Gen Norden

Immer noch auf der Suche nach einem neuen Zuhause auf dem Wasser für uns, richteten wir unseren Blick ‘gen Norden. Zwei Flossenkieler sollten es diesmal sein, beides solide Blauwasserschiffe und beide standen in Norwegen zum Verkauf. Für ein verlängertes Wochenende reisten wir deshalb dort hin, um uns die beiden Kandidatinnen näher anzuschauen:

'Nordavind': eine 1978er Mikado 56; 17m lang mit Centercockpit und 4 Kabinen. Der gemütliche Hecksalon mit Ofen hatte es uns angetan. Sie war schon in der Karibik und in der Arktis – perfekt für uns dachten wir.

‘Sheba Queen’: eine 1989er Royal Dynamique 62, 19.5m lang mit 4 Kabinen und Piratenschiff-Salon.

Wir haben uns in Südnorwegen im verschlafenen Svarstad, einem ehemaligen Skigebiet, in einem wundervollen Cottage mit Sauna einquartiert. Ein bisschen Entspannung konnte ja nicht schaden.

Am zweiten Tag unseres Ausflugs trafen wir uns im ca. 45 Minuten entfernten Sandefjord an Norwegens Südküste mit Sven Eddie, dem Besitzer von Nordavind. Sie machte einen guten Eindruck: tolle Linien und super Decklayout, durch und durch geschütztes Cockpit. Und Sven Eddie war umgekehrt begeistert von uns: Eine Gruppe von jungen Leuten mit grossen Plänen war genau das, was er sich als neue Besitzer für seine Nordavind vorgestellt hatte.

Mit dem Kabinenarrangement konnten wir uns aber leider nicht anfreunden. Es hatte zwar deren vier, aber nur eine, in der man zu zweit gut leben konnte. Auch mit viel Fantasie kamen wir zu keinem gescheiten Ergebnis für einen Umbau, um mindestens zwei gleichwertige Doppelkabinen zu gestalten. Wir wollten schliesslich nicht abwechseln mit dem Bewohnen von verschiedenen Kabinen. Auch der Preis stand nicht im Verhältnis zu den noch nötigen Arbeiten am und im Schiff: es war alles schon etwas 'verbraucht'. Sven Eddie hoffte bis zuletzt, dass wir die zukünftigen Besitzer wären. Sven erklärte uns, dass noch zwei andere Parteien am Schiff interessiert seien. Eine davon könne das Schiff ohne Probleme aus der Portokasse zahlen. Aber wir konnten uns selbst einfach nicht auf diesem Schiff vorstellen und der Funke sprang nicht über… Wir hatten ja noch Kandidatin Nummer zwei.

Aber: Norwegen ist ja nicht gerade ein kleines Land. Sheba Queen lag bei Florö in der Nähe von Bergen an der Westküste von Mittelnorwegen - 8h mit dem Auto entfernt und für einen Tagestrip etwas übertrieben weit weg. Also mussten wir uns vor Ort noch eine Übernachtungsmöglichkeit organisieren, was mit Airbnb eine einfache Angelegenheit war. Bereits am nächsten Morgen nach der Besichtigung von Nordavind fuhren wir um 4.00 Uhr morgens los, weil wir uns um 14.00 Uhr in Florö mit dem Besitzer der Sheba Queen treffen wollten. Die Fahrt war ereignislos und führte uns durch die wunderschöne Landschaft Norwegens, aber plötzlich nahm die ganze Road Trip-Idylle ein abruptes Ende.

EINE STUNDE vor Ankunft in Florö haben wir den Mietwagen geschrottet. In einer Kurve zwischen zwei Tunnel lagen grosse Eisbrocken auf der Strasse und wir konnten nicht ausweichen, da uns ein Auto entgegenkam. So fuhren wir über sie drüber und rissen damit den ganzen Unterboden auf. In der Folge verloren wir Öl und Diesel. Na toll. Mitten im Nirgendwo riefen wir den Pannenservice, welcher uns relativ zeitnah abholte. Das einzige Problem war, dass aufgrund eines Rallye-Rennens in Schweden nahe der norwegischen Grenze alle Mietwagen ausgebucht waren. Glücklicherweise konnte die Mietwagen-Firma trotzdem noch einen fahrbaren Untersatz besorgen – wir willigten sofort ein, den noch ungeputzten Wagen zu nehmen. So tauschten wir unseren coolen 4x4 Hybridwagen gegen einen noch cooleren Volvo Kombi. Mit ein paar Stunden Verspätung erreichten wir dann doch noch unser Ziel.

Mit einem Kissenabdruck im Gesicht begrüsste uns der Besitzer der Dynamique 62. Er musste eben erst aufgestanden sein. Die Sheba Queen war eine mächtige Erscheinung mit ihren knapp 20 Metern, aber auch mächtig pflegebedürftig. Schon von aussen waren an allen Ecken und Enden Stellen auszumachen, die ein bisschen Liebe vertragen konnten. Wir sahen schnell, dass auch hier Preis/Leistung nicht stimmten. Als wir ins Innere des Schiffes traten, waren wir alle überwältigt: einerseits vom wahnsinnig tollen Salon, andererseits vom Dieselgestank. Uiuiui. Offenbar hatte vor ein paar Jahren einer der Dieseltanks ein Leck, welches nun geflickt war. Nur hatte sich niemand die Mühe gemacht, danach die Bilge zu putzen. Generell wirkte das gesamte Schiff sehr schmuddelig - es wurde bis vor kurzen für ein Projekt verwendet, bei dem Jugendliche Plastik an der Küste Norwegens einsammelten.

Leider hat das Projekt die Finanzierung verloren und musste eingestellt werden. Deshalb stand auch das Schiff zum Verkauf. Der Kissenabdruck im Gesicht und Horden von Jugendlichen erklärten einiges über den Zustand des Schiffes. Die Besichtigung förderte dann auch einige skurrile Dinge zu Tage: so fanden wir in der Bilge unter anderem einen Tennisball zusammen mit einem Akkuschrauber und abgelaufenen Biskuits. Die angebotenen Süssigkeiten wollte niemand von uns so gerne anfassen, zumal wir die Küche und die Kühlschränke schon begutachtet hatten. Auch das Angebot, die Nacht auf dem Schiff zu verbringen, lehnten wir dankend ab. Als uns der Besitzer die Verkaufsdokumentation von vor 2 Jahren zeigte als er das Schiff erwarb, stiegen uns quasi die Tränen in die Augen. Was man in so kurzer Zeit mit einer solchen Schönheit anrichten konnte… Das Schiff wäre ein Traum gewesen und hätte perfekt für unsere Pläne gepasst.

Geknickt und voller Unverständnis fuhren wir am nächsten Tag wieder nach Hause. Wenigstens war das Wetter gigantisch und die Landschaft wunderschön. Nur der Dieselgestank unserer Kleider erinnerte uns immer wieder an das Trauerspiel.

Zurück im Haus genossen wir noch die letzten Tage unseres Aufenthaltes mit Darts, Sauna, gutem Essen und Spaziergängen in der traumhaften Landschaft, bevor es Zeit war nach Hause zu reisen. Zwar mit leeren Händen, dafür mit vielen tollen Erinnerungen an eine der schönsten Regionen unseres Planeten.


2 Comments

Dr Gschmack uf dr Sheba Queen isch aso usgezeichnet deliziös gsi. Isch mr richtig schwergfalle uf sis Ässe zverzichte. 😉

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