Mit vereinten Kräften: Teil 2

Nach ersten Besuch bei Viribus Unitis waren wir guter Dinge, denn zum ersten Mal auf unserer Bootssuche hatten wir keine groben Mängel entdeckt. Entsprechend motiviert begannen wir mit der Suche nach Experten für die verschiedenen Komponenten von Viribus Unitis.

Das Offensichtliche hatten wir schon entdecken können - jetzt war es Zeit für die versteckten Probleme

Während wir Sylfia auf unserem Suchradar hatten, besuchten wir einen Schiffsdieselmotorenkurs (schöne deutsche Sprache) bei Heinz Dirnberger von MT Marine Technik am Zürisee. Mit seiner Kompetenz und Direktheit war er unsere erste Wahl für die Inspektion der beiden Motoren von Viribus Unitis. Die zweitägige Inspektion wäre aber um die Osterzeit gewesen, worauf uns Heinz leider einen Korb geben musste, da er selber viel zu viel zu tun hatte.

Auch die Suche nach einem Spezialisten für das Rigging verlief im Sand. Wir telefonierten quer durch Italien und hangelten uns von Kontakt zu Kontakt, konnten aber leider niemand passendes finden.

Erfolgreich waren wir dafür auf der Suche nach dem Mann fürs Grobe – einer generellen Inspektion und der anschliessenden Einschätzung von Viribus Unitis. Auf einer nächtlichen Suchaktion wurde ich fündig – Paul Fay (www. faymarine.com) schien unser Mann zu sein. Auf seiner Homepage steht geschrieben:

‘ Nachdem ich viele Jahre mit dem Bau, der Konstruktion und Reparatur von Stahl- und Aluminiumyachten und Motorbooten verbracht habe, biete ich spezielle Untersuchungen an Schiffen an, die aus diesen Materialien gebaut sind.

Ich bin ein wirklich unabhängiger Inspektor, ich bin keinem Makler, keinem Reparaturbetrieb und keiner Bootswerft angeschlossen. Ich arbeite nur für Sie, die Person, die meine Dienste nutzt. Die Beratung, die Sie erhalten, erfolgt aus finanziellen und qualitativen Gründen in Ihrem besten Interesse ‘

Musik in meinen Augen Ohren. Ich schrieb ihm sofort eine E-Mail, inklusive Fragen zu ein paar merkwürdigen Einbuchtungen an der Aluminiumhülle von Viribus. Was ich erhielt war nicht einfach eine generische Antwort – Paul nahm sich die Zeit, zu jedem meiner Bilder einen detaillierten Kommentar abzugeben. Nach ein paar Telefonaten war der Fall klar – wir würden ihn aus England einfliegen um die Inspektion von Viribus Unitis durchzuführen. Seine Untersuchungen dauerten zwei Tage – an Tag eins waren die Hülle und das Deck dran, an Tag zwei würde er sich durch die Innenräume arbeiten.

Nachdem das Wochenende für die Inspektion gefixt war, begannen die Planungen. Patis Vater Urs hatte auch Lust, mit uns die Reise anzutreten und so gingen er, Carmen und Iñaki zusammen mit dem Auto auf die Reise. Leider konnte Pati den zweiten und spannendsten Teil der Besichtigung nicht mitmachen, da bei ihr im Geschäft der Quartalsabschluss und somit enorm viel Arbeit anstand. Auch ich würde wegen der Arbeit einen Tag später mit dem Flixbus via Mailand nach Udine folgen. Die Busreise hat Spass gemacht und während ein paar Stunden Wartezeit auf meinen Anschluss in Mailand nutzte ich die Gelegenheit, das altehrwürdige San Siro zu besuchen. Als Fussballfreak konnte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen – es war ein tolles Erlebnis mitten in der Nacht mutterseelenalleine vor diesem legendären Stadion zu stehen. Drin war ich leider noch nie.

Die Inspektion von Paul mit Iñaki im Schlepptau war schon in vollem Gange, als ich von Carmen und Urs in Udine abgeholt wurde. Wir nächtigten wieder in demselben Hotel in San Giorgio di Nogaro. Als ich beim Schiff ankam, hatte bereits Unheil Einzug gehalten – Paul hatte bereits EIN LOCH im Schiff entdeckt, das einzig von einer Blase in der Farbschicht verdeckt war. Er hatte den Verdacht, dass es sich dabei um Lochfrass handelte, da überall um das Loch ein undefinierbares weisses Pulver zu finden war.

So arbeiteten wir uns den ganzen Tag vorwärts. Paul war detailversessen und fand überall Dinge, die einem Normalsterblichen nie ins Auge gestochen wären. Uns war schnell klar, dass wir den perfekten Kandidaten für diese Untersuchung ausgewählt hatten.

Ein extrem wichtiger Punkt, den Paul an Tag eins entdeckte (abgesehen vom Loch natürlich):

An der Aussenseite der Hülle zwischen dem Kimmkiel und somit direkt unter dem Motorenraum war eine grosse Fläche mit Fiberglas und Epoxidharz ausgebessert worden. Dies laut den Besitzern um eine grössere Fläche mit Lochfrass auszubessern. Leider löste dies das Problem der Korrosion keinesfalls. Über die Haftung von Fiberglasmatten auf Aluminium lässt sich ebenfalls streiten. Optimalerweise wäre die fehlerhafte Fläche ausgeschnitten, und eine neue Aluminiumplatte eingeschweisst worden. Da ich in Manier eines Privatdetektivs im Vorfeld Kontakt zur Werft, die die Arbeit durchgeführt hatte, herstellen konnte, lag sogar ein Telefongespräch von Paul mit dem Verantwortlichen der ‘Reparatur’ drin. Urs bespasste oben im Decksalon die beiden Besitzer, während Paul, Iñaki und ich unten im Motorenraum telefonierten. Hehehehe…

Immer mehr grössere und kleinere Arbeiten zusammen, die vor unserer grossen Reise hätten in Angriff genommen werden müssen. Der Tag war schnell vorbei und um Paul zu zitieren war es langsam sowieso ‘beer-o-clock’ (Zeit für ein Bier).

In quale direzione verso una birra fredda?

Am nächsten Tag war der Innenraum von Viribus an der Reihe, von Paul auseinandergenommen zu werden. Hier dasselbe Bild – Paul fand eine Reihe Mängel, zwei davon massiv:

Abgesehen davon, dass das gesamte Gassystem in Innern des Schiffs verlief, war der Ablauf für das Gasflaschen-Schliessfach viel zu hoch angebracht. Im Falle eines Gaslecks hätten wir auf einer schwimmenden Bombe gesessen. Auch wenn der Auslass am richtigen Ort angebracht gewesen wäre, die Gasflaschen hätten in das Schiff geleckt.

Man stelle sich eine undichte Gasflasche vor...

Der Süsswassertank des Schiffs war direkt in die Bilge eingebaut worden, somit war sein Boden Teil der Schiffshülle. Die Besitzer hatten den Tank seit der Übernahme von Viribus Unitis nie geöffnet, da der Deckel mit an die 40 Bolzen befestigt war (Fig. 1). Trotzdem nahmen wir die Öffnung des Tanks in Angriff und fanden prompt üblen Lochfrass. Die Korrosion hatte die Hülle teilweise bis auf nur noch 2mm Dicke heruntergefressen. ‘ Das hättet ihr spätestens dann gemerkt, wenn das Trinkwasser plötzlich salzig geschmeckt hätte. ’ meinte Paul dazu. Auch waren bei einem Fassungsvermögen von 1500 Litern keine Schwallbleche im Tank eingebracht worden. Sind solche Bleche in einem Tank eingebracht, kann sich das Wasser im Tank zwar noch immer frei bewegen, allerdings nicht in seiner Gesamtheit (Fig. 2) Da Flüssigkeiten bei Beschleunigung in eine Richtung schwappen, wären in Viribus' Fall bei starkem Seegang mehr als eine Tonne Wasser in Bewegung versetzt worden, was zu strukturellen Problemen hätte führen können. Kein Problem bei ruhigen Ausfahrten in Küstengewässern, dafür ein umso grösseres Problem auf der hohen See.

Somit waren wir wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Die zwei Tage mit Paul hatten schonungslos aufgezeigt, wo die Probleme bei Viribus lagen. Auch für die beiden Besitzer war die Lernkurve hoch und sie entdeckten so mit Paul genau wie wir, dass an Bord viel zu tun war. Besonders der korrodierte Wassertank schockierte sie derart, dass sie sich bereit erklärten, die Hälfte von Pauls Honorar zu übernehmen. Allgemein waren die beiden Besitzer unheimlich hilfsbereit und gaben zu allen Fragen bereitwillig und ehrlich Auskunft. Auch wollten sie den Mangel beheben, bevor das Schiff überhaupt wieder zum Verkauf stehen sollte. So sieht gute Seemannschaft aus - danke dafür!

An dieser Stelle geht ein grosses Dankeschön an Mr. Paul Fay. Er war jeden Cent seines Honorars wert und wir können ihn nur wärmstens für jegliche Inspektionen empfehlen.

Letztlich kamen wir zum Schluss, dass bei Viribus – obwohl sie ein extrem tolles Schiff war – zu viele Eventualitäten und Unsicherheiten bestanden. Wir konnten nicht richtig einschätzen, woran wir bei ihr waren und wieviel versteckte Arbeit sie für uns bereithalten würde. Somit schickten wir den Besitzern schweren Herzens eine Absage und mussten mit der Suche wieder von vorne beginnen.

Wie es das Schicksal so wollte, begegneten wir auch Viribus Unitis ein zweites Mal – wieder auf Youtube. Auf dem Kanal 'BootsProfis' (sehr toller Channel, leider nur auf Deutsch), war ein Segler auf der Suche nach einem Segelschiff um darauf zu wohnen und zu segeln. Es kam, dass die Truppe auch Viribus besuchten, nicht zuletzt mit einem guten Vorwissen über das Schiff, da sie Pauls Bericht von den Besitzern zur Verfügung gestellt bekommen haben. Schlussendlich fand Viribus tatsächlich einen neuen, glücklichen Besitzer, worüber wir sehr froh sind.

Wer weiss, vielleicht treffen wir ja plötzlich Sylfia UND Viribus Unitis in einer Ankerbucht irgendwo auf der Welt.


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