Wir sitzen wieder auf dem Trockenen!

Nun war es so weit. Unsere allererste Saison auf Milagros neigte sich dem Ende zu. Was bleibt ist ein Sturm an Erinnerungen, so viele neue Bekanntschaften, so viele neue Skills. Wir haben viel erreicht und sind stolz auf uns. Es lag aber noch ein wenig Arbeit vor uns. Wir mussten Milagros bereit machen für ihren Sommerschlaf. Und zum zweiten Mal innert kürzester Zeit das Schiff docken. Aaaaahh!!

Wir lagen nach wie vor in der Bahia Algodones vor Anker. Links und rechts zischten die Jet Skis und Wakeboarding-Boote an uns vorbei und schüttelten uns durch. Gegen das Wochenende versammelte sich San Carlos auf den Schiffen und feierte vor Anker bis weit in die Morgenstunden. Was wir die ersten paar Tage nach all der Einsamkeit fernab jeglicher Zivilisation nicht so richtig einordnen konnten, wurde schnell zum Alltag. Das Wasser gehört eben doch nicht nur uns, sondern allen.

Sachen gibt’s

Im Vorfeld unserer Überfahrt nach San Carlos hatten wir gehört, dass noch ein paar andere Kelly Peterson 44 zugegen waren. Also fragten wir kurzerhand in der KP44-Gruppe nach, wer denn so da war. Es meldete sich ein Herr namens Greg, der mit seinem Schiff «Nada Mas» in der Fonatur Marina Guaymas am Dock lag. Wir tauschten Nummern aus und telefonierten kurz, um uns gegenseitig vorzustellen. «Ich habe ein paar Jahre in der Schweiz gelebt!», sagte Greg. «In einem kleinen Dorf im Nirgendwo. Kennt ihr eh nicht. Pfeffingen heisst das Dorf.» Pati und ich schauten uns ungläubig an.

Die Welt ist ein Dorf

Pfeffingen. Im Kanton Baselland? Kennen wir nicht? Weit gefehlt! Denn Pfeffingen ist das Nachbardorf von Aesch, unserem Wohnort in der Schweiz. Wie crazy ist denn das nun wieder? Wir sind auf unserem Segelschiff am anderen Ende der Welt vor Anker und lernen einen Amerikaner kennen, der nicht nur in Pfeffingen zu Hause war, sondern auch noch dasselbe Schiff hat wie wir. Manchmal sind nicht nur Aesch und Pfeffingen Dörfer, sondern die ganze Welt.

Noch mehr Freunde

Kurz darauf trafen wir uns mit Greg in der Bar am Strand um uns kennen zu lernen und auszutauschen. Er brachte auch noch zwei Nachbarn aus der Marina mit. Michelle und Joseph von SV Soul Rebel kamen auch noch mit. Und so wurde aus dem Treffen der Kelly Peterson-Besitzer aus Aesch und Pfeffingen ein Stelldichein mit Drinks und gutem Essen. So wie das halt immer ist bei uns Seglern. Was wir nicht merkten war, dass sich unterdessen Unheil anbahnte.

Soul Rebel und Milagros Crew

Anfängerfehler

Da die Bar am anderen Ende der Ankerbucht lag, legten wir die Anfahrt im Dinghy zurück. Die Fahrt hin und zurück sollte unsere letzte Ausfahrt mit unserem Beiboot sein Dieses hievten wir wie immer zusammen an den Sandstrand. Allerdings hatten wir die Rechnung ohne die Flut gemacht und hatten unser kleines, aufblasbares Beiboot zu nahe am Wasser platziert. Als das Wassers stieg, konnte die Brandung gemütlich unser gesamtes Böötli mit Seegras, Wasser und Sand füllen. HA! HA! BEIM LETZTEN GEBRAUCH! HA! HA! So lustig. Fotos von unserem Anfängerfehler haben wir leider keine, wir waren zu sehr mit Fluchen beschäftigt.

Zusammenpacken ist angesagt

Am nächsten Tag begannen die Vorbereitungsarbeiten fürs Auswassern. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe stets auf morgen. Nicht so auf Milagros. Wenn man auf einem Schiff nach diesem Sprichwort lebt, hat man verloren. So begannen wir damit, das Schiff aufzuräumen und alles zu versorgen, was wir nicht mehr brauchten. Das Dinghy blieb dabei aussen vor. War ja geflutet und mit Sand und Seegras gefüllt. HA! HA! Wir entschieden uns, die kurze, knapp einstündige Fahrt zur Marina nur unter Motor zurückzulegen. Genug gesegelt. So holten wir die Fock und das Grosssegel runter. Das klappte mehr oder weniger gut. Es gibt Tolleres als riesige Segel zusammenlegen auf engstem Raum. Wir hätten die Segel auch in der Marina runterholen können, aber wir fühlten uns damit sicherer auf dem Wasser, wo sich das Schiff bewegen und ausrichten kann, als auf fixen Stelzen.

Wir sitzen wieder auf dem Trockenen

Und dann, am nächsten Tag, war es so weit. Milagros musste wieder aus dem Wasser. Die Arme! Zum ersten Mal in mehr als 10 Jahren war sie wieder für längere Zeit unterwegs gewesen. Was für ein gutes Schiff sie war (ist)! Nach unserem riesigen Umbau hat sie uns praktisch keine Probleme bereitet. Wir haben auf ihr gewohnt und sie hat uns die Sea of Cortez runter und halbwegs wieder hochgebracht und hat uns aber und abermals gezeigt, dass sie genau dafür gemacht ist, wofür wir sie brauchen. Unterwegs sein. Nun aber war es Zeit für eine Pause. Und die hatte nicht Milagros nötig, sondern wir. Wir freuten uns darauf, mal wieder festen Boden unter den Füssen zu haben.

Letzter Sonnenuntergang auf dem Wasser!

Einmal um die Ecke und raus aus dem Wasser

Die Fahrt zum Trockendock war easy. Wir kannten die Einfahrt nach San Carlos ja noch von unserer Überfahrt mit Carmen und Iñaki auf Anila. Da wir uns für jede Passage abwechseln war es dieses Mal an mir, Milagros zu docken. Die Überfahrt einmal um die Ecke war problemlos, wir hätten wahrscheinlich auch segeln können. War aber schwierig ohne Segel. So motorten wir in die Marina San Carlos hinein. Wir dachten wir wären gut vorbereitet, schliesslich waren wir ja schon mal da gewesen. Ausserdem hatten wir im OpenCPN die Satellitenkarte der Marina studiert, um uns zurechtzufinden.

Stressmoment

Trotzdem kam noch einmal Stress auf. Die Marina in San Carlos war dann doch viel enger als ich sie in Erinnerung hatte und als es auf der Karte aussah, auch wusste ich dann doch nicht mehr genau, wo ich abbiegen musste, um ans Dock für den Kran zu gelangen. Auch Greg, mit dem wir uns für Leinenfangen verabredet hatten, war noch nicht da. Das stresste mich auf diesem engen Raum ziemlich, und so kam es gelegen, dass ein Enddock frei war, wo wir kurz anlegen konnten, um uns einen Überblick zu verschaffen. Als Greg ankam und wir wussten wohin, lief alles wie am Schnürchen. Ablegen, wieder anlegen. Klappte wirklich gut! Trotzdem – sobald es unübersichtlich, eng und stressig wird, merken wir dann halt doch, dass wir noch viel, viel lernen müssen.

Schiessereien gleich in der Nähe

Leider zeigte sich Mexiko auch wieder von seiner hässlichen Seite. In den Tagen vor unserer Ankunft wurde jemand direkt an der Bar bei der Marina erschossen. Ein Video machte die Runde, das Menschen am Boden liegend in der Bar zeigt, während auf dem Parkplatz die Schüsse fielen. Wie wir lernen mussten, sind in der Nebensaison die Kartelle aktiver. Sobald die Touris (Amis) wieder in Massen auftauchen, ziehen sich die Kartelle wieder zurück. Man will ja schliesslich nicht die Geldquelle vertreiben.

Und dann war es so weit

Und dann war es so weit. Pünktlich tauchten die Arbeiter der Marina Seca, wo wir Milagros einstellen wollten, auf. Es wurde keine Zeit vergeudet, zack zack, und schon war Milagros auf dem Lift postiert. Dieser war kein Kran mit Schlingen wie auf dem Cabrales Boatyard, sondern ein Anhänger, der mit Hydraulikarmen das Schiff in die Höhe hob. Als Milagros positioniert war, wurde sie aus dem Wasser gezogen. Nach einem Ausflug auf die Strasse stand sie kurz darauf an ihrem Platz in der Marina Seca von San Carlos.

Milagros zurück auf dem Trockenen (vor dem Hochdruckreinigen)

Verstecken vor der Hitze

Und dann waren wir wieder auf dem Boatyard. So schnell kanns gehen. Zum Glück sollte sich dieses Mal der Aufenthalt auf ein Minimum beschränken. Milagros bereit machen fürs Sommerlager, dann abreisen. Zum Glück hatten wir in Santa Rosalia die Klimaanlage von Marga gekauft. In San Carlos herrschte brütende Hitze. Schnell weg hier! Wir hatten noch ein wenig Zeit für die Vorbereitungen. So liessen wir es locker angehen. Wir arbeiteten nur dann, wenn uns danach war und versteckten uns immer wieder in der gekühlten Kabine.

Die To-Do-Liste

Die Liste war lang:

  • Hülle und Unterwasserschiff putzen und von Bewuchs und Salz befreien
  • Deck und Reling waschen
  • Bilge ausräumen und rausputzen
  • Übriggebliebenes Essen sortieren und verschenken
  • Alle Gewürz-, Mehl-, Haferflocken-, und sonstigen Behältnisse nach Bewohnern durchsuchen und gegebenenfalls entsorgen
  • Kühlschränke reinigen
  • Anker und Kette herunterlassen und mit Süsswasser spülen
  • Segel nochmals auslegen und sorgfältig falten und verstauen
  • Geflutetes Dinghy herausputzen
  • Rigging markieren und lockern
  • Dieseltanks füllen und Diesel gegen Bewuchs und Dieselpest behandeln
  • Frisches Öl für Burrito kombiniert mit einer Süsswasserspülung
  • Ölwechsel am Aussenbord-Motor, Süsswasserspülung und Benzintank leeren
  • Sonnenschutzstoff kaufen und montieren, um das Deck vor UV-Strahlung zu schützen
  • So viele Oberflächen wie möglich mit Essig behandeln, um Schimmel vorzubeugen

Und so weiter und so fort – wir hatten mehr als genug zu tun.

Ausflug nach Guaymas

Zwischen der ganzen Arbeit musste natürlich auch noch ein wenig Vergnügen her. Da wir uns natürlich unser Schwesterschiff Nada Mas mal anschauen mussten, statteten wir unseren neuen Kumpanen einen Besuch in der Fonatur Marina in Guaymas ab. Gleich daneben fand am Abend noch ein kleines Festival mit Musik, Karneval und Essensständen statt. So versammelten wir uns auf Joseph und Michelle’s (makellos schöner) SV Soul Rebel und gönnten uns danach Drinks und Churros auf dem Festivalgelände am Malecon (der Uferpromenade) von Guaymas. Ein Besuch beim Tacostand des Vertrauens durfte natürlich auch nicht fehlen. Es war ein rundum gelungener Abend.

Milagros wird zur Sommerpause gezwungen

Zurück auf dem heissen Boatyard war es nach ein paar Tagen Schwitzen getan. Milagros war vorbereitet für ihre Sommerpause. Könnte sie reden, sie hätte sich bestimmt beschwert. «Was soll das, ihr Affen? Ich will wieder aufs Wasser! Seeeegääääääln! Loooooos!» Zum guten Glück liess sie sich ohne Schwierigkeiten auf den Storage Yard verschieben. Dies zu dutzenden anderen Schiffen, von welchen viele schon seit Jahren kein Wasser mehr um den Kiel gehabt haben müssen. Schon beeindruckend, wie viel Geld überall unbenutzt herumsteht und vor sich hingammelt. Niemals könnten wir ein Schiff guten Gewissens einfach in der Wüste seinem Schicksal überlassen. Eher würden wir es verschenken. Noch ein kurzer Rundumblick, letzte Checks, das Schiff abschliessen, Deckel drauf. Fertig, aus, Ende!

Unsere erste Saison ist vorbei

Das wars dann. Unsere erste Saison als Segler ist vorbei. Wir haben einfach mal so anderthalb Jahre in Mexiko auf einem Schiff gewohnt. Was haben wir gelacht, geweint, geflucht, uns gefreut und gelernt. Wir wussten im Vornherein schon, dass es ein Auf und Ab werden wird. Dass es dann aber so eine Achterbahn werden würde, hätten wir uns trotzdem nicht vorstellen können. Was bleibt ist ein Sturm von Erinnerungen. Wir können aus diesen anderthalb Jahren so unglaublich viel mitnehmen. Neue Freunde, neue Skills, neue Erfahrungen. Und das Wissen, dass Milagros auf uns wartet und bereit ist. Jetzt erstmal heim ins Grüne und Kühle(re). Im November geht’s schon wieder zurück nach Mexiko. Und dann schauen wir mal, was da noch so kommen möge. Aber erst mal geht’s endlich nach Hause!

Hat dir unser letzter Beitrag der Saison gefallen? Wenn du magst kannst du uns ein Bier spendieren, in dem du unten auf den Button klickst, oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon werden! Vielen Dank!

Hier weiterlesen


1 Comment

My father was the original owner of your boat. We bought it new in 1978 from Cruising Consultants in Newport Beach, CA. I spent a large part of my life on her. Her name was Aliyah. We sold her about 1992.

Schreibe einen Kommentar