Spieglein, Spieglein an der Wand

Vor unserer Abreise in die Schweiz wollten wir noch ein paar Knöpfe an gewisse Projekte dran tun. Wir kümmern uns um das Ruder, den Mast und den Anstrich unseres Freibords und erzielen zumeist Teilerfolge. Ausserdem kämpfen wir uns durch den mexikanischen Bürokratiedschungel. "Einfach" gibt’s nicht.

Durch unsere geplanten "Ferien" in der Schweiz kamen wir wegen dem Streichen des Freibords fast wieder in Stress. Nämlich genau jetzt, als wir parat waren, war es das Wetter nicht. Schon als Pancho die Grundierung aufgetragen hatte, war es eigentlich zu windig und zu heiss. Da es aber «nur» Grundierung war, war das nicht so tragisch. Jetzt wollten wir aber die erste Schicht des Schlussanstrichs sprayen – und da kommt es wirklich auf optimale Konditionen an. Das Beste wäre natürlich die Lackierhalle zu mieten, aber aus Gründen klappte es vor unserer Abreise nicht. Da die Grundierung nicht UV-fest ist, musste aber wirklich unbedingt diese eine erste Schicht drauf.

Wir bereiten vor

Wir beobachteten die Windvorhersagen ständig und bestellten dann Pancho für einen Morgen, der ok aussah – zwar nicht optimal, aber auch nicht schlecht. Um 6 Uhr sollte er mit sprayen beginnen, denn dann schien die Sonne noch nicht auf die Hülle und es war noch nicht so heiss. In den 7 Tagen, die seit dem Auftragen der Grundierung vergangen waren, haben wir letzte kleine Löcher gespachtelt und die Oberfläche mit 220er Schleifpapier geschliffen. Und wir haben die Hülle mit Wasser und Seife gewaschen und auf gutes Wetter gewartet.

Schweizer Denkfalle

Als es dann soweit war, standen wir sehr früh auf, um den Abdeckplastik wieder zu montieren, die Hülle mit einem Staubbindetuch abzuwischen und die letzten Vorbereitungen zu treffen. Als die Kirchturmuhr 6 schlug (also nicht wirklich, da dies die Kirchen hier nicht tun, oder wir es einfach nicht hören), war aber kein Pancho da. Vermutlich wieder die Schweizer Denkfalle. 6 Uhr ist 6 Uhr in der Schweiz. In Mexiko ist das eher ein Richtwert. Um 6.30 Uhr stand dann aber Pancho auf der Matte. Gerade noch rechtzeitig, da die Sonne schon auf die Hülle zu scheinen begann.

Ob es wohl gelingt?

Wir waren echt nervös. So viele Stunden hatten wir (also vor allem Dave) schon in das Freibord investiert. Schleifen, spachteln, schleifen, streichen, schleifen, spachteln, schleifen, streichen, usw. Der Abschluss dieses Projekts war schon so lange überfällig, aber irgendwie kam immer etwas dazwischen – es war, als ob unser Freibord verhext wäre. Als wir zum Beispiel für das Sprayen der Grundierung die Plastikabdeckung angeklebt hatten, gab es in jener Nacht Böen bis zu 47 Knoten (ca. 90 km/h). Es zerriss uns an gewissen Stellen das Plastik und Dave musste mitten in der Nacht aufstehen, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Normalerweise windet es zu dieser Jahreszeit nicht so stark. Ausserdem hatten wir uns ja für die günstige Einkomponentenfarbe entschieden und waren deshalb doch etwas in Sorge, ob das Ergebnis sich sehen lassen würde.

Ein Spiegel

Nach einer Stunde war Pancho fertig mit Sprayen. Ich konnte das Ergebnis nicht sehen, da ich während dem Sprayen auf dem Schiff blieb, um von oben her assistieren zu können. Und ich musste auch noch so lange oben bleiben, bis dass die Farbe trocken genug war und wir uns trauten, die Leiter wieder hinzustellen. Aber Dave war sehr glücklich mit dem Ergebnis! Milagros glänzte wie verrückt und in der Oberfläche spiegelte sich die Umgebung.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?
Über den sieben Meeren, hinter den sieben Bergen,

im Yard von Peñasco bei den beiden Zwergen,
lebt Milagros, die Schönste von allen.

Nachbearbeitung

Um die vielen, vielen Insekten, die in der Farbe klebten, da sie sie für Wasser hielten, würden wir uns nach dem Trocknen kümmern. Als es dann noch kurz regnete (was es eigentlich hier um diese Jahreszeit nicht tut), war die Farbe zum Glück schon genügend angetrocknet. Leider hat der Wind dann doch noch aufgefrischt und den Abdeckplastik an gewissen Stellen in die Farbe geweht. Da wir vor dem nächsten Anstrich die Oberfläche nochmals anschleifen müssen, sollte das zum Glück kein Problem sein. Um diese Imperfektionen kümmern wir uns dann aber erst, wenn wir wieder zurück sind aus der Schweiz.

Einige Insekten klebten fest

Es fällt (nicht) auf

Von weitem fielen aber all diese Imperfektionen niemandem auf. Von rund herum erhielten wir Glückwünsche zum Anstrich. Er ist auffällig, denn er ist wirklich schön und glänzend. Und praktisch kein anderes Schiff auf dem Boatyard glänzt so fest wie unsere Milagros. Mal schauen, wie lange dieser Anstrich so schön bleiben wird 😊 Und Milagros sieht nun endlich nicht mehr so heruntergekommen aus. Es macht wieder richtig Freude, das Schiff anzuschauen. Wir feierten unseren Erfolg bei einer kleinen, aber feinen Poolparty bei zwei Böötlern, die momentan auf einem leeren Campingplatz wohnten und so den Pool komplett für sich alleine hatten.

"Unser" Pool

Neuer Borddurchlass

Wir konnten noch ein weiteres Projekt von der Liste streichen (also fast): einer der zwei neuen Borddurchlässe – der für das Waschbecken in der Küche – ist nun montiert. Dafür haben wir die Hilfe von Marga in Anspruch genommen, denn wir hatten ziemlich Respekt davor, ein Loch in die Hülle zu bohren und etwas so Kritisches alleine einzubauen. Wenn es nämlich nicht richtig gemacht wird, kann das Boot sinken. Da wir nun wissen, wie es funktioniert, werden wir den zweiten Borddurchlass alleine installieren. Item. Wir konnten nun den Abwasserschlauch vom Waschbecken am neuen Borddurchlass anschliessen und das letzte Loch in der Hülle schliessen.

Das Ruder ist repariert

Auch das Projekt Ruder machte zwei Schritte vorwärts (und einen zurück). Wir hatten beschlossen, dass das Ruder noch gut genug für eine Saison in der Sea of Cortez ist. Ein Neubau des Ruders ist jetzt einfach zu viel. Deshalb schlossen wir die beiden Inspektionslöcher am Gerippe. Dazu haben wir Pfropfen aus Fiberglas mit Epoxidharz reingeklebt, danach eine Delle angeschliffen und mit drei Schichten Fiberglasmatte versiegelt.

Beim Auffüllen der freigelegten Stelle am Ruderschaft haben wir versehentlich Epoxidschaum hergestellt. Es war uns schon ein bisschen peinlich, dass uns dieser Anfängerfehler nach so vielen Monaten unterlief. Was war passiert?

Chemie für Anfänger

Epoxidharz ist temperatur- und volumenempfindlich. Und bei der Katalyse der Mischung wird Energie in Form von Wärme freigesetzt; eine sogenannte exotherme Reaktion entsteht, wenn sich die chemischen Bindungen bilden und das Harz aushärtet. Je höher also die Umgebungstemperatur und das verwendete Epoxidvolumen, desto grösser die erzeugte Wärmemenge. Wenn also die Epoxidschicht zu dick, die Umgebungsluft zu warm, oder die vorhergehende Schicht noch nicht abgekühlt ist, entsteht zu viel Wärme. Dann bilden sich Blasen und Rauch. In unserem Fall kamen die 3 Faktoren zusammen und unsere Arbeit begann zu kochen. Tja. Also alles nochmal von vorn.

Rohe Gewalt – wieder einmal

An unserem Mast befanden sich nach wie vor Bolzen und Schrauben, die sich partout nicht lösen wollten. Marga hatte die Idee, dass wir uns an einem Freitag mit Bier und Pizza bei Milagros trafen, und uns um diese Renitenten kümmerten. Und das taten wir auch, aber erst nach Bier und Pizza. Zu später Stunde war Marga topmotiviert, um den Willen dieser Bolzen zu brechen. Marc von SV Liquid stellte dazu zwei lange Metallrohre als Hebel zur Verfügung. Und siehe da: 2 der 3 Bolzen bewegte sich. Um den dritten konnten wir uns leider nicht kümmern – er hatte einen anderen Durchmesser (warum auch immer) und uns fehlte – Überraschung – die passende Grösse. Aber immerhin zwei waren nun gelöst.

Impfdschungel

Für unsere Heimreise wollten wir sicherstellen, dass unsere Impfung unterwegs auch akzeptiert wurde. Vor allem bereitete uns Sorgen, dass das von der Schweiz geforderte Geburtsdatum nicht auf unserer Bescheinigung stand. Dazu verfolgten wir gleichzeitig zwei verschiedene Ansätze.

Eine Sackgasse

Weg #1 war der Versuch, von einem Arzt einen Bestätigungsbrief für die Impfung zu erhalten. Salvador, der Yard Manager, gab uns die Kontaktdaten eines Arztes in Peñasco. Wir schickten ihm einen kurzen Text, der alle benötigten Angaben enthielt. Zwei Tage später konnten wir die Briefe abholen. Vielleicht machte ich den Fehler und fragte, wie viel es kostete. Die Empfangsdame konnte uns das jedoch nicht sagen. Uns traf aber fast der Schlag, als wir uns die Briefe anschauten. Sie waren von einem Schönheitschirurgen und enthielten Schreibfehler. Man hätte ja erwarten dürfen, dass zumindest der Impfstoff richtig geschrieben ist. War er aber nicht. Ein bisschen später erhielt ich die Nachricht, dass wir nochmals in der Praxis vorbeimussten, um zu bezahlen. Satte CHF 80 wollten sie von uns! Wir weigerten uns, und brachten die Briefe einfach wieder zurück.

Es wird kompliziert

Also versuchten wir, einen anderen Arzt zu finden. Dazu rief ich in einer Klinik an, die uns dann an das Allgemeinkrankenhaus verwies. Wir statteten dem Krankenhaus einen Besuch ab und wurden dann zuerst vom dortigen Apotheker zu einem Wachmann geschickt, der dann mit einem Arzt sprach, der uns wiederum an eine andere Ärztin zwei Blocks weiter verwies. Dort setzten wir uns ins Wartezimmer und als wir an der Reihe waren, erklärten der dortigen Ärztin unsere Situation. Ihr Vorschlag war, dass wir im Labor um die Ecke einen Antikörpertest machen und sie uns dann ein ärztliches Zeugnis ausstellen könnte. Also gingen wir zum Labor, was aber gerade geschlossen war. Später rief ich dort an, und konnte in Erfahrung bringen, dass ein Test CHF 75 kostete und das Resultat innerhalb von 2 Stunden vorlag. Wir behielten diese Info mal im Hinterkopf.

Die Weiterleitung

Weg #2 war der Versuch, an das digitale Zertifikat heranzukommen. Das Problem war, dass bei der Eingabe unserer Nummer für den Download eine Fehlermeldung erschien. Eine Mitarbeiterin des Boatyards unterstütze uns und telefonierte – leider ohne Erfolg – mit verschiedenen Behörden. Am Ende konnte sie nur die Empfehlung weitergeben, uns an das "Centro de Salud Urbano" zu wenden. Das taten wir auch und wurden dort von einer sehr netten Mitarbeiterin an das "Centro para el Bienestar" verwiesen. Dort würden in diesem Moment die Impfbescheinigungen sortiert und ins System eingegeben. Die Vermutung war, dass unsere Dokumente einfach noch nicht digitalisiert waren und sie das vielleicht direkt vor Ort schnell machen konnten.

Wieder am Anfang

Unsere Hoffnung wurde dann aber rasch wieder zerstört. Zwar hantierten die Mitarbeiter dort mit allerlei Impfbescheinigungen, die gleich aussahen wie unsere. Doch uns wurde mitgeteilt, dass sie einerseits tatsächlich ziemlich im Verzug waren mit der Eingabe der Daten, aber zudem auch das System generell gerade nicht funktioniert. Uns wurde aber versichert, dass das, was wir in den Händen hielten, das offizielle Impfzertifikat war. Und dass jeder geimpfte Mexikaner auch nur dieses Dokument vorweisen konnte.

Unser offizieller Impfnachweis

Was nun?

Wir hatten also alles getan, was in unserer Macht stand, ohne zu einem gescheiten Resultat zu gelangen. Wir entschieden uns deshalb einfach, es darauf ankommen zu lassen. Alle 56 Millionen geimpften Mexikaner hatten ja auch «nur» dieses Papier. Der Witz an der ganzen Sache: Wir schickten versuchshalber unsere Mexikanischen Impfbescheinigungen an das Schweizer Bundesamt für Gesundheit und erhielten innerhalb von 4 Stunden das offizielle Schweizer Impfzertifikat. Haha. Die ganze Mühe in Mexiko umsonst.

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