Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wir sind zurück in Guaymas und stürzen uns in die Arbeit. Nachdem wir unsere diesjährige Segelsaison vorzeitig beendet hatten, wollten wir Milagros und uns etwas gönnen. Also mehr Milagros als uns, denn das Leben auf dem Boatyard ist keine Gönnung. 😉

Mit gemischten Gefühlen waren wir zurück im Königreich von El Mero. Wir freuten uns auf Guaymas – es fühlte sich ein bisschen an wie nach Hause kommen. Doch der Fakt, dass wir dort waren, führte uns nochmals vor Augen, dass wir eigentlich im Februar ‘für immer’ dort wegsegelt waren, aber jetzt wieder zurückkamen. Das latente Gefühl, irgendwie versagt zu haben, obwohl wir uns bewusst für die Umkehr entschieden haben. Das Hinterfragen, was eigentlich Erfolg und Misserfolg – gerade im Segelumfeld – bedeutet und wer das definiert.

Ist Erfolg nicht das Heil irgendwo ankommen und eine gute Zeit haben, egal wo man gerade ist? Oder ist das einfach Schönreden vom Fakt, dass wir jetzt in Mexiko und nicht in Costa Rica oder Panama sind? Wie man’s nimmt: wir waren zurück und wir bereiteten Milagros für das Auswassern vor, wohlwissend, dass wir damit die beste Zeit in der Sea of Cortez verpassen würden. Aber wir hatten einiges vor und unser Motto war: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wir holen eine Bestellung ab

Eine der ersten Amtshandlungen in Guaymas war das Abholen einer Bestellung, die wir vor einiger Zeit beim Universum platziert hatten: ein neues Dinghy. Genauer gesagt ein leichtes Ruderböötchen aus Plastik, das man auch segeln oder mit Aussenbordmotor fahren konnte. Zwei Segler im nahegelegenen San Carlos wollten dieses Wunschmodell zu einem attraktiven Preis loswerden und wir waren glücklicherweise die ersten Interessenten. Unser riesiges, schweres aufblasbares Dinghy ging uns nämlich schon längere Zeit auf die Nerven. Wir waren schon drauf und dran, Pläne zu kaufen und auf dem Boatyard aus Fiberglas unser eigenes Beiboot zu bauen. Doch das war nun nicht mehr nötig.

Erste Segelschritte

Dan half uns mit seinem Truck, die 2.5m lange Errungenschaft zum El Mero zu transportieren. Wir bauten das Ding sogleich zusammen und ich hatte die Ehre, auf Jungfernfahrt zu gehen und es zu Milagros zu segeln. Ich bin zuvor noch nie ein solch kleines Segelschiffchen gesegelt, doch die Segelphysik ist ja immer dieselbe und Anlegemanöver unter Segeln hatten wir auf dem Thunersee gelernt. So konnte ich mit den fast vergessenen ‘indirekten Beinaheaufschiesser’ (unmöglicher Name, ich weiss) an Milagros anlegen und das Ruder an David übergeben. Er drehte dann ebenfalls ein paar Runden in der Ankerbucht. Das machte viel mehr Spass als erwartet.

Kleiner Segelspass

Anja und Thomas, zwei Schweizer Segler, die aktuell ihr Schiff in der Marina Guaymas renovieren, kamen ebenfalls vorbei, um das kleinen Böötchen zu segeln. Abwechslungsweise düsten wir bei bis zu 4-5 Beauforts im El Mero herum. Leider brach eine bereits gelfickte Schwachstelle am Ruder erneut. Doch dann wurden kurzerhand die Ärmel hochgekrempelt und das Ding geflickt. Dabei lernte wir noch etwas Neues: Sekundenkleber und Natron ergeben zusammengemischt einen superstarken Klebstoff, der auch Plastik kleben kann.

Wir reparieren das Ruder

Es wird kompliziert

Während wir im El Mero ankerten, hatten wir noch eine weitere Mission. Denn das grösste Projekt, welchem wir uns widmen wollten, war das Erneuern von Milagros’ Deck. Wir hatten bereits eine Offerte von einem lokalen Maler, doch wenige Tage vor der Auswasserung in der Marina Guaymas stellte sich heraus, dass uns eine relevante Info gefehlt hatte. Ebendieser Maler wurde nämlich von der Marina Guaymas als externer Arbeiter betrachtet, was eine tägliche Gebühr zwischen 35 und 50 USD zur Folge gehabt hätte. Da die Schleif- und Malerarbeiten bis zu 6 Wochen dauern würden, hätte dies 1'500 USD an unnötigen Zusatzkosten bedeutet. Also mussten wir auf die Schnelle einen anderen Maler finden. Wir wurden aber rasch fündig: David (ja, er heisst gleich wie David), der Hausmaler von Marina Guaymas, hatte Kapazität und konnte sofort beginnen. Das Beste daran war: sein Ruf ist exzellent. Also, Schleifmaschinen los!

Nicht selbst?

Falls du dich jetzt fragst, weshalb wir diese Arbeit nicht selbst machen. Es ist nicht so, dass wir das nicht könnten – wir haben das ganze Prozedere ja schon einmal bei der Hülle durchgemacht. Es ist aber so, dass deswegen ganz genau wussten, was uns erwarten würde. Deshalb sind wir bereit, das Geld in die Hand zu nehmen und widmen uns währenddessen anderen Projekten.

Ein letztes Abenteuer

Die letzte Fahrt der Saison mit Milagros gestaltete sich ziemlich abenteuerlich. Von El Mero waren es ca. 45 Minuten ums Eck bis zur Auswasserungsstellen. Tim von SV Coconut begleitete uns, um uns mit den Leinen zu helfen. Im Büro der Marina Guaymas hatten wir unseren Tiefgang von 2 m angeben müssen und sie hatten uns basierend darauf unseren Auswasserungstermin gegeben. Wir gingen also davon aus, dass die gesamte Strecke für uns zu diesem Zeitpunkt passierbar war. Wir wussten, dass das Wasser im letzten Drittel der Strecke nicht sehr tief sein würde und folgten deshalb einer in der Navigationssoftware vermerkten sicheren Route, der andere Segler, die wir kennen auch schon gefolgt waren. Unser Tiefenmesser ist auf Wassertiefe eingestellt. Wenn wir also 5 m sehen, haben wir noch 3 m unter dem Kiel.

Die grünen Punkte markieren die sichere Passage

Genügend Wasser?

Während wir also dieser sicheren Route folgten, beobachteten wir den Tiefenmesser ganz genau. Als er 3 m anzeigte, wurden wir schon ziemlich nervös. Dann sank die Anzeige immer weiter: 2.8, 2.7, 2.6, 2.5, 2.4, 2.3 m. Wir bereiteten uns mental bereits darauf vor, stecken zu bleiben. Zum Glück befanden wir uns am Anfang der Flut, also hätten wir im schlimmsten Fall einfach warten müssen. Doch wir vertrauten darauf, dass das Wasser tief genug war. Weshalb sollten sie uns sonst diesen Auswasserungstermin geben?

Milagros fliegt wieder

Als wir in den schmalen Auswasserungsslip einfuhren, zeigte der Tiefenmesser 2 m an – also keine Handbreit Wasser mehr unter dem Kiel. Wir waren mit Milagros also theoretisch auf Grund gelaufen. Der Kran stand schon bereit und wir mussten ‘nur noch’ das Vorstag entfernen, was sich etwas schwieriger gestaltete als erwartet. Diese vordere Mastabstützung musste weg, weil der Kran eine U-Form hat und wir mit unserer Schifflänge am oberen Limit des Krans sind. Das ist definitiv ein Nachteil gegenüber dem Cabrales Boatyard in Peñasco. Dort ist der Kran deutlich grösser, und man muss keine Stage entfernen.

Schlammspuren

Als Milagros an ihrem neuen Standort auf Stelzen stand, war deutlich sichtbar, dass wir nicht nur theoretisch auf Grund gelaufen sind. Wir sind nun mit Milagros offiziell das erste Mal auf Grund gelaufen! Gemerkt hatten wir davon nichts, der Kiel hatte sich einfach in den Schlamm gepflügt. Als David danach unsere Bootspapiere im Büro vorbeibrachte, erwähnte er, was passiert war. Nach einem Blick auf die Gezeitentafel war schnell klar, was passiert war. Man hatte uns eine falsche Auswasserungszeit gegeben! Wir hatten darauf vertraut, dass sie wissen, was sie tun, denn Auswassern ist ihr tägliches Business. Sie hatten nämlich auch mehrfach nachgefragt, was unser genauer Tiefgang war. Wir haben halt wieder einmal etwas gelernt: man muss sein Hirn selbst benutzen.

Es geht los

Kurz nach unserer Ankunft auf dem Trockendock begannen auch die Schleifarbeiten auf dem Deck. Wir nutzten diese Gelegenheit und entfernten alle Fenster. Was darunter zum Vorschein kam, bestärkte und darin, dass wir das Richtige taten. Das Deck besteht aus einem Sandwich aus Fiberglas – Sperrholz – Fiberglas. Es ist auf jeden Fall zu vermeiden, dass Feuchtigkeit ins Sperrholz eindringen kann. Denn dann würde das Holz verrotten und die Stabilität der Konstruktion beeinträchtigen. Also darf nirgends dieses Holz exponiert sein. Dort wo die Fensterlöcher ausgeschnitten wurden, hatte man aber das Holz nicht versiegelt. Bei einem Fenster war auch deutlich zu sehen, dass die Abdichtmasse irgendwann mal versagt hatte und Feuchtigkeit eingedrungen war. Höchste Zeit also, das Ganze zu versiegeln. Auch hier: wenn nicht jetzt, wann dann? Es sah auch ganz danach aus, als ob wir die ersten waren, die in den 45 Jahren Lebzeit von Milagros diese Fenster entfernt hatten.

Eine neue Antriebswelle

Für uns hiess es jetzt: auf die Plätze, fertig, Projekte los. Denn wir wollten so viel wie möglich jetzt erledigen, damit wir im Herbst rasch vom Boatyard verschwinden können. Wir hatten neben dem Deck zwei Hauptarbeiten: eine neue Antriebswelle und ein neuer UV-Schutz für das Vorsegel. Als Erstes wollten wir die vermutlich verbogene Welle ausbauen, damit wir Offerten für eine Neue einholen konnten. Der Propeller bewegte sich aber keinen Millimeter. Erst im vierten Anlauf, nach WD40, PB Blaster, Hitze, Schläge und mit der dritten Propeller-Abziehvorrichtung und ein bisschen Glück – David fand per Zufall ein genau passendes Teil neben dem Schiff am Boden – gelang das Entfernen. Wir sind gespannt, was die Mechaniker zum Zustand unserer Welle sagen werden…

Das Nähatelier ist eröffnet

Für den neuen UV-Schutz durften wir von Tom gegen Bier seine Sailrite Industrienähmaschine ausleihen. Keith, ein Segler vom El Mero, lieferte das besagte Teil aus Arizona, wo es ein paar Jahre irgendwo in einer dunkeln Ecke auf seinen nächsten Einsatz gewartet hatte. Die Marina Guaymas stellte mir netterweise einen Raum zur Verfügung, den ich für die darauffolgenden Wochen in mein Nähatelier umwandeln konnte. Um mich auf das grosse Projekt vorzubereiten, begann ich mit kleineren Arbeiten. So erhielt das Segelkit unseres Dinghy’s eine neue Aufbewahrungstasche, eine verlorene Lukenabdeckung wurde ersetzt und ein neues Cockpitkissen genäht. Und zur Freude am Spass nähte ich ein paar schöne Taschen aus einem ehemaligen Leichtwindsegel.

Falls du so eine Tasche haben möchtest, dann melde dich gerne bei mir.

Wir sind langsam, aber sicher im Boatyard Flow und ein Projekt nach dem anderen kann abgehakt werden. So macht das Spass!

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