Aluminium-Segelschiff: Mit vereinten Kräften Teil 1

Unsere Reisen quer durch Europa führen uns nach Italien, wo wir ein spannendes Aluminium-Segelschiff unter die Lupe nehmen. Wir profitieren von all unseren bisherigen Erfahrungen und hoffen das Beste.

Auf der Suche nach dem Volltreffer

Da unsere Norwegenreise zwar grossartig, aber leider nicht vom Erfolg gekrönt war, ging unsere Suchaktion natürlich weiter. Wir sahen in tagtäglicher Recherche, teilweise bis tief in die Nacht hinein, hunderte Schiffe durch, und konnten so das Suchfeld immer weiter einengen.

Schiffe kommen in vielen Formen, Farben und Materialien. Die wichtigste Komponente eines Schiffes ist natürlich der Rumpf, welcher beispielsweise aus Fiberglas, Holz, Aluminium, Plastik oder Stahl bestehen kann. Manche Materialien sind für die Langfahrt besser geeignet, manche weniger.

Aluminium als Rumpfmaterial

Aluminium ist für Blauwasserfahrten insofern interessant, als dass es ein äusserst robustes Leichtmetall ist, das viel aushält und relativ einfach zu reparieren ist (Schweisskenntnisse vorausgesetzt).

Vorteile von Aluminium

Einer der grössten Vorteile ist, dass sich Aluminium im Falle einer Kollision durch Verformung einen hohen Teil der eingeleiteten kinetischen Energie absorbieren kann, bevor es bricht.

Zudem kommt es komplett ohne Anstrich aus, da es im Gegensatz zu Stahl bei Kontakt mit Sauerstoff und Feuchtigkeit nicht rostet. Im Gegenteil – eine Aluminiumoberfläche bildet mit der Zeit eine für Luft und Wasser undurchlässige Schicht, dieser Vorgang nennt sich "Passivierung".

Diese und weitere Eigenschaften machen Aluminium zu einem höchst attraktiven Rumpfmaterial für Langfahrten-Yachten. Bekannte Hersteller von Aluminium-Segelschiffen sind Alubat, Reinke oder Garcia Yachts.

Nachteile von Aluminium

Allerdings muss man bei all der Lobhudelei bedenken, dass Aluminium als Metall relativ unedel und ein guter elektrischer Leiter ist. Daher ist es ziemlich anfällig für Bimetall-Korrosion, den "Lochfrass", mit Wasser als elektrischem Leiter (Elektrolyt).

Als Beispiel: Bei unsorgfältig ausgeführten Elektro-Installationen oder beschädigten Kabeln kann Strom vom unedleren Aluminium zu einem edleren Metall in den neu eingebauten Komponenten oder den Kabeln fliessen, was einen Materialabbau am Aluminium zur Folge hat und zu dieser gefährlichen Korrosion führen kann. Löcher sind logischerweise das Letzte, was man an seinem Schiff will.

A Garcia Exploration 45 aluminium sailboat
Eine Garcia Exploration 45 mit Aluminiumhülle – sehr schön, aber leider nicht in unserer Preisklasse
The biggest problem of aluminium sailboats is corrosion
Korrosion in einem Aluminiumtank – überhaupt nicht schön! Foto © practical-sailor.com

Genug der grauen Theorie

(Die aber wichtig ist für das nächste Kapitel unserer Story):
Denn es kam so, dass Carmen genau auf ein solches Aluminiumschiff stiess. Es handelte sich um eine Reinke Hydra von 46 Fuss (14m), "Viribus Unitis" (dt. Mit vereinten Kräften) war ihr Name. Sie war stationiert auf einem Trockendock in San Giorgio di Nogaro im Norden von Italien, südlich von Udine – ein Katzensprung von der Schweiz aus.

Ein selbstgebautes Segelboot

Obwohl sie sich am unteren Ende unserer Grössenvorstellung bewegte, schien sie trotzdem extrem geräumig eingerichtet worden zu sein. Ein Merkmal von Reinke ist, dass die Schiffe dem Käufer meist als Rohbau geliefert, und dann im Eigenbau fertiggestellt werden. In Viribus‘ Fall war das Innenleben allerdings nicht von einem Serienschiff zu unterscheiden, die ganze Holzarbeit im Interieur war hochprofessionell gefertigt worden.

Viribus Unitis, a decent aluminium sailboat
Viribus Unitis

Unser erster Eindruck

3 Kabinen waren an Bord, eine grosse Heck- eine Front- und eine kleine aber sehr schöne Seitenkabine und ganz wichtig: Ein geräumiger Decksalon und ein zweiter Salon neben der Kombüse im Unterschiff waren vorhanden und sorgten für grosse räumliche Trennung. Der Motorenraum war riesig, da das Schiff mit zwei Motoren ausgestattet war. Sollte einer ausfallen, hatte man somit noch ein zweites Backup, allerdings auch doppelt so viel Arbeit bei der Wartung.

An Deck bestach die Reinke durch ihr grosszügiges Deck mit viel Bewegungsfreiheit und ihr hohes und dadurch richtig gut geschütztes Center Cockpit in der Mitte des Schiffs.

Wieder unterwegs

Wir haben direkt Kontakt zu den beiden österreichischen Besitzern erhalten und auch dieser war durchwegs positiv. Somit war der Fall relativ schnell klar – eine Reise nach Italien stand an! So machten wir einen Termin mit den Besitzern aus, packten unsere Siebensachen und fuhren den langen Weg bis nach San Giorgio di Nogaro südlich von Udine, wo wir in einem äusserst durchschnittlichen Hotel eincheckten.

...sie hatten Bier!

Wir besuchen unser erstes Aluminium-Segelschiff

Am nächsten Morgen war es soweit – der Besuch bei Viribus Unitis stand an. Nachdem wir zuerst in der falschen Marina aufkreuzten und uns dort einen Kaffee gönnten, trafen wir schlussendlich einen der beiden Inhaber beim Tor zur korrekten Marina. Viribus stand auf Trockendock, eine imposante Erscheinung.

Sie hatte einen Kimmkiel!

Sofort sprang ihr Kimmkiel ins Auge. Bei einem Kimmkiel sind dort, wo normalerweise nur ein Kielschwert zu finden ist, zwei kürzere Kielflossen. Reinke ist eine Schiffswert aus dem Norden Deutschlands, wo das Wattenmeer und der Tidenhub gross sind. Wenn ein Schiff mit einem Kimmkiel ausgestattet ist, hat das neben dem kleineren Tiefgang auch den Vorteil, dass man es einfach trockenfallen lassen kann. Das Schiff steht dann auf den beiden Kielflossen auf dem Meeresgrund. Steigt das Wasser wieder, kann man ganz einfach ‚mit der Tide‘ das Schiff wieder wassern.

Gibt es Kollisionsschäden?

Wie auch schon auf den Fotos zu sehen, die wir im Vorfeld erhalten hatten, schien die Hülle zu einem früheren Zeitpunkt eine Kollision erlitten zu haben. Auch wurden einzelne Teile der Hülle einfach lieblos überstrichen, und was darunter zu finden war, wusste niemand so genau. Iñaki hatte ein Schichtdicken-Messgerät dabei, mit welchem er als erstes die ganze Hülle auf ihre Dicke untersuchte. Die Dicke der Aluminiumhülle war überall um die 8mm, was absolut in Ordnung ist.

Iñaki testet die Dicke des Aluminiumsegelboots Viribus Unitis
Iñaki lässt seine Magie am Rumpf zwischen den beiden Kielflossen wirken

Ein geräumiges Deck

Wie erwartet war Viribus auf Deck problemlos und hindernisfrei begehbar, das Cockpit war grosszügig, sehr tief und somit vor Wellengang geschützt und es liessen sich alle wichtigen Leinen mit wenigen Handgriffen bedienen. Die aktuellen Besitzer haben auch in Handarbeit einen schönen Steuerstand eingebaut. Das einzige Manko, worauf wir direkt aufmerksam gemacht wurden, waren die undichten und beschädigten Fenster des Schiffs, speziell diejenigen des Decksalons. Diese mussten ausgetauscht werden.

Undichte Fenster

Das einzige Manko, worauf wir direkt aufmerksam gemacht wurden, waren die undichten und beschädigten Fenster des Aluminium-Schiffs, speziell diejenigen des Decksalons. Diese mussten ausgetauscht werden.

Sieht gut aus...

Das Interieur von Viribus Unitis machte wie erwartet einen tollen Eindruck. Die drei Kabinen an Bord waren gemütlich und man hatte Platz. Überall hatte es viel Stauraum, was auf Langfahrt extrem wichtig ist. Alles war in einem guten Zustand und die Besitzer hatten viel gute Arbeit in das Schiff investiert.

Eine Küchenrenovation steht an

Einzig die Küche brauchte noch einen grösseren Umbau, da sie eher für ruhige Tagesausflüge anstatt für grossen, unregelmässigen Wellengang auf den Weltmeeren ausgelegt war. Bei unerwarteten Bewegungen des Schiffs konnte man in alle Richtungen durch den Salon fliegen, da die Küche in einer Ecke eingebracht war und man keinerlei Möglichkeiten hatte, sich im Rücken abzustützen.

Kühl- und / oder Gefrierschränke?

Ausserdem war ein klassischer Kühlschrank statt Kühltruhe(n) eingebaut. Das ist mehr Energieverschwendung als irgendwas anderes, da bei jedem Öffnen die Kälte aus dem Kühlschrank "fällt".

Kardanische Aufhängungen – ein Muss auf Blauwasserfahrt!

Der Gasherd musste verbessert werden. Wenn man bedenkt, dass heißes Wasser, Öl und andere Zutaten in einer Küche auf einem Segelboot genauso verwendet werden wie anderswo, hat ein kardanischer Ofen, der querschiffs installiert ist, nur Vorteile. Der Schiffseigner kann den Ofen sicher benutzen, da er die Krängung (die Neigung) des Schiffes in dieser Aufhängung ausgleichen kann. Unserer Meinung nach ist es nicht nur unpraktisch, einen Herd in einer festen Position zu haben, sondern sogar potenziell gefährlich, unabhängig davon, wo man navigiert. Wir haben dies oft auf Segelbooten im Mittelmeer beobachtet.

Vergleich der verschiedenen Kombüsenlayouts

Ein kardanischer Ofen, der die Krängung eines Schiffs ausgleicht.Foto © chefonaboat

Vergleiche mal die Küche unserer Milagros mit der von Viribus, wenn wir sagen dass wir die Küche hätten ausbauen müssen:

Die U-förmige Kombüse von Milagros: Gefrierschränke – von oben zu öffnen, kardanisch aufgehängter Ofen und Schutz gegen Bewegungen des Boots in fast alle Richtungen
Die Kombüse von Viribus Unitis: in einer Ecke eingebaut, klassischer Kühlschrank, Ofen in einer Oberfläche fix befestigt

Ist dieses Aluminium-Segelschiff ein Schnäppchen?

Langer Schwede, kurzer Finn: Bis auf die Küche waren wir sehr angetan von Viribus Unitis und sahen viel mehr Positives als Negatives. Somit war es schnell klar, dass wir in Preisverhandlungen gehen würden. Sollten wir uns mit den Besitzern einig werden, würde ein zweiter Besuch anstehen. Dann mit einem Inspektor (Surveyor) im Schlepptau, damit wir Viribus noch einmal komplett auf den Kopf stellen und auf Herz und Nieren überprüfen konnten.

Die Tage in Italien waren lange aber vergingen trotzdem schnell – vermutlich unter anderem auch wegen der grandiosen italienischen Küche – und schon befanden wir uns wieder auf der langen Autofahrt zurück in die Schweiz. Wir waren die ganze Fahrt beschäftigt damit, Pläne zu schmieden was wir denn mit Viribus Unitis anstellen würden, sollte sie eines Tages uns gehören.

Pati, weisst du, wohin uns unsere Segelabenteuer führen werden?

Kaufverfahren für Boote

Der Vorvertrag

Mit unserer Kaufabsicht begannen die üblichen Verfahren für den Kauf eines Bootes:
Der erste Schritt bestand darin, einen Vorvertrag mit Preisangebot abzuschließen, den die Eigner von Viribus Unitis im Voraus annehmen mussten, damit in einem zweiten Schritt eine Inspektion des Schiffes durchgeführt werden konnte. Alle Ergebnisse dieser Inspektion würden bewertet und in die Preisverhandlung einbezogen. Mängel konnten entweder zu einer Preissenkung führen oder von den Eigentümern vor dem Verkauf behoben werden.

Auf der Suche nach einem Inspektoren

Sobald die Eigentümer das Angebot angenommen hatten, erhielten wir die Vorverkaufsrechte und es konnte ein Inspektionstermin festgelegt werden. Dies erforderte viel Koordination, da nicht nur ein Inspektor mit freien Kapazitäten gefunden werden musste, sondern auch die Eigentümer von Viribus sowie wir anwesend sein wollten. Bei einer solchen Inspektion, die oft 1-2 Tage dauert, lernt man ein Schiff sehr gut kennen. Da "normale" Schiffsinspektoren häufig Generalisten sind, sollten man auch einen Experten für die Takelage und einen Mechaniker für den Motor hinzuziehen, die natürlich beide idealerweise am selben Tag verfügbar sein müssen.

Gesagt, getan. Kaum zu Hause angekommen begannen wir mit den Vorbereitungen für den zweiten Besuch.


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