Pati allein zuhaus 2.0

David war erneut für zwei Wochen ausser Lande und ich entsprechend allein mit Milagros. Während seiner Abwesenheit kümmerte ich mich weiter um unsere To Do Liste. Ausserdem hatte ich Grosses vor.

Am Tag von Davids Abreise haben wir Milagros‘ Anker wieder in die guaymanesische (oder guaymanensische?) Kloake gesetzt. Vom schönen, klaren, angenehmen, türkisfarbenen, schwimmbaren Wasser in die trübe, stinkige Sosse. Von der Ruhe, dem plätschernden Wasser in den Zirkus und den Verkehrslärm. Was für ein Genuss. Aber wie ich schon in einem früheren Blogbeitrag erläutert habe, war es ein notwendiges Übel. Es gab in einem erreichbaren Umkreis keine bessere Option. Dafür gab es Tacos à discretion, Zugang zu Projektmaterialien und nette Leute. Diesmal wollte ich aber nicht aus lauter Bequemlichkeit die Zeit in der Marina am Dock verbringen, sondern vor Anker – am besten nicht in Guaymas.

Tschau Tschau David

Die erste Mission in Guaymas war David zum Bus zu bringen. Wir tuckerten mit unserem vollbepackten Dinghy zum Marina. Von weitem sahen wir César, unser Taxifahrer des Vertrauens und pünktlich wie immer, schon bereitstehen. Sein kleiner blauer Chevrolet ist unverkennbar. Nachdem ich David am Busterminal verabschiedet hatte, ging’s für mich direkt auf die zweite Mission: Vorräte auffüllen. Voll bepackt kehrte ich zur Marina zurück. Ein paar nette Arbeiter halfen mir dort, alles Zeugs ins Dinghy zu beigen.

Da war noch was

Zurück auf Milagros wollte ich erstmal die Füsse hochlegen, nachdem ich alle Einkäufe verstaut hatte. Doch dann erinnerte ich mich daran, dass ich das Dinghy für die Nacht noch aus dem Wasser holen musste. Uns wurde zwar noch nichts vom Schiff gestohlen und unser 3.3 PS Motor ist nicht unbedingt das attraktivste Ziel. Dennoch herrscht hier ein grosses gesellschaftliches Gefälle und Armut und auch ein kleiner Aussenborder lässt sich irgendwie zu Geld machen. Deshalb gelten für uns zwei Vorsätze: „lieber Vorsicht statt Nachsicht“ und „sei nicht das einfachste Ziel“. Es wäre doch sehr ärgerlich, wenn etwas verschwindet, und man das Unglück mit 2 Minuten Aufwand hätte vermeiden können.

Ein simples Krandesign

Zu zweit ist das mit dem Dinghy verstauen deutlich einfacher, deshalb musste ich mir ein System ausdenken, wie ich das allein möglichst einfach und ohne Rückenschaden bewerkstelligen konnte. Mit einem Fall, dem Spibaum und einem Flaschenzug baute ich eine Art Kran, der mir erlaubte, mit ziemlich wenig Kraftaufwand das Dinghy hochzuziehen und dann auf einer angenehmen Höhe den Aussenborder an Bord zu heben. Voilà.

Das ist zu nahe

Am darauffolgenden Morgen erhielt ich noch vor dem ersten Kaffee die nächste Mission. Nachdem ich das Wasser für den Kaffee aufgesetzt hatte, und darauf wartete, dass es kochte, schaute ich wie immer auf beiden Seiten vom Schiff aus dem Fenster. Schauen, was draussen so läuft. Und was ich sah, gefiel mir gar nicht. Ein 70-Füsser kam uns (oder wir ihm) ziemlich nahe. Als wir am Tag zuvor geankert hatten, kam der Wind aus einer anderen Richtung und der Abstand hatte gepasst. Über Nacht hatte der Wind gedreht und nun sah die Situation anders aus.

Abwarten und Guetzli backen

Den Anker direkt raufholen konnte ich aber nicht, da sich das andere Schiff genau über unserem Anker befand. Nach jedem Ankermanöver markieren wir die geschätzte Position des Ankers auf der Karte, um prüfen zu können, ob unser Anker auch hält und sonst alles in Ordnung ist. Also liess ich erstmal mehr Kette raus, sodass ich mich wohler fühlte. Mittlerweile war der Kaffee bereit. Ich setzte mich damit ins Cockpit und beobachtete die Situation. Ich war bereit, im Fall der Fälle den Motor zu starten. Ich wusste aber, dass der Wind zum Glück wenig später drehen würde und die Situation dann wieder anders aussah. Und ich wusste noch was: Dass ich dann sofort umankern würde. Ich fragte Lucas, ob er mir nach seinem Morgenkaffee dabei helfen könnte. Gemeinsam parkten wir dann Milagros ein bisschen weiter weg.

Es läuft etwas

In den darauffolgenden Tagen hatte ich gefühlt keine ruhige Minute. Die Zivilisation hatte mich wieder! Nebst online arbeiten am Morgen, Schiff managen und allein Haushalten (und auch noch abwaschen – das schlimmste!) werkelte ich an verschiedenen Projekten. Bald schon war Milagros um zwei neue Cockpitsitzkissen, zwei dreieckige Anlehnkissen und ein neues Matratzencover reicher. Auf Facebook stolperte ich in einer lokalen Gruppe über eine kleine Anzeige für massgeschneiderte Schneidebretter. Trotz unseres Pechs mit Massaufträgen hielt ich zwei Tage später ein schönes neues Brettli in den Händen.

Die Segler-Demographie

Und ein bisschen Socializing durfte natürlich auch nicht fehlen. Von der Demographie her ist Guaymas zwar eher einseitig: Hauptsächlich pensionierte, weisse, männliche Einhandsegler aus Amerika und Kanada sind hier zu finden. Dennoch hat es zwischendrin auch mal Frauen oder Segler in meinem Alter. So verbrachte ich nette Stunden bei Annette auf ihrer ‘Ananda’ am Dock, oder traf mich mit Skeet und Amanda, zwei Neuseglern in meinem Alter. Abends (also nach Sonnenuntergang, haha) sank ich ins Bett und schlief tief und fest, wenn nicht gerade wieder einmal der Wind mit 30 Knoten (ca. 60 km/h) durch die Bucht bretterte.

Auf eine Mission

Als sich im Wetterbericht ein ruhiges Fenster ohne Wind abzeichnete, bereite ich mich auf eine weitere Mission vor: Ich wollte mit Milagros allein auf ein Ausfährtchen. Als Ziel hatte ich mir das 3h Stunden entfernte Carricito ausgewählt. Da David und ich uns immer abwechseln bei allen Manövern, wusste ich genau, was ich zu tun hatte. Und da es keinen Wind hatte, hatte ich alle Zeit der Welt. Die Konditionen waren perfekt: Ein Schiff und seine Handgriffe, die ich beherrschte, eine Gegend, die ich schon kannte, eine Bucht, in der wir schon waren, mit hiesigen Sprachkenntnissen und Bekanntschaften. Ausserdem wollte Gavin mit seiner ‘SV Petra’ später ebenfalls noch nachkommen. Da konnte nichts schief gehen, oder?

Da war jemand grosszügig

Ich brauchte etwa 1 Stunde, um den Anker zu lichten, da die Ankerkette derart verdreckt war und ich sie Zentimeter für Zentimeter abspritzen musste, um diesen Dreck nicht im Ankerkasten zu haben. Ausserdem war Lucas beim Ankern sehr grosszügig mit Kette rauslassen. Bei 4 Metern Wassertiefe würde ich normalerweise etwa 20 Meter rauslassen (5:1 die Wassertiefe sagt man). Er war da etwas konservativer und hat 50 Meter rausgelassen, die ich allesamt abspritzen musste.

Allein unterwegs

Es war ein tolles Gefühl, den Motor zu starten, den Anker hochzuholen und davonzufahren. Raus aus dem Lärm, entlang dem Kanal, vorbei an Tankern, die gerade mit Zement beladen wurden, vorbei an Fischern, die gerade ihre Netze einholten, den Fahrtwind (sonst hatte es ja keinen Wind) im Gesicht zu spüren und das Geräusch des Wassers zu hören, das vom Bug verdrängt wurde. Das Einzige, was die Idylle störte, war der Dreck den Guaymas auf unserem Deck verursacht hatte: Schleimiger, schwarzer Schlamm vom Grund und Vogeldreck. Ein Nachtreiher hatte beschlossen, dass ihm unser Bugkorb gut gefällt und er dort die Nacht verbringen wollte. Sein Geschäft verrichtete er dann ganz frech auf unser Deck. Es wundert dich sicher nicht, dass das unsere Gastfreundschaft arg strapazierte.

Hier kannst du ein kleines Video von meinem Trip anschauen:

Erfolgreiche Mission

Die Ausfahrt verging wie im Flug und schon war es Zeit, den Anker bereit zu machen. Ich hatte mir einen Ankerplatz in der kleinen Bucht ausgesucht und das Ankermanöver lief wie am Schnürchen: Langsam auf den gewünschten Punkt zu steuern, in den Wind drehen, nach vorne gehen, und wenn das Schiff keine Vorwärtsfahrt mehr hat, den Anker runterlassen. Dann langsam die benötigte Kettelänge rauslassen, zurück ans Steuer gehen, den Rückwärtsgang einlegen und langsam Gas geben, bis der Anker gut sitzt und bei der Deckpeilung keine Positionsänderung ersichtlich ist. Später am Nachmittag tauchte dann Gavin auf und wir stiessen gemeinsam auf unsere Erfolge an.

Eine kurze Auszeit

Wir verbrachten ein paar Tage dort in der Bucht, Gavin auf seiner Seite und ich auf meiner Seite. Ab und zu trafen wir uns auf einen Kaffee oder ein Bier – sehr friedlich. Ich erkundete allein die Gegend, schwamm ein paar Runden ums Schiff und genoss die Ruhe im Cockpit. Bald war es wieder Zeit, nach Guaymas zurückzukehren, denn Davids Rückkehr stand an. Gavin und ich hoben gleichzeitig den Anker. Leider hatte es keinen Wind, denn ein kleines Rennen unter Segeln wäre witzig gewesen. Ich gewann trotzdem, denn auch unter Motor ist Milagros eine Maschine. Ich ankerte mit ihr wieder in der Kloake von Guaymas, diesmal musste ich zwei Anläufe nehmen, denn beim ersten Mal hielt der Anker nicht. Und um ein erneutes Umankern zu vermeiden, platzierte ich uns schön weit draussen. Wie weit draussen merkte ich erst, als ich später an Land ruderte. Dennoch: die Mission war zu 100% erfolgreich und irgendwann werde ich sicher auch noch die Chance haben, Milagros allein zu segeln.

Flohmarkt

Am darauffolgenden Tag nahm ich an einem Flohmarkt für Segler in San Carlos teil. Rendt und Marea, zwei Neuseeländer mit Sohn Nico auf einem Schweizer Stahlschiff, nahmen mich netterweise im Auto mit. Der Flohmi startete um 8 Uhr. Ich hatte ein paar gute Dinge zum Verkaufen, die aber an dem Tag nicht gesucht waren, und um 10 Uhr war der Flohmi auch schon wieder vorbei. Danach gönnten wir uns ein leckeres mexikanisches Frühstück und besuchten ein historisches Kaffee in Guaymas.

Segeltag mit Würze

Unerwartet wurde ich auch noch zu einem Segeltag eingeladen. Lucas hatte auf Matts Schiff einen neuen Autopiloten eingebaut, der nun kalibriert werden wollte. Als ich in der Marina an Bord stieg, war das Schiff klar zum Ablegen. Es gäbe da nur ein kleines Problem: er hätte Diesel im Öl gefunden, aber denke, dass es jetzt geflickt sei. Ich bereitete mich also mental also darauf vor, über Bord zu springen. Denn im schlimmsten Fall führt Diesel im Öl dazu, dass der Motor durchgeht, also die Drehzahl ausser Kontrolle gerät und sich der Motor quasi selbst zerstört. Das kann normalerweise durch die Kappung der Luftzufuhr gestoppt werden, ansonsten explodiert der Motor. Spoiler: Es ist nichts passiert. Wir verbrachten einen spassigen Segelnachmittag auf dem kleinen Zweimaster. Zurück am Dock wurden wir gar noch zum Lasagne-Essen bei Annette eingeladen. Da David am darauffolgenden Morgen früh um 3 Uhr in Guaymas ankommen würde, liess ich ihm unser Dinghy in der Marina stehen und Gavin fuhr mich nach Hause.

David ist zurück

Mitten in der Nacht weckte mich das leise Poltern unserer Badeleiter. David hatte auf den Aussenborder verzichtet und sich mit Rudern angeschlichen, denn er wollte mich überraschen. Das hat leider nicht ganz geklappt. Er war reich bepackt mit Goodies aus der Schweiz (Schoggi und Raclettekäse) und feinen asiatischen Sossen und ich freute mich, dass er zurück war.

Die Vorbereitungen laufen

Am nächsten Tag starteten wir mit den Vorbereitungen für eine Überfahrt auf die andere Seite der Sea of Cortez. Wasser, Propan und Diesel wollten aufgefüllt werden und auch unsere Vorräte. Und wir hatten einen Abnehmer für die Hälfte unseres Bleis gefunden, dass noch unnötig in unserer Bilge rumlag. Doug, ein Segler, den wir im 2021 in Puerto Peñasco kennengelernt hatten, brauchte etwas Ballst für seinen Kahn. Im Austausch für das Blei lud er uns zum Lunch ein und erzählte uns von seinem abenteuerlichen Segeltörn von Peñasco nach Guaymas. Unterwegs verlor er unter anderem ein Propellerblatt und die Möglichkeit, sein Grosssegel zu benutzen, deshalb musste er manövrierunfähig nach San Carlos abgeschleppt werden.

Eine letzte Mission

Bevor wir aber Guaymas verlassen konnten, gab es noch eine letzte Mission zu erfüllen: Segelsäcke nähen für Lucas. Ich durfte netterweise die Nähmaschine von Corky’s Canvas in der Marina verwenden. An zwei Nachmittagen ratterte Maschine und voilà, zwei Segelsäcke waren geboren. Zwei Pati Bag Unikate, die einmal viel Wert haben werden 😉

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