Es ist soweit!! Wir können los!

Patis Eltern sind schon wieder abgereist, als bei mir plötzlich ein Covid-Schnelltest positiv ist, trotzdem geht die Arbeit weiter. Die Liste wird zwar immer kleiner, trotzdem müssen wir vorwärts machen. Gefühlt seit einem halben Jahr sagen wir, dass die Reise in zehn Tagen losgeht. Und trotzdem sitzen wir noch immer in Puerto Peñasco fest. Aber Gut Ding will Weile haben. Das ist nun mal so. Und plötzlich geht es trotzdem Schlag auf Schlag und wir stehen an der Türschwelle zum grössten Abenteuer unseres Lebens.

Sailors having fun on a Kelly Peterson 44

Mit leichtem Husten und Schlappheit hatte ich das Gefühl, dass bei mir eine Erkältung im Anmarsch war. Da die Symptome verdächtig waren, machte ich einen Covid-Schnelltest. Und siehe da: Ich hatte irgendwo den Virus aufgelesen. Patis Test war negativ. Glück gehabt. Trotzdem hiess es: Quarantäne für Milagros. Ich bezog also Isolationshaft in der kleinen Bugkabine, aus der ich über das Fenster im Deck auch noch Auslauf geniessen konnte. Auf diesem Weg konnten sich Pati und ich gut voneinander isolieren und trotzdem vorwärts machen. Ich nutzte die Gunst der Stunde für einen Service unserer Winschen.

Kurbeln! Kurbeln! Kurbeln!

Auf einem Segelschiff helfen diese Kurbeln bei der Bedienung der Leinen und erzeugt einen Hebel, damit die Leinen trotz grösster Zugkraft der Segel sicher bedient werden können. Die Mechanik der Winschen besteht aus einer Vielzahl Zahnrädern und Lagern, je grösser die Winsch, desto mehr davon findet man vor. Je nach Grösse, Typ oder Marke unterscheidet sich die Mechanik. Manchmal ist sie ganz simpel, manchmal arg kompliziert.

Winsch Service

Wir haben auf Milagros schlappe 14 Winschen verteilt über das ganze Cockpit und Vordeck. Also hiess es: Ran an die Arbeit. Da wir schlichtweg nicht wussten, wann unsere Winschen zum letzten Mal einen Service genossen haben, liess ich mich überraschen. Und als ich das Innenleben der ersten Kandidatin in Augenschein genommen hatte, war der Fall klar: Auf mich wartete ein Haufen Arbeit. Der Vorbesitzer hatte nicht mit dem Fett gespart. Somit wurde der Winsch-Service mehr zu einem Putz-Service. Ich verbrachte Stunden um Stunden damit, überschüssiges und eingetrocknetes Fett, Dreck, alte Abgasablagerungen aus Ensenada, und sonstiges Geschmiere zu entfernen. Aber die Arbeit lohnte sich: Nach und nach wurden unsere Winschen wieder auf Vordermann gebracht. Und just als ich dachte, dass ich mit meinem Winsch-Projekt fertig war, machte mich Pati darauf aufmerksam, dass sich noch weitere Exemplare unter unseren Abdeckungen versteckten. Puuuuuuh!

Die Isolation vergeht wie im Flug

Die Isolation auf dem Schiff funktionierte tadellos. Wenn ich an Deck war, war Pati im Schiff, wenn Pati an Deck war, verschanzte ich mich in der Bugkabine. Da unser WC im Vorderschiff zwei Türen hatte, wurde es kurzerhand zur Fütterungsklappe umfunktioniert. Sobald Pati abends im Bett war konnte ich mit Maske kurz in den Salon um meine diversen elektronischen Unterhaltungsmedien (Handy, Tablet und Nintendo Switch) einzustecken. So vergingen die 10 Tage im Nu, wir erhielten auch ab und zu Besuch von unseren Freunden im Boatyard, die uns mit Pizzalieferungen oder anderen Besorgungen versorgten. Danke dafür!

Wir helfen einem Katamaran

Als unsere Isolation vorbei war, half Pati direkt einer Familie auf einem Katamaran namens «Dappere Dodo» in einer anderen Marina im Hafenbecken dabei, ihr Vorstag zu ersetzen. Im letzten Moment vor ihrer Abreise aus Peñasco hatten sie herausgefunden, dass eine ihrer wichtigsten Mastabstützungen dabei war, auseinander zu fallen. Nicht gut und das musste behoben werden. Da sie herausgefunden hatten, dass wir unsere gesamten Abstützungen im Alleingang ersetzt hatten, erfragten sie uns um Hilfe. Machten wir natürlich gerne und die Aktion war auch erfolgreich. Als die fliegenden Holländer sich aus dem Staub machten, liessen sie es sich nicht nehmen, noch schnell bei uns vorbei zu schauen und zum Abschied zu winken. Wer weiss, vielleicht holen wir sie ja noch ein.

Zeit für unser eigenes Rigging

Und somit war es Zeit für unser eigenes Rigging. Dieses wollte endlich fertig eingestellt werden. Wir hofften, dass wir zur Hilfe auf Jamie von SV Totem zählen konnten, die im Cabrales Boatyard dabei waren, ihr Schiff auseinander zu nehmen und wieder zusammen zu bauen. Totem sind eine super erfahrene und bekannte Seglerfamilie, die mit ihrem Schiff schon kreuz und quer in der Weltgeschichte herumgekommen sind. Jamie ist Segelmacher und kennt sich mit Rigging und eigentlich auch sonst allem was mit Segelschiffen zu tun hat bestens aus, deshalb hatten wir grosse Hoffnungen, dass er uns bei unseren Stahlseilen unter die Arme greifen konnte. Das war aber leider nicht der Fall, denn Totem haben im Moment dermassen viel zu tun, dass sie wahrscheinlich gar nicht wissen wo ihnen der Kopf steht! Sie nehmen es aber mit Humor. Glauben wir zumindest.

Ein wichtiger Teil unseres Schiffs

Also mussten wir uns mal wieder selber zu helfen wissen. Aber macht nichts, ist ja nicht das erste Mal. Marga versorgte uns mit einer “Loos Tension Gauge”, einem Gerät mit dem sich die Spannung der Stahlseile unserer Mastabstützungen messen liess. Oder so. Wahrscheinlich ist alles viel komplizierter. Aus der Kelly Peterson 44 Owners Group, der Online-Versammlung der stolzen KP44 Besitzer, wurden wir bei einem PDF fündig, woraus wir die Spannungen für unser Rigging herauslesen konnten. Die Spannung lässt sich mit Spannschlössern auf Deck anpassen, die wiederum an unseren wunderschönen neuen Titan-Püttings festgemacht sind (ihr erinnert euch vielleicht an unser Pütting-Desaster), die wiederum an der Hülle von Milagros festgeschraubt sind. Die Spannung richtig hinzukriegen ist unglaublich wichtig, da das Rigging unter anderem dafür verantwortlich ist, dass unser Mast auch bei noch so widrigen Bedingungen schön fest im Schiff bleibt, sich nicht irgendwo hinbewegt wo er nicht soll, sich ungünstig verbiegt und Fehllasten erzeugt oder sogar bricht.

Was ist denn jetzt wieder los??

Nach anfänglicher kompletter Verwirrung unsererseits, die schon fast in Verzweiflung umschlug, weil wir das Gefühl hatten, dass all unsere Stahlseile zu lang sind, konnten wir einen Nervenzusammenbruch nur abwenden, weil wir auf halbem Weg herausgefunden haben, dass eine kleine Schnur die war, wo sie nicht sein sollte, unsere Messergebnisse völlig verfälscht hatte. Nach ein bisschen Weiterfluchen und etwa 5 Ausflügen auf dem Mast von mir, bei denen ich mich völlig verbiegen musste, war es dann geschafft. Wir ersparen euch die Details. Jedes Mal, wenn wir irgendwo was angezogen haben, hat danach woanders was wieder nicht mehr gestimmt und trotzdem haben wir es irgendwie hingekriegt, unser Rig ziemlich genau auf die Angaben im PDF anzupassen. Ob alles richtig eingestellt ist, werden wir erst sehen, wenn einmal ein wenig Druck in den Segeln ist. Auch kann mal die Feinanpassungen erst machen, wenn das Schiff auch Mal wirklich segelt. Gut genug für eine Testfahrt war unsere Arbeit aber allemal.

Wir testen Milagros zum allerersten Mal!

Diese fand kurz darauf an einem sonnigen und windstillen Nachmittag statt. Chris und sein Sohn Brett von SV Avalon waren sofort dabei, als wir sie fragten ob sie Bock hätten, mitzureiten. Dies nicht nur, weil sie zwei coole Socken sind, sondern auch weil wir wussten, dass wir ein paar Hände, Augen und Ohren mehr gut gebrachen konnten. Auf dem Programm stand eine Testfahrt unter Motor aus dem Hafenbecken hinaus ins offene Wasser und ein Ankermanöver. Die Segel konnten wir noch nicht hissen, weil noch ein paar Ersatzblöcke für die Leinenführung auf dem Deck eingebaut werden mussten. Die alten Blöcke hatten langsam aber sicher UV-Schäden und wir trauten den Dingern nicht mehr über den Weg. Einer war während der Überführung Ende 2019 sogar in tausend Stücke zerborsten.

Endlich auf dem offenen Wasser

Gesagt, getan und schon bald tuckerten wir aus dem Hafenbecken von Puerto Peñasco hinaus. Wir fuhren hinaus aufs offene Wasser und merkten schnell, was uns da so erwartete: Was für ein eindrückliches Erlebnis. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im November 2019 konnte Milagros den Hafen wieder verlassen. Fröhlich schnurrte der Motor in ihrem Bauch und wir sogen einfach nur die Szenerie und die Meeresluft in uns hinein, während unser Schiff fröhlich vor sich hinschaukelte. Unterwegs testen wir die Steuerkabel, indem wir paar enge Runden drehten, schauten nach ob alles dicht war, was dicht sein musste und ob unsere Installationen auch unter Last ihre Arbeit machten. Alles gut soweit, und auch unser allererstes Ankermanöver in 8 Metern Wassertiefe über sandigem Grund direkt vor dem Strand verlief ohne Zwischenfälle.

Wir wechseln die Marina

Vor unserer kleinen Ausfahrt hatten wir uns entschieden, den Platz am Dock der anderen Marina, der durch die Abfahrt von Dappere Dodo freigeworden war, zu übernehmen. Dies hatte einen einfachen Grund: Wir hatten das Gefühl, dass wir zum Ab- und Anlegen an der Marina viel mehr Platz zur Verfügung hatten. Zudem kostet die Nacht auch nur halb so viel. Das Anlegen klappte ganz ordentlich, nicht zuletzt dank der Hilfe von ein paar Leuten am Dock, die auf dem Angel-Motorbooten arbeiten und sowieso in der Marina zugegen sind. Somit hatten wir allerlei Leute zur Verfügung, denen wir unsere Leinen vom Schiff aus ins Gesicht werfen konnten.

Ein paar kleine Anpassungen hier und da

Ein erfolgreicher Testlauf unter Motor – das konnte nur eines heissen. Wir mussten das Schiff bereit zum Segeln kriegen. Die Ersatzblocks waren schnell montiert, weil wir vor dem Ausflug mit Chris und Brett alles vorbereitet haben, dass wir nur noch Löcher bohren, Schrauben montieren und gegen Wasser versiegeln mussten. Schön schauen sie aus, unsere brandneuen und preiswerten Garhauer-Swivel-Blocks. Somit konnten alle Leinen wieder verlegt und alles für ein paar Stunden Testsegeln bereit gemacht werden.

Wir versuchen es noch einmal

Wir suchten uns wieder einen ruhigen Tag aus, und machten erneut alles bereit zum Ablegen. Dieses Mal waren Laura und Marc von SV Liquid im Schlepptau. Wenn ihr meint, dass wir an unserem Schiff viel gearbeitet haben, zieht euch mal den den Instagram-Kanal von SV Liquid rein. Next f****** Level! Marc und Laura werden Puerto Peñasco mit einem Schiff verlassen, das seinesgleichen sucht. Liquid ist ein Biest. Wenn die beiden an Bord waren, konnte eigentlich gar nichts schief gehen. Somit setzte sich der Fünfzack aus Milagros, Pati, David, Laura und Marc in Bewegung. Dass wir vergessen haben, die Wasserversorgung für den Motor aufzudrehen, bemerken wir jetzt hier nur mal so am Rande. Aber alles gut, Laura war aufmerksam und hat das fehlende Wasser am Auspuff schnell bemerkt.

Wir seeeeegeln!

Auf dem offenen Wasser merkten wir schnell was Sache war. Eine angenehme, leichte Brise aus Süden machte sich bemerkbar. Also hissten wir die Segel und siehe da: Milagros kanns noch! Sofort zog sie vorwärts davon und uns auf ihrem Rücken mit ihr mit. Es folgte eine herrliche Stunde segeln, bei denen Pati und ich zum ersten Mal ein paar Manöver fahren konnten. Bis wir ein eingespieltes Team sind, bei dem jeder Handgriff sitzt, wird es wohl noch ein wenig dauern. Aber wir machen uns da keine Sorgen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Wofür Testläufe da sind

Bei all der Freude haben wir dann aber trotzdem noch ein Problem gefunden. Bei einer der Winschen muss wohl etwas schiefgelaufen sein, denn statt nur eine Richtung zu drehen und in die andere zu blockieren, drehte sie sich rückwärts und versuchte, die Leine wieder freizugeben. Wir konnten von Glück reden, dass wir nur wenig Wind und somit wenig Druck in den Segeln hatten, ansonsten hätte wohl ziemlich schnell Panikstimmung geherrscht, während hinter uns ein loses Vorsegel durch die Luft gepeitscht hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette. Auch hier, alles gut gegangen. Genau aus diesem Grund machten wir diese Test-Ausflüge.

Das wars! Weg hier!

Wieder zurück am Dock kriegten wir noch eine kleine Lektion von Marc und Laura wie man relativ einfach das Schiff seitwärts ans Dock kriegt. Ein toller Nachmittag ging zu Ende und wir beendeten diesen tollen und lehrreichen Segelnachmittag mit ein paar Bierchen im Cockpit. Dann war es Zeit für das freitägliche Ritual im Cabrales Boatyard. Wir versammelten uns mit den anderen Bewohnern ums Feuer und schwatzen, tranken, lachten und genossen den Abend. Pati und ich ganz besonders. Denn nun war es klar: Wir und Milagros waren bereit fürs grosse Blau. Glauben wir zumindest. Wir sind so bereit wie wir halt bereit sein könnten. Ein ruhiges Wetterfenster deutet darauf hin: Unsere Reise mit Milagros beginnt am 24. Januar 2022. Mehr als ein Jahr nachdem wir unsere Arbeit am Schiff begonnen haben. Was für ein Wahnsinn!

Wir hätten allerdings nicht damit gerechnet, dass sich der ganze Traum vom Segelabenteuer um ein Haar in Luft auflösen würde…

Willst du diesen Meilenstein aus der Ferne mit uns feiern? Dann darfst du uns noch so gerne ein Bier ausgeben, indem du einfach auf den Button unten klickst. Oder du wirst gleich ein monatlicher Supporter auf Patreon wenn du möchtest. Vielen Dank!

Hier weiterlesen


Schreibe einen Kommentar