtig.

Ein Genie am Werk

Wir können dem polnischen Kraken (Lucas) gar nicht genug danken für seine Mithilfe. Er ist eine lebende Legende, der sogar schon T-Shirts gewidmet wurden. Er hilft wo er kann auf zahllosen Schiffen in Guaymas und San Carlos und ist einfach nur ein Genie. Wir wissen gar nicht was wir ohne ihn machen würden. Leider kommt wegen seiner Hilfsbereitschaft aber die Arbeit an seinem eigenen Schiff zu kurz, wie er sagt.

Ein Hoch auf Lucas

Wir wollen Lucas ein wenig unter die Arme greifen, und deshalb werden alle Spenden ins Bierkässeli für diesen Post direkt weiter in "Modelo Negro", sein mexikanisches Lieblingsbier reinvestiert! Also zückt eure Geldbeutel und Kreditkarten! Machen wir Lucas zusammen eine Freude! Klickt unter dem Post auf den Link (oder den hier) und helft uns, den Biervorrat von Lucas aufzufüllen.

Auf die Plätze, fertig, los

Nun waren wir eigentlich soweit ready zum Ablegen. Trotz niedriger Moral an Bord wollten wir einen Anlauf nehmen und so schnell wie möglich eine eineinhalb Tage lange Passage nach Topolobampo zurücklegen. Unsere (nicht vorhandene) Liebe zu nächtlichen Segelreisen kennt ihr ja schon. Aber eine Nacht würde ja wohl drin liegen. Also ging es eines morgens in aller Herrgottsfrühe los. Aber es war einfach nur der Wurm drin. Denn kaum hatten wir um vier Uhr in der Früh abgelegt ging's los.

Ein schlechter Start

Wir hatten unseren Liegeplatz kaum verlassen, machte Milagros einfach, was sie wollte. Ich konnte steuern so viel ich wollte, Milagros zog einfach ihr eigenes Ding durch. So vollführten wir im Hafenbecken rückwärts eine komplette 360°-Pirouette in die falsche Richtung. Auf sehr begrenztem Raum mit nur einem Meter Wasser unter den Kiel, nota bene. Das Einzige, was ich tun konnte, war das Schiff kontrolliert durch die Drehung zu führen, bevor wir in die richtige Richtung aus der Marina ausfahren konnten. Zum Glück hat das keiner gesehen. Das Ruder des Windpiloten war nicht fixiert und verfälschte somit all meine Ruderbewegungen komplett. Sauglatt und ein neuer Punkt auf unserer Checkliste.

Es wird nicht besser

Doch damit nicht genug. Wir hatten kaum das vermeintlich sichere Hafenbecken verlassen, als der Stress weiterging. Nicht nur dass Fischer in grenzenloser Voraussicht ein Netz quer über den halben Kanal ausgelegt hatten, durch den wir ausfahren mussten. Nein, Pati hatte sich bereits mit Taschenlampe am Bug positioniert, als wir merkten, dass wir auch noch durch ein Minenfeld von Krabbenfallen navigieren mussten. Überall schwimmende Petflaschen an Schnüren, die in die Tiefe führten. Erstklassige Fallen nicht nur für Krabben, sondern auch für Bootspropeller. Danke dafür, liebe Fischer. So viel zum Thema Nachtfahrten. Zu allem übel regnete (ja, Regen!!!) auch noch.

Und noch einen obendrauf

Wer gedacht hat das war's, liegt falsch. Gerade als die Bahn wieder frei war und wir auf dem offenen Wasser unseren kleinen Autopiloten in Betrieb nehmen wollten, spann dessen Stecker und wollte nicht. Zu viel für mich. Scheiss auf Topolobampo, scheiss auf das mexikanische Festland, Panama und scheiss sowieso auf alles, was mit Segeln zu tun hat. Schimpfend und fluchend gingen wir in der Bahia Carricito vor Anker. Wir wussten nicht, ob unser Autopilot das Zeitliche gesegnet hat oder einfach nur einen Wackelkontakt hatte. Und mit der schlechten Stimmung hatten wir auch keine Lust auf diesen langen Schlag. Und damit verpassten wir dann auch das gute Wetterfenster.

Ein rares Phänomen

Was unsere Laune aber ein bisschen hob, war ein rares Wetterphänomen: Regen! Es war schon den ganzen Morgen lang bewölkt, aber als der Regen startete, hörte er einfach nicht mehr auf. Eine Stunde lang regnete es. Du wunderst dich jetzt vielleicht, weshalb Regen unsere Laune hob. Weil es hier nie regnet. Oder wenn es einmal regnet, dann nur ein paar Tropfen. So sassen wir im Cockpit und genossen diesen wundervollen Moment.

Das war’s

Danach machten wir für ein paar Tage einfach mal überhaupt gar rein nichts. Nada. Niente. Als wir uns wieder gefangen hatten, waren wir in einem Punkt ziemlich schnell einer Meinung - tagelange Überfahrten und möglichst viele Seemeilen gen Süden zurückzulegen lag in der momentan einfach nicht drin. Die ganze Situation war doch ein wenig zu fragil und die Nerven arg überstrapaziert. Wir entschieden uns, die Sache Tag für Tag neu anzugehen. Und siehe da - die Gemüter beruhigten sich wieder. Vielleicht machten wir uns mit unseren Panama-Plänen unterbewusst mehr Druck als wir gemeint hatten.

Man hat nie ausgelernt, schon gar nicht auf einem Segelschiff. Wie es jetzt weitergeht? Who knows – wir haben keine Ahnung. Die Zeit wird’s zeigen. Alles ist möglich.

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