Die Kelly Peterson 44 – Gestochen von einem Skorpion

Der Mechaniker arbeitet durch den Durchgang einer Kelly Peterson 44

Korrekterweise hätte der Titel dieses Blogeintrags "Gestochen von einem Scorpido" heissen sollen, da das der Name der Kelly Peterson 44 war, die wir im Internet entdeckt hatten. Sie hatte schon einmal den Planeten umrundet und hatte all die Ausrüstung die für so ein Vorhaben brauchte. Das einzige Problem: Sie lag am anderen Ende der Welt.

Den Kopf voller Träume

Nach Viribus Unitis haben wir den Traum, alle zusammen auf einem Schiff die Welt zu erkunden, aufgegeben und beschlossen, dass wir dies mit zwei Schiffen in Flottille tun würden. Und nachdem Carmen und Iñaki im Schnelldurchlauf ihr Traumschiff – eine Cal 246 mit Decksalon namens "Blue" – an der Westküste von Mexiko gefunden, ausgecheckt und im Juni 2019 gekauft hatten, wurden wir entsprechend in unserem Suchradius eingeschränkt.

Den Blick über den Atlantik hinaus

Denn beispielsweise vom Mittelmeer über den Atlantik in die Karibik und dann durch den Panamakanal an die Westküste Mexikos zu segeln dauert mindestens 2 Jahre, wenn man sich auch Zeit lassen will. Hätten wir also ein Boot in Europa gefunden und gekauft, hätten wir unseren Traum des Flottillen-Reisens aufgeben müssen. Uns blieb also nichts anderes übrig, als an der Westküste der USA und Mexiko unser Glück zu versuchen.

Gestochen von einer Kelly Peterson 44?

Nach etlichen weiteren Stunden auf Bootssuche im Internet und kurz vor dem Aufgeben – wir hatten uns schon vorgestellt, dass wir einfach auf Blue mitsegeln und direkt in den Häfen vor Ort jeweils nach geeigneten Schiffen suchen würden – fand David eine Kandidatin, die auf unserer imaginären Shortlist für uns geeigneter Blauwasserschiffe stand: eine Kelly Peterson 44, 14m lang, Name: "Scorpido". Das Schiff war für Langfahrten ausgestattet – die Besitzer Eric und seine Frau Robyn hatten damit bereits die Welt umsegelt. Sie lag in Los Angeles und in unserem Budget.

Eine gründliche Untersuchung

Da Los Angeles nicht gerade einen Katzensprung entfernt ist, mussten wir uns sicher sein, dass die Kaufwahrscheinlichkeit hoch ist. Wir studierten also intensiv die Bilder und Information, die wir erhalten hatten, und fragten auch Paul Fay, den Inspektor unseres Vertrauens, was er davon hielt. Wir telefonierten mehrmals mit Eric, dem Besitzer, um ihn kennen zu lernen und mit Fragen rund um das Boot zu löchern. Alle gesammelten Informationen und Einschätzungen gaben uns ein gutes Gefühl und so entschieden wir uns, die Kelly Peterson 44 genauer anzuschauen. Iñaki wollte uns begleiten, einerseits um uns Laien bei der Besichtigung zu unterstützen, und andererseits um danach sein Schiff in Mexiko zu besuchen und daran zu arbeiten.

Wir fliegen nach Los Angeles!

Drei Wochen später war es soweit: David und Iñaki landeten Ende Juli 2019 in Los Angeles! Bis dorthin war es ein anstrengender Weg. Wir mussten von der Schweiz aus mit -9h Zeitverschiebung einen Inspektor, einen Rigger (einen Spezialisten für die Takelage, die Gesamtheit der Vorrichtungen, die die Segel und den Mast eines Segelschiffs tragen), einen Mechaniker und Auswasserungstermin organisieren, an einem Datum, an dem auch die Besitzer und wir vor Ort sein konnten. Phuhhh.

Kann man einem Bootsmakler vertrauen?

Der für Scorpido verantwortliche Bootsmakler hatte uns zwar angeboten, das alles für uns zu organisieren, aber da ein Makler immer auch die Interessen der Verkäufer vertritt, lehnten wir dankend ab und suchten unsere eigenen, hoffentlich unabhängigen Inspektoren.

Vom Bootskran verbannt

David hatte dank intensiver Recherchen (danke!) die Liste der möglichen Top-Inspektoren auf ein paar wenige reduziert. Leider stellte sich heraus, dass unser Favorit aufgrund eines längst vergangenen Vorfalls Rayonverbot in der Marina hatte, in der wir das Schiff auswassern wollten. Und da Eric nicht zum anderen möglichen Auswasserungsort wollte, mussten wir halt auf einen anderen Inspektor ausweichen. Hauptsache kompliziert.

Verträge unterschreiben

Zusätzlich, wie bei Viribus Unitis beschrieben,mussten wir eine Offerte abgeben, die vom Besitzer akzeptiert werden musste und als Vorvertrag diente. Da wir es mit dem Amerikanischen Recht zu tun hatten, waren wir besonders vorsichtig und gleichzeitig froh, dass wir auf ein Standardformular zurückgreifen konnten. Ferner mussten wir 10% des Kaufpreises als Depot beim Makler hinterlegen, mit dem allfällige Schäden bei der Inspektion gedeckt werden würden und welches die Kaufabsicht unterstreicht. Auch hier war es nicht ganz einfach, mit den gelieferten Angaben eine erfolgreiche Banktransaktion in die USA hinzukriegen. Item. Wir haben es schlussendlich geschafft, alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu organisieren.

Ferien auf dem Narrowboat

Was aber verkomplizierend hinzu kam war, dass ich von Los Angeles direkt nach London "musste", weil ich anschliessend noch Ferien auf einem Narrowboat den Kanälen Englands geplant hatte.

Ein 70 Fuss / 21m Kanalboot in einer Schleuse

Touristenattraktionen in Los Angeles

So kam es, dass ich aufgrund der vorhanden Flugoptionen bereits einen Tag früher nach Los Angeles flog. Ich nutzte diesen Tag, um das Los Angeles Touri-Programm durchzuziehen. Dafür habe ich mir eine Airbnb Erfahrung gebucht: die grössten Los Angeles Sehenswürdigkeiten in 7h kondensiert und das im Minivan. Dazu gehörten das Griffith-Observatorium, die Hollywood Hills und das Hollywood-Schild, der Walk of Fame, Beverly Hills und der Rodeo Drive, Venice Beach, Little Venice und das Santa Monica Pier.

Airbnb in Los Angeles

Danach habe ich mit einem Uber David und Iñaki vom Flughafen abgeholt und sie zu unserem Airbnb in Long Beach gebracht. Die beiden jungen Gastgeber waren total entspannt, und wunderten sich auch nicht über unsere Yogasession in der Stube.

Wir treffen den Bootsmakler

Als nächstes stand ein erster Termin mit dem Broker an. Er war ein sympathischer Gentleman namens Lon mit vielen Jahrzehnten Erfahrung. Netterweise hat er uns vor dem Haus abgeholt und zur Marina in San Pedro mitgenommen, wo wir schon mal einen ersten Blick von aussen auf Scorpido werfen konnten.

Kelly Peterson 44 - was für ein Prachtsschiff!

Sie gefiel uns in echt noch viel besser als auf den Bildern und (abgesehen von Orcella natürlich) ist die Kelly Peterson 44 laut David sowieso das schönste Segelschiff der Welt.

Die Brouwerij West in San Pedro

Danach zeigte und Lon die “Brouwerij West”, eine lokale supercoole Brauerei mit Street Food, die unsere Stammkneipe werden sollte. Wir chillten bei bestem Wetter, erkundeten mit einer lustigen Gratisfahrt die Hafengegend und bereiteten uns mental auf das bevorstehende Treffen mit den Besitzern und die intensiven zwei Tage, vollgepackt mit Inspektionen, vor.

Lokales Bier und mexikanischer Street Food in der Brouwerij West

Eingeladen zur Pyjama-Party

Robyn und Eric hatten uns vorgängig eingeladen, die paar Tage mit ihnen auf dem Schiff zu wohnen. Dieses Angebot haben wir natürlich dankend angenommen, denn so konnten wir das Leben an Bord der Kelly Peterson 44 ausprobieren und uns zudem die nicht gerade günstigen Übernachtungskosten in Los Angeles sparen.

Inspektion der Takelage

Während wir uns tags darauf im Schiff einquartierten, mit den Besitzern das ganze Schiff von vorne bis hinten anschauten, alles erklärt bekamen und ihren Geschichten zuhörten, fand gleichzeitig die Inspektion des stehenden Gutes (Mast und dessen Befestigung) statt. Das Ergebnis war nicht besorgniserregend, aber es war trotzdem an der Zeit, die ganze Takelage zu ersetzen.

Mastinspektion einer Kelly Peterson 44
Inspektion der Takelage

Nasse Bilge auf einem alten Schiff

Bei unserer ersten Inspektion war uns aufgefallen, dass die Bilge alles andere als trocken war. Sollte sie aber sein. Man konnte auch im Schiff generell eine ziemlich penetrante modrige Duftnote wahrnehmen, was ebenfalls auf Feuchtigkeit im Schiff hinwies. Darauf angesprochen, meinte Eric, dass das schon immer so war und es bei einem älteren Schiff halt auch normal sei.

Da wir uns mit den Schwachstellen der Kelly Peterson 44 im Vornherein auseinandergesetzt hatten, kam uns aber schnell der Verdacht, dass dies an undichten Süsswassertanks liegen könnte. Wir wollten aber erst die Inspektion abwarten, die vielleicht unseren Verdacht bestätigen würde.

Bootsinspektion in Los Angeles – Tag 2

Am Tag zwei der Inspektionen räumten wir unsere Sachen aus dem Weg, holten Notizbuch und Stift hervor und waren bereit, dem Inspektor und dem Mechaniker wie Schatten zu folgen. Denn von der Erfahrung dieser Leute musste man profitieren. Ich musste leider feststellen, dass die Herren Inspektoren ihre Erkenntnisse nur mit David und Iñaki teilten; sie gingen wohl davon aus, dass ich "nur" die Frau an Bord bin.

Probleme mit dem Dieselmotor

Der Mechaniker diagnostizierte, dass die Motorenstundenanzeige nicht richtig funktioniert, der Motor ziemlich schnell überhitzt und nicht korrekt befestigt war. Besonders letzterer Punkt war ziemlich schwerwiegend, denn den Motor hätte es durch seine eigenen Vibrationen jederzeit aus der Aufhängung sprengen können. Wenn der Motor im Schiff plötzlich auf Wanderschaft geht, ist das nicht so das Gelbe vom Ei.

Der Inspektor prüfte währenddessen das Schiff auf Herz und Nieren: Erst in der Marina vertäut am Dock, dann während der Überfahrt zum Kran für die Auswasserung und danach auch das Unterwasserschiff. Wir waren ziemlich aufgeregt, als wir das Schiff bereit machten, um die paar Seemeilen zur Auswasserung zu segeln.

Unser erster Törn auf einer Kelly Peterson 44

Und wir wurden nicht enttäuscht: das Schiff pflügte sich beständig und angenehm durch das Wasser, vorbei an riesigen Schiffen aus aller Welt, die den Hafen von Long Beach ansteuerten, und Seelöwen, die sich auf den Signaltonnen sonnten. Und wir spürten es. Wir konnten uns vorstellen, wie wir mit Scorpido die sieben Weltmeere unsicher machen würden. Sogar bei der Auswasserung, bei der alles super verlief, waren wir nervös, als wäre es unser eigenes Schiff, das da auf einem Anhänger aus dem Wasser gezogen wurde.

Ein fast wartungsfreies Segelschiff

Die abschliessende Bewertung des Inspektors spürten wir leider nicht so sehr wie das Segeln. Das Schiff war bloss in einem befriedigenden Zustand, davon zeugte eine lange Liste mit Empfehlungen was zu tun war und die Feststellung, dass der aktuelle Preis rund 30% zu hoch war. Seit die Besitzer 2011 von ihrer Weltumsegelung zurückgekehrt sind, wurde nur noch das Nötigste am Schiff gemacht. In ihren Augen war aber alles neu und erst gerade gewartet worden.

Auswasserung von Scorpido

Wassertanks überprüfen – schon wieder

Die feuchte Bilge bereitete uns nach wie vor Sorgen und wir wollten mit einem Test herausfinden, woher das Wasser kam. So trockneten wir die Bilge komplett aus, füllten die Wassertanks bis zum Anschlag und gingen schlafen. Am Morgen darauf war die Bilge wieder feucht und es stellte sich wie vermutet heraus, dass die Tanks oben an den Schweissnähten durchgerostet waren und eine Reparatur bzw. ein Ersatz eine äusserst mühselige Angelegenheit war.

Wir verschmähen eine Kelly Peterson 44

Mit all diesen Informationen und Unbekannten waren wir nicht davon überzeugt, dass dieses Schiff unser neues Zuhause werden sollte. Obwohl uns dieser Ausflug nach Los Angeles ein Schweinegeld gekostet hatte, zogen wir uns geknickt aus dem Kaufprozess zurück. Dieser Entscheid fiel uns echt nicht leicht, denn Scorpido war nichtsdestotrotz ein tolles Schiff...

Pläne ändern sich

Da irgendwie alles schneller gegangen war als erwartet und wir eigentlich eine weitere Nacht auf Scorpido hätten verbringen sollen, dies aber nicht mehr wollten, mussten wir uns etwas überlegen. Ich beschloss, mir eine Übernachtungsmöglichkeit am Venice Beach zu suchen und noch ein bisschen das Los Angeles Flair zu geniessen, bevor es nach England ging. Leider war die einzige bezahlbare und kurzfristig verfügbare Schlafmöglichkeit ein Bett in einem 6er Schlag in der Jugendherberge. Mangels Alternativen musste ich in den sauren Apfel beissen.

Man weiss nie was als Nächstes kommt

Da David erst drei Tage später seinen Rückflug hatte, entschloss er sich, Iñaki nach Mexiko zu seinem Schiff zu begleiten. Beste Entscheidung ever (wie sich später herausstellen sollte). Eigentlich wollten sie sich einen Mietwagen nehmen, da aber Iñaki keine Kreditkarte besass und David seinen Führerschein nicht dabeihatte, konnten sie den bereits reservierten Wagen nicht in Empfang nehmen und mussten auf den Greyhoundbus umsteigen. Was anfangs zu mittleren Depressionen führte, sollte sich als Glückstreffer herausstellen.

Aber: nächste Woche mehr davon.
(Das ist das Ende von jedem Video von der inspirierenden deutschen Seglerin Nike mit ihrem YouTube-Channel White Spot Pirates.)


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