Weiter wo wir aufgehört haben

Endlich war ich wieder zurück auf Milagros. Der Anfang des Jahres 2024 war stressig. Ich flog für die Arbeit kreuz und quer durch die Weltgeschichte und kehrte dann wieder nach Mexiko zurück. Aber jetzt war Sonntag bis zum Sommer. Nach den gescheiterten Versuchen, aus Guaymas loszusegeln, war nun der Moment gekommen. Die Überfahrt zur Baja stand an.

Wir müssen endlich weg hier!

Wir wollten einfach nur noch weg, wir waren viel zu lange in Guaymas festgesessen. Und wir wussten, dass wir schnell raus in die Weite mussten, weil der Lagerkoller langsam Überhand nahm, wie man ja aus vergangenen Blogposts bestimmt herauslesen konnte. Wir brauchten neue Horizonte, neue Nachbarschaften, Ankerbuchten, Ankerbiere und Delfine am Bug. Die Baja California lockte.

Die Überfahrt nach San Juanico

Aber zuerst stand noch die Überfahrt an. Wir wollten nach San Juanico. Viele finden diese Ecke einen der Höhepunkte im knapp 1000 Kilometer langen Golf. Anlaufzeit brauchten wir keine, denn wir hatten die knapp 16-stündige Passage nun ja schon ein paar Mal gemacht. Wir suchten uns wie immer ein Wetterfenster aus, das Segeln mit gutem, aber nicht zu viel Wind versprach, und machten uns an einem späten Nachmittag auf den Weg. Tschüss Guaymas, bis zum Glück nicht so bald.

Motor, Dunkelheit und Kälte

Und siehe da: Die Überfahrt zur Baja California begann verheissungsvoll. Straffer Wind aus Norden blies Milagros sportlich vorwärts. So segelten wir in die Nacht hinein, wo dann der Wind nachliess und wir den Motor anschmissen. Und es wurde kalt. Seeeehr kalt. Und dunkel. Seeeeeeehr dunkel, denn es war Neumond. Es ist verrückt, was der Mondschein auf dem offenen Meer für einen Unterschied macht. Bei Vollmond segelt man fast im Tageslicht dahin, bei Neumond ist es stockfinster.

Lichttorpedos

Und dann passierte etwas, von dem wir schon viel gehört haben, das uns bisher aber leider verwehrt bliebt. Es war Patis‘ Nachtwache als sie mich plötzlich weckte, denn ihr fielen ungewöhnliche Leuchtspuren im Wasser auf. Als sich dadurch auch noch die bekannten Blastöne auftauchten war’s klar: In der nächtlichen Biolumineszenz tummelten sich rund um Milagros leuchtende Delfine im Wasser.

Wie das ausschaut können wir euch leider nur mit geklauten Bildern zeigen. Es ist praktisch unmöglich, ohne das richtige Equipment die Biolumineszenz bildlich einzufangen. Aber eines können wir euch sagen. So was sieht man nicht alle Tage. Was für ein Erlebnis. Bewegte Bilder von Leucht-Delfinen findet ihr hier.

Ankunft frühmorgens

Bei Anbruch des Tages kam auch der Wind zurück, und wir konnten den Rest des Weges wieder unter Segeln zurücklegen. So kamen wir frühmorgens wohlbehalten in San Juanico an. Hier waren wir doch schon mal, wird der geneigte Leser sagen? Ja, das stimmt, das war damals im Jahr 2022 zusammen mit Paul und Hazel auf SV Susimi (die nun mit ihrem Schiff bereits in Neuseeland sind). Die damalige San Juanico Experience war allerdings eine sehr wackelige Südwind-Experience. Nun war Winter und Nordwind-Saison – perfekt also für einen Aufenthalt in San Juanico, eine Ankerbucht, die gegen Nordwind gut geschützt ist.

Das Leben in der Wildnis hat uns wieder

Endlich waren wir wieder zurück da, wo es schön ist – mit Milagros vor Anker fern der Zivilisation. Nur wir, Milly, die Wüste, andere Schiffe, der Wind und die Natur. Über eine Woche verbrachten wir mit geniessen. Ausflüge mit dem Kayak, Rumhängen mit anderen Seglern und Erkunden unserer Umgebung. Wir fanden ein paar wirklich schöne Ecken. Beim ersten Schwumm des Jahres fanden die Quallen leider auch Pati. Autsch!

Auf Erkundungstour in San Juanico

In San Juanico finden sich viele tolle Wege durch die Wüste, die zum Spazieren einladen. Einer davon führt zu einer kleinen Ranch mit Tieren und einem Gemüsegarten. Auch Pferdetouren und Ausflüge mit dem Boot werden angeboten. Oder wurden angeboten, besser gesagt. Denn der Arbeiter auf der Ranch, der uns sofort zu einer Tasse Kaffee einlud, als wir auftauchten, sagte, dass die neuen Besitzer die Ausflüge für Touristen abgeschafft hätten. Das schade direkt seinem Portemonnaie, denn er konnte mit dem Trinkgeld von Touristen einen guten Zusatz zu seinen knapp 1000$ Lohn pro Monat verdienen. Wir schwafelten mit ihm über Gott und die Welt, er war wirklich ein netter Kerl.

Ein Feuerwerkt zu Pati’s Geburtstag

Wir feierten auch Pati's Geburtstag und luden prompt ein paar glatte Leute auf Milagros ein. Sie waren ein Sammelsurium von Bootsleuten und Wohnwagen-Leuten, die sich am Strand eingerichtet hatten. Happy Birthday Pati! Auch Elon Musk gratulierte herzlich – er zündete ein Feuerwerk. Und zwar in Form einer SpaceX-Rakete, die eines Abends hoch in den Himmel stieg. Nur per Zufall wurden wir Zeuge des Spektakels, als Pati plötzlich mit grossen Augen an den Horizont starrte und nur ein "Was zur Hölle ist denn das?" von sich geben konnte. Und siehe da – die Rakete stieg wie ein Leuchtfeuer hoch in den Himmel und hinterliess eine leuchtende, ionisierte Atmosphäre. Sehr beeindruckend!

Neue Freunde aus dem grossen Kanton

Unser Nachbarschiff, ein großer Katamaran, flog eine große Flagge im berühmt-berüchtigten Schwarz-Rot-Gold. Da mussten wir natürlich gleich mal reinschauen. Wir treffen ja selten Leute aus dem grossen Kanton. Der Katamaran hieß "Thosyma" – woraus wir natürlich gekonnt ableiteten, dass zumindest zwei Leute an Bord Thomas und Sylvia heißen mussten. Und siehe da: Wir hatten recht. Thomas und Sylvia aus Sachsen staunten nicht schlecht, als wir sie direkt mit ihren Vornamen begrüssten, obwohl wir sie noch nie gesehen hatten. Wir verstanden uns direkt gut und verbrachten den Rest des Nachmittags auf ihrem tollen, großen Schiff. Sie wollten in die gleiche Richtung (Süden) wie wir, also würden wir uns sicher noch wiedersehen. Fotos haben wir kei gemacht. Natürlich. Bevor wir die Thosymas wieder treffen würden, wollten wir noch einen Hüpfer in Richtung Norden machen um einen weiteren „Ankerbuchtenpunkt“ abzuholen

Weiter geht‘s nach Punta Pulpito

Nachdem wir die Reise nach Panama erneut abgeblasen hatten, war unser neues Ziel der Segelsaison, so viele neue Ankerbuchten abzuhaken, wie wir konnten. Und direkt nördlich von San Juanico lag so eine Ankerbucht. Punta Pulpito hieß die, ein paar Stunden nördlicher gelegen. Als wir frühmorgens den Anker lichteten, waren wir schon von Kopf bis Fuss auf Motoren eingestellt, als plötzlich ein kleiner, aber feiner Südwind einsetzte und uns sanft in die richtige Richtung schob. Was folgte, war einer der tollsten Segeltage, die wir je hatten. Ganz langsam und gemütlich fuhren wir in Richtung Punta Pulpito.

Wir erklimmen die Gipfel

Dort angekommen zeigte sich ein spektakuläres Backdrop. Der Punta Pulpito ist ein riesiger Felsen, der nach draussen ins Meer vorstösst und dort steil abfällt. In seiner Abdeckung liegt die Ankerbucht. Das mussten wir uns natürlich aus der Nähe ansehen, und am nächsten Tag machten wir uns auf den steilen Weg hoch auf den Gipfel. Wir waren definitiv nicht die ersten, die diesen Wanderweg in Angriff nahmen. Man konnte klar einen kleinen Weg erkennen, dem wir nur folgen mussten. Oben angekommen zeigte sich die eindrucksvolle Umgebung der Sea of Cortez in ihrer ganzen Pracht.

Sea of Cortez Obsidian

Etwas, das Punta Pulpito auch zu einer Destination macht, ist die Vene von Obsidian, die sich den Felsvorsprung herunter schlängelt. Kreuz und quer über den Boden verteilt findet man praktisch überall das vulkanische Gesteinsglas. Es bildet sich, wenn unter bestimmten Voraussetzungen Lava schnell abkühlt. Das mussten wir uns natürlich genauer anschauen und fanden schon am Strand grosse Brocken Obsidian. Ein paar kleinere Stücke sind nun mit uns an Bord von Milagros unterwegs.

Wir nehmen uns Zeit und sind trotzdem immer unterwegs

Obwohl wir uns in jeder Ankerbucht viel Zeit zum Verschnaufen ließen, waren wir trotzdem immer unterwegs. Den nächsten Nordwind nutzten wir direkt wieder, um weiter Richtung Süden zu segeln. Und zwar zur Isla Coronados. Und wer schon länger dabei ist, der weiss: Auch da waren wir schon ein paar Mal. Die Vulkaninsel war etwa einen halben Tag segeln weiter in Richtung Süden – wir verbrachten wieder einen tollen Segeltag. Unsere Segel-Motor-Ratio zu Beginn der neuen Saison war echt gut! So konnte es weitergehen!

Zurück bei der Isla Coronados

Bei der Isla Coronados angekommen, versteckten wir uns an deren Südende, denn ein grauseliger Nordwind war vorausgesagt. Dem wollten wir aus dem Weg gehen. Und zudem war eine Sonnenfinsternis vorausgesagt, die wir uns bei der Isla Coronados zu Gemüte führen wollten. Passiert ja schließlich nicht alle Tage.

Die Nortes sind laut und kalt

Als der Nordwind auftauchte, wurde es mal wieder ungemütlich, kalt und laut. Wie das halt so ist im Winter in der Sea of Cortez. Der Nordwind kommt, heult rum, macht Lärm und verschwindet dann wieder. Wir verbrachten die Tage mit Arbeiten am Computer und einem Waschtag. Wir waren nun schon einige Zeit unterwegs, und die dreckigen Kleider hatten sich angesammelt. Da wir uns standhaft weigerten, zurück in die Zivilisation zurückzukehren, mussten wir das Waschen halt selber in die Hand nehmen. Ein Kessel, Wasser aus dem Frischwassertank, Leinen zum Trocknen, und schon war’s getan.

David und der Pelikan

Für gute Unterhaltung auf dem Schiff war spätestens dann gesorgt, als ein Pelikan es sich auf unseren Solarpanels gemütlich machte. Wir haben überhaupt kein Problem, wenn irgendwelche Tiere es sich auf dem Schiff eine Pause machen wollen (es sei denn es handelt sich um Ratten oder Kakerlaken). Aber was wir nicht mögen, ist kiloweise Pelikanscheisse von unseren Solarpanels zu putzen. Also musste der freche Kerl weg. Einfacher gesagt als getan! Denn nicht nur bewegte er sich nicht vom Fleck, sondern wollte mich auch noch mit dem Schnabel packen, wenn ich zu nahe kam. Erst als ich ihn mit einem Paddel vom Kayak vom Solarpanel schob (woraufhin er sogar nochmal zurückkam), liess er sich zum Verschwinden überreden.

Weiterfahrt zum Nordende der Isla Carmen

Als der Norte (so heißen die Nordwinde auf Mexikanisch) wieder nachließ, und Südwinde angesagt waren, wollten wir einen weiteren Punkt für eine neue Ankerbucht abhaken und cruisten (sogar mit Delfinbesuch) gemächlich unter Motor zu einer Ecke, die „Puerto de la Lancha“ heißt. Gut geschützt gegen Süden liegt sie am Nordende der Isla de Carmen. Und gut geschützt gegen Wellen aus dem Süden war sie auch. Aber gegen den Wind nicht so sehr, denn der wurde eher in die Ankerbucht hinein kanalisiert. Es blies wie verrückt, und Milagros wurde an der Ankerkette hin und her geschoben.

Puerto de la Lancha

Trotzdem blieben wir und sassen den Südwind aus. Wir machten Spaziergänge über die Hügel in der Umgebung und am Strand entlang, wo wir allerlei spannende Überreste von Meeresgetier fanden. Unter anderem einen Delfin-Schädel. Plastikabfall gab es natürlich auch zuhauf, und so räumten wir auch gleich ein wenig das Ufer auf. Es ist auch nach 3 Jahren einfach jedes Mal von Neuem eindrücklich, wie wir die Weltmeere kaputt machen. Und die Sea of Cortez zählt als eher „unberührt“.

Ein unterwartetes Wiedersehen

Aber wie es so ist, irgendwann war der Kühlschrank dann doch leer, und wir mussten weiter nach Loreto, um zu proviantieren. So tuckerten wir ein paar Stunden in Richtung Westen und ankerten vor der Stadt. Das Dinghy platzierten wir am Strand und machten uns auf in Richtung Supermarkt. Wisst ihr noch, als wir vor langer Zeit mit Ray sein Schiff nach La Paz gebracht haben (und nachts in ein Fischernetz gefahren sind)? Ray wohnt jetzt in Loreto, und da wir sowieso in der Umgebung waren, wollten wir uns natürlich bei ihm melden. Dreimal dürft ihr raten, wen wir im Supermarkt praktisch hinein gerannt sind? Ray. Verrückt, wie die Welt manchmal spielt. Er war mit seinem Truck da und half uns netterweise, das ganze Zeug zurück zum Dinghy zu bringen. Haben wir Fotos gemacht? Natürlich nicht.

Ein trauriger Anblick

Leider liegen am Strand von Loreto auch die traurigen Überreste eines uns bekannten Schiffs. Ein Freund von uns aus dem Boatyard von Guaymas ist während eines Segeltörns in Richtung Loreto in gröbere Schwierigkeiten geraten, die am Ende leider dazu geführt haben, dass sein Schiff am Strand von Loreto liegen geblieben ist. Die Einheimischen haben natürlich kurzen Prozess gemacht und sich in den Nächten danach kurzerhand alles under den Nagel gerissen, was nicht niet- und nagelfest war. Unter anderem unsere alten Batterien, die wir ihm damals geschenkt haben, als wir unsere neuen Lithium-Batterien eingebaut haben. SV Colymbus ist nun ein Mahnmal dafür, was alles schiefgehen kann wenn man offshore-segelt. Die Natur kennt kein Pardon.

Enttäuschung in Balandra

Als die ganzen Fressalien im Schiff verstaut waren, wollten wir weiter zum nächsten Ort. Puerto Balandra hieß der, eine tolle hufeisenförmige Ankerbucht und gut geschützt gegen allerlei Wetter aus fast allen Richtungen. Unterwegs sahen wir auf dem Chartplotter, dass die Thosymas auch dahin unterwegs waren. Und da angekommen, machte sich Ernüchterung breit. Es hatte leider keinen Platz mehr für uns. Als sich Thomas und Sylvia zurück in Richtung Isla Coronados aufmachten, entschieden wir uns nach einem kleinen Zwischenstopp, es ihnen gleichzutun.

Wir machen wie immer das Beste draus

Wir verbrachten wieder ein paar Tage am Südende der Insel und trafen uns mit Thomas und Sylvia von SV Thosyma zum Sundowner am Strand. Auch Spaziergänge zur malerischen Nordbucht durften nicht fehlen. Diese wird tagsüber von Ausflugsbooten aus Loreto frequentiert, die den ganzen Strand einnehmen. Gut, dass wir bei der Insel wohnhaft sind, und so konnten wir die Abendstunden nutzen und hatten die ganze Insel für uns alleine. Einfach nur schön!

Wenn es plötzlich düster wird

Wir hatten auch noch einen Termin: Eine Sonnenfinsternis fand am 8. April am Mittag statt. Am Morgen arbeiteten wir, dann machten wir „Sonnenfinsternis-Margaritas“ und setzten uns ins Cockpit. Es hatte schon etwas Spezielles, als es plötzlich am Mittag düster wurde und die Intensität der Sonne merklich nachließ. Wirklich etwas sehen konnten wir nicht, wir hatten ja keine speziellen Brillen oder Sonstwas dabei. Alles in allem war das Erlebnis in unseren Breitengraden ziemlich unspektakulär. Weiter im Süden, besonders in Mazatlán, muss das Ganze viel eindrucksvoller gewesen sein.

Das frischeste Sushi überhaupt

So ganz ohne Wind und Wellen musste ich mal wieder Würmli baden und hatte Glück – eine schöne spanische Makrele biss an. Ein grossartiger Fisch für Sushi und Sashimi. Das liessen wir uns natürlich nicht nehmen – selbstgemachtes Sushi vom selbstgefangenen Fisch. Was will man mehr? Mit diesem tollen Fisch im Gepäck und Sushi im Magen konnten wir uns wieder auf den Weg machen.

Unterwegs zum Geheimtipp

Und an einem Donnerstag packten wir wieder unsere Sachen zusammen und fuhren weiter gen Süden. Denn ein Besuch an einem besonderen Ort stand an. Eine Art Geheimtipp, den uns Marla und Dave auf der SV Cavu empfohlen hatten. Ob wir euch verraten werden, wo der ist? Das müssen wir noch überlegen.

Läuft bei uns

Ihr seht, es läuft wieder bei uns. Kaum sind wir raus aus Guaymas, auf dem Wasser und unterwegs, wurde uns immer mehr klar, dass das eigentlich ist wo wir mit Milagros hingehören. Auf einem hochseetüchtigen Segelschiff wohnen und dann einfach irgendwo sitzenbleiben ist falsch. Wir mussten raus, ohne Lärm, viele Menschen und Zivilisation. Nur der Horizont und tausend Möglichkeiten und Abenteuer vor uns. So muss das.


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