Wir haben einen Vogel

Wir merken, dass es zwischen Positiv und Negativ nur ein schmaler Grat ist. Hochs und Tiefs wechseln sich ab und was ganz toll erscheint, geht plötzlich den Bach runter. Wir haben eine spezielle Woche hinter uns, die mit High- wie auch mit Lowlights gespickt ist. Auch Mexiko zeigt sich von seiner schönen und seiner düsteren Seite. Es war eine Woche wie Ying und Yang.

Die Sierra de Pinacate, Schuk Toak, im El Pinacate and Grand Desierto de Altar Biosphere Reservat in der Nähe von Puerto Peñasco, Sonora, Mexiko

Fast hätten wir an diesem Sonntag am Morgen mit den Arbeiten am Schiff weitergemacht. Aber nur fast. Denn wir kriegten Wind von einem kleinen Ausflug mit Salvador Cabrales, dem Chef des Cabrales Boatyard, zum "Schuk Toak" (dt. heiliger Berg) in der Nähe von Puerto Peñasco. So liessen wir unsere Pläne sausen und gönnten uns das allererste Touri-Programm seit unserer Ankunft in Mexiko.

Schuk Toak

So versammelten wir uns mit ein paar anderen Seglern und Salvador am Eingangstor zu unserer Seite des Platzes und verteilten uns auf zwei Autos. Die Fahrt führte aus Puerto Peñasco hinaus ins "El Pinacate and Gran Desierto de Altar Biosphere Reserve". Das Reservat in der Sonorawüste ist UNESCO Welterbe und erstreckt sich über 714'566 Hektar Wüste mit einer 354'871 Hektar grossen Bufferzone. Darin befinden sich mehrere eindrückliche Sehenswürdigkeiten natürlichen Ursprungs.

Vulkanologie in der Sonorawüste

Bei der Anfahrt durch die Wüste stach als erstes die "Sierra Pinacate" ins Auge. Geformt von vulkanischer und geologischer Aktivitat, während der Golf von Kalifornien entstand, formten sich Gebirgszüge mit bis zu 1'100 Meter Höhe. Sie waren bereits von Weitem zu sehen, als die letzten Häuser von Puerto Peñasco hinter uns, und die Sonorawüste vor uns lagen. Die massive Verschiebung von Landmassen während der Bildung der Baja California hatte vulkanische Aktivität zur Folge, die in spektakulären Landschaften endete. So ist das Reservat neben den Erhöhungen geprägt von Sehenswürdigkeiten geologischen Ursprungs. Es gibt erkaltete Lavaströme, Kraterlandschaften und riesige Sanddünen zu bewundern.

Wandern durch Lavaströme

Dieses Mal widmeten wir unsere Aufmerksamkeit dem Schuk Toak Besucherzentrum. Gebaut auf einem erkalteten Lavastrom befinden sich im Zentrum eine kleine Ausstellung über die Geschichte und Geologie der Region. Danach kann man sich auf einem kleinen Spaziergang über das erkaltete Gestein selbst ein Bild von der Situation machen. Sehr eindrücklich das Ganze. Vor allem ein kurzer Film zum Abschluss der Tour durchs Schuk Toak Besucherzentrum zeigte wieder einmal auf, dass die Wüste keineswegs eine tote Umgebung ist, sondern vor Leben nur so strotzt.

Unerwarteter Besuch

Abgerundet wurde der Nachmittag von einem Besuch bei einem von Salvador’s Geheimtipps. Bei Tortas San Luis gab es allerlei leckere Sandwiches zum Mitnehmen, die wir bei Bier und selbstgemachten Margaritas von SV Catspaw zurück auf dem Boatyard assen. Wir sassen einfach da, genossen alle einen freien Tag und plauderten über Allerlei. Mitten im friedlichen Beisammensein wurde unser Grüppchen plötzlich durch einen unerwarteten Gast ergänzt.

Tierheim Milagros

Katie und Mike von SV Alegria hatten bei ihrem Schiff einen Wellensittich gefunden. Niemand wusste wo der kleine blaugraue Kerl herkam. Er hatte plötzlich schlafend auf dem Boden gesessen. Anscheinend schien das Tier bereits an Menschen gewöhnt zu sein. Er musste wohl irgendwo aus dem Fenster geflogen sein. Der Fall war klar, das Astillero Cabrales Tier-Rettungsteam war zur Stelle. Pati und ich nahmen den tierischen Besucher mit auf Milagros, wo er bleiben sollte, bis seine Besitzer oder ein neues Plätzchen gefunden war.

Wir haben einen Vogel

Der Wellensittich war eine willkommene Abwechslung und brachte Action in die Bude. Wenn er nicht gerade auf uns draufhockte und sich ausruhte, marschierte er kreuz und quer über den Salontisch und inspizierte alles was ihm vor den Schnabel kam. Da wir nicht wollten, dass der Vogel nachts frei herumfliegt, baute ich kurzerhand aus allerlei Material einen kleinen Käfig. Auch Dulcé, unsere nächtliche Besucherin, hätte sicher nichts dagegen gehabt, mal Wellensittich auszuprobieren. Da die Hafenkatze gerne bei uns auf Besuch kam, musste unser Wellensittich im vorderen WC übernachten.

Oh neeeeiiiin!

Tja, wer hätte gedacht, dass diese Freude in einem Drama enden würde. Am nächsten Morgen bemerkten wir, dass Budgie (wir hatten ihm inzwischen einen Namen gegeben) mehr schlief als irgendwas anderes. Kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, musste er sich anscheinend ausruhen. Komisch. Als er sich aber plötzlich flatternd von meiner Schulter stürzte und am Boden landete, nahm die Geschichte eine traurige Wende.

Ein plötzlicher Todesfall

Innert 20 Minuten war unser neuer Mitbewohner tot. Einfach so. Weg. Geschichte. Wir haben keine Ahnung, was mit dem Vogel passiert ist. Wir tippen (oder hoffen) darauf, dass er einfach ein alt war und die ganze Aufregung auf dem Schiff vielleicht ein wenig zu viel des Guten war. Was für ein Start in den Tag. So begruben wir Budgie unter einem kleinen Baum in der Nähe des Schiffs. Mach’s gut, kleiner Kerl. Es war kurz, aber es hat Spass gemacht mit dir.

Wir schleifen uns vorwärts

Mit einem Todesfall im Rücken arbeitet es sich natürlich nicht einfach so unbeschwert drauflos. So war auch schon wieder der halbe Tag um, als wir uns wieder der Schiffshülle widmeten. Wir wollten endlich unseren Osmose-Blasen den Garaus machen. Zur Hilfe kam uns dabei ein überdimensionierter Dremel, den wir von einem anderen Schiff ausleihen konnten. Mit der Maschine liess sich das ausgetrocknete Fiberglas easy entfernen und so arbeitete mich der Hülle entlang von Blase zu Blase vorwärts.

Mache ich das richtig?

Was sich schnell bemerkbar machte war, dass ich es anscheinend mit dem Anbohren der Osmose-Blasen ein wenig übertrieben hatte. Wir haben viiiiieeeeeeele kleine Löcher zu füllen. Auch war es das erste Mal beim Arbeiten am Schiff, dass ich irgendwie unsicher war, ob ich meinen Job auch richtig mache. Es war ein komisches Gefühl, am nackten Fiberglas von Milagros Einbuchtungen in die Hülle zu schleifen. Hoffentlich kriegen wir die ganzen Schleifspuren auch wieder weg.

Mehr Probleme

Leider wurde die Woche auch noch von einem zweiten negativen Zwischenfall überschattet. Nachdem vor kurzer Zeit ein Aussenbordmotor von einem Schiff geklaut wurde, ist bei einem Schiff ganz in der Nähe von unserem tatsächlich eingebrochen worden. In tiefster Nacht hat sich der Langfinger Zugang zum Platz verschafft und sich diverse Werkzeuge vom Schiff unter den Nagel gerissen. Danach ist der auf Patis tollem grünen Velo verschwunden. Was für ein Sack! Wie das Ganze genau von Statten gegangen ist, weiss niemand. Dass der Nachtwächter auf unserer Seite seine Arbeitszeit meistens mit Schlafen verbracht hat, war ebenfalls keine grosse Hilfe.

Das ist alles? Denkste!

Kaum ein paar Tage später sehen wir am Morgen die Nachricht, dass auf ein bewohntes Schiff, notabene wieder ganz in der Nähe von Milagros, frühmorgens überfallen wurde. Der Dieb hat die Einstiegsluken mit Kabelbindern verschlossen und das Schiff untersucht. Als die schlafenden Bewohner aufwachten und begannen Lärm zu machen, forderte er Geld, bevor er das Weite suchte. Eine weitere Eskalationsstufe wurde erreicht. Uns wurde unweigerlich vor Augen geführt, dass wir nun nicht mehr im sicheren Hafen Schweiz sind.

Dreck auf den Strassen von Puerto Peñasco
Mexiko hat nunmal eine dunkle Seite

Schlaflose Nächte

Salvador Cabrales jedenfalls hat sofort reagiert und die Sicherheitsvorkehrungen massiv in die Höhe geschraubt. Auch wir verschanzen uns, und benutzen nun eine Bockleiter, die wir nachts hoch aufs Schiff ziehen. Trotzdem habe ich ein paar unruhige Nächte hinter mir. Mein Kopf ist im Alarm-Modus und ich erwache oft. Da Puerto Peñasco auch während der Nacht mit allerlei Geräuschkulisse aufwartet, ist meine Schlafqualität dementsprechend schlecht und vor allem die Morgenzeit von Müdigkeit geprägt. Das schlägt mir manchmal arg auf die Stimmung. Arme Pati. Sorry dafür…

Es muss weitergehen

Trotz aller Müdigkeit war Arbeiten angesagt. Nach einiger Zeit sah unsere Hülle aus wie ein modernes Kunstwerk. Damit die angeschliffenen Osmose-Blasen nicht verloren gehen, markierte ich alle mit einem roten Stift. Kleine Löcher, die nicht mit Fiberglass wiederaufgebaut werden müssen, markierte ich mit Blau. Obwohl wir wirklich viel delaminiertes Fiberglas entfernt haben, glauben wir, dass wir einen guten Mittelweg gefunden haben.

Schritt für Schritt

Die Perfektion anzustreben wäre bei unserem 40 Jahre alten Schiff jenseits von jeglichem zeitlichen und finanziellen Sinn. Irgendwann wollen wir ja ins Wasser. Wir hoffen, dass wir in ein paar Wochen auch mal etwas zusammenbauen können , anstatt immer nur alles auseinander zu nehmen. Die Arbeiten summieren sich, es kommt immer mehr dazu. Dass uns das nur mal nicht über den Kopf wächst…

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