Spanische Pommes Frites

Nachdem der Traum von Orcella (nachzulesen hier.) sich leider in Luft aufgelöst hatte, liessen wir nicht locker. Um in der Masse der weltweit angebotenen Yachten unser Traumschiff zu finden, mussten wir aber erst die Suchkriterien eingrenzen.

Die wichtigsten Punkte waren schnell bestimmt und lauteten wie folgt:

Budget
Maximum 200’000 CHF / 190’000 € / 206’000 $

Schiffsgrösse
Wir würden zu jedem Zeitpunkt vier oder mehr Personen an Bord sein. Das Schiff musste also eine stattliche Grösse aufweisen damit die Möglichkeit gegeben ist, sich auch mal in eine eigene Kabine zurück ziehen zu können. Abstand und Privatsphäre sind wichtig wenn man über lange Zeit auf engem Raum lebt. Zudem wollten wir Gäste beherbergen können.

Decksalon
Ein Decksalon musste her. Dieser Aufbau bringt den Luxus, vor garstigem Wetter und Seegang geschützt zu sein und trotzdem die nähere Umgebung und das Schiff selber immer im Blick zu haben. Wir haben bisher noch von keinem Besitzer einer Segelyacht mit Decksalon gehört, der je auf sein Dach über dem Kopf verzichten möchte.

Ausrüstung
Iñaki weiss aufgrund seiner Erfahrung sehr genau, welche Schiffe für lange Blauwasserfahrten in Frage kommen und welche nicht. Böse Zungen würden beispielsweise behaupten, dass unsere Cape Verdean Whisky eher ein teurer Liegestuhl statt eine robuste Langfahrtenyacht war.

Mit diesen Vorgaben stöberten wir kreuz und quer durch die vielen Homepages auf denen Schiffe zum Verkauf angeboten werden. Wir merkten schnell, dass die Aufgabe nicht einfach werden würde. In unserem finanziellen Rahmen war das Angebot an Schiffen, die unsereren Vorstellungen entsprachen, sehr knapp.

Nach ein paar Wochen in- und extensiver Suche konnten wir uns darauf einigen, einen ersten Ausflug nach Spanien zu machen. In der Nähe von Alicante lagen drei vielversprechende Kandidatinnen im selben Hafen. Somit buchten wir Besichtigungstermine, unsere Flüge, und ein schönes Airbnb in La Manga del Mar Menor in der Nähe der Marina Tomàs Maestre.

Der Balkon unserer Wohnung. Nicht schlecht!

Die Anreise war problemlos; mit Flügen direkt ab Basel nach Alicante und Mietwagen waren wir schnell beim Airbnb angekommen. Dort fühlten wir uns wie in einem post-apokalyptischen Film. Die Wohnung war toll, aber die Umgebung (wie schon erwartet) weniger. Die komplette Region war toll gelegen auf einer kleinen Landzunge, die ins Meer hinausragte, aber zugebaut mit unschönen Ferienhäusern und Türmen in denen sich die Ferienwohnungen übereinander stapelten. Zudem war La Manga komplett ausgestorben, da es November und somit Nebensaison war.

La Manga räkelt sich ins Meer Photo © Jaime Brotons

Am nächsten Tag war es soweit – die erste Besichtigung einer ersten Kandidatin, die uns ins grosse Blau heraustragen sollte. 'Gran Atalaya' war ihr Name – sie war ein 65 Fuss (20 Meter) langes Stahlschiff. Wie unsere Recherchen ans Tageslicht gebracht hatten, war sie anscheinend oft als Charterboot für Tagesausflüge im Einsatz. Wir trafen uns nicht mit den Besitzern des Schiffes, sondern mit einem Freund von ihnen. Gaspar holte uns bei einem kleinen Restaurant in der Marina ab, in welchem wir unseren Brunch verputzten – ‚Spanish Fries‘. Mit Käsesauce überbackene Pommes Frites mit Chorizo und Spiegelei. Tönt grauslich, ist aber ein Hochgenuss. Zurück in der Schweiz haben wir fürs Debriefing der Reise unsere Neuentdeckung sofort nachgekocht.

Lecker Bierchen in der Hafenkneipe

Danach brachte uns Gaspar zum Schiff, welches an einem abgelegenen Dock der Marina vertäut war. Gran Atalaya musste zu ihrer besten Zeit eine absolute Traumyacht gewesen sein. Ihre Linien waren atemberaubend, das Deck aufgeräumt und grosszügig (Kunststück bei 20 Metern Länge), ihre Kabinen sehr gemütlich bis luxuriös im Heck, die Kombüse wie zu Hause, der Salon im Aufbau wunderschön.

Gran Atalaya

Aber.

Kaum richtig angekommen machte sich Ernüchterung breit. Anscheinend waren online freundlicherweise nur Bilder aus guten Zeiten hochgeladen worden, die keineswegs der Realität entsprachen. Instagram für Schiffe sozusagen. Sie war komplett heruntergekommen. Wir können nicht verstehen wie um alles in der Welt man einem Segelschiff so etwas antun kann. Der Motorenraum war ein Albtraum von Dreck und Kabeln, die Hülle schien Risse und Rostprobleme zu haben, die einfach überstrichen worden waren, das Teakdeck war in einem fragwürdigen Zustand. Diverse Verkleidungen an den Decken hingen komplett durch. Überall Dreck und Rost. Sobald man irgendwo genauer hinschaute tauchte ein Problem auf. Wir sahen sofort, dass dieses Angebot nicht zuletzt verbunden mit der Preisvorstellung der Besitzer eine Frechheit war.

Die luxuriöse Heckkabine
Albtraumhafte Zustände überall

Somit überliessen wir Gran Atalaya wieder ihrem traurigen Schicksal und zogen von dannen. Beim anschliessenden Spaziergang durch die Marina konnten wir das erste Mal Gran Atalaya’s Backbordseite sehen: Rost triefte aus Rissen im Rumpf. Sie genau mit der anderen, sichtbaren Seite am Dock vetäut. Ein Schelm, wer Böses denkt.

So schlenderten wir weiterhin ein bisschen durch die Marina und erblickten plötzlich Kandidatin zwei. Eine Lubbe & Voss Stahlyacht, ebenfalls 20 Meter lang. Ein mächtiger Kahn mit wunderschönem Holzaufbau. Leider kann ich mich nicht mehr and ihren Namen erinnern. Das mussten wir uns natürlich sofort anschauen, auch wenn der Termin für die Besichtigung erst am nächsten Tag war. Es sollte sich herausstellen, dass das eine gute Idee war.

Die Lubbe, ein 20 Meter Stahlkoloss

Als wir beim Schiff ankamen waren Arbeiten im Gange. Mit Iñakis Spanischkenntnissen fanden wir heraus, dass die Arbeiter dabei waren, dem Motorenraum ein wenig neue Farbe zu verpassen. Das wäre ja schön und gut; das Problem war nur, dass die beiden Herren den kompletten Motorenraum von oben bis unten mit einer Farbpistole spritzen. Wände, Decken, Verkabelungen, Pumpen, der Motor selbst – alles wurde mit einer weissen Farbschicht bedeckt. Was für ein Wahnsinn. Nun wussten wir bereits, was wir erwarten konnten.

Achtung! Frisch gestrichen!

Am nächsten Morgen trafen wir uns mit dem Besitzer, Typ geschleckter Geschäftsmann mit Sonnenbrille und Maserati, beim Schiff für die Besichtigung. Die Lubbe machte auf den ersten Blick einen viel besseren Eindruck als der Rosthaufen vom vorigen Tag. Aber auch bei ihr war zu sehen, dass sie mehr ein Investmentobjekt als ein liebevoll gepflegtes Segelschiff war. Ein gutes Beispiel dafür war die Ankerkette, die an der Hülle festgerostet und nicht davon zu entfernen war. Zumindest an Deck machte das Schiff einen soliden Eindruck. Alles war dort wo es sein musste, die Ausrüstung stimmte.

Keine Platzprobleme im Cockpit
Pati nimmt schon mal ein Sonnenbad

Aaaaaaber.

Unter Deck sah das Ganze ein wenig anders aus. Obwohl die Lubbe eigentlich ein grosses Schiff war, kam man sich im Salon und den Kabinen relativ eingeengt vor. Der Salon im Heck mit seinem riesigen halbrunden Sofa (da hätten locker 10 Leute am Tisch Platz gehabt) nahm einen grossen Teil des Innenraums in Anspruch, während man sich in den Kabinen im Bug des Schiffes sehr eingepfercht vorkam. Über diesen Makel konnten wir einfach nicht hinwegsehen. Während unseren Untersuchungen fanden wir auch noch Hinweise auf Feuchtigkeitsprobleme und Lecks. Die Spritzaktion im Motorenraum, die wahrscheinlich hätte unbemerkt stattfinden sollen, hinterliess auch kein besseres Bauchgefühl.

Da habe ich wohl gerade die Ankerkette entdeckt.

Hier waren keine Liebhaber am Werk, sondern Leute, die einfach ein Schiff für so viel Geld wie möglich loswerden wollten. Immerhin konnten wir unser Erfahrungspäckchen wieder ein wenig mehr füllen, bedankten uns und überliessen die Lubbe wieder ihren Besitzern. Hoffentlich findet dieses tolle Schiff jemand der ihr die Liebe gibt, die sie verdient.

Trotz allem ist sie eine Schöne!

Ernüchterung machte sich breit, trotzdem war am selben Nachmittag noch eine dritte Yacht zu begutachten. Diese haben wir ausgesucht, weil wir im letzten Moment herausgefunden haben, dass sie ebenfalls in derselben Marina Tomàs Maestre steht. Dieses Mal war die Besichtigungstour zumindest vom Besitzer persönlich begleitet. Charly war ein freundlicher älterer Herr, Besitzer und Bewohner seines Segelschiffs. Sein Schiff, eine 20m Wauquiez, machte einen guten Eindruck.

Die Wauquiez – Photo © Inautia.com

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaber.

Es gab ein mächtiges Problem. Die Stehhöhe war für unseren Riesen Iñaki mit seinem knapp 1.90m ein grosses Manko. Wenn er durchs Schiff ging musste er konstant den Kopf eingezogen halten. Es ist schlicht nicht möglich, sich konstant verbogen durch ein Schiff zu bewegen und sich überall den Kopf zu schlagen beim kleinsten Wellengang. Auch die Auswirkungen über längere Zeit waren sicher nicht positiv. So sassen wir noch ein wenig mit Charly auf seinem Schiff und plauderten über Gott und die Welt, bevor wir uns niedergeschlagen wieder in unser Airbnb aufmachten.

Tags darauf machten wir noch einen kleinen Ausflug nach Torrevieja, einer hübschen Stadt etwas nördlich mit knapp 80‘000 Einwohnern. Wir erkundeten bei schönstem Wetter die Gassen und riesigen Hafenmauern, genossen Chorizo, Wein und Jamón und liessen es uns nicht nehmen auch in der hübschen, mitten in der Stadt gelegenen Marina Ausschau nach zum Verkauf stehenden Schiffen zu halten.

Waterfront TorreviejaPhoto © Quironsalud

Leider war dort die Suche nicht von Erfolg gekrönt. Bei einem Bier in der Bar in der Marina schaute ich mich um. Bewohner von Schiffen und der Marina sassen bei Snacks und Drinks oder waren auf dem Weg von und zu ihren Schiffen während es langsam Abend wurde und die Möwen kreischten. Da dachte ich mir:

Doch, so ein Seglerleben dürfte ganz ok sein.


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