Ein Vorgeschmack auf das Bootsleben

Milagros, our future home

Voller Vorfreude auf Milagros und die ersten Tage zusammen auf unserem Schiff, sind wir über Weihnachten (2019) nach Mexiko zum Schiffsbesuch gereist. Wir wollten unser Schiff zwei Wochen lang kennenlernen, erwarteten aber, dass wir erstmal völlig überfordert und ahnungslos auf Deck sitzen würden. Bekanntlich kommt es aber 1. immer anders und 2. als man denkt.

Aber von Anfang an

Wir hatten perfekt getimte Flüge von Zürich nach Frankfurt und weiter bis nach San Diego gebucht. Aufgrund eines verspäteten Abflugs in Zürich haben wir aber in Frankfurt unseren Anschluss verpasst und wurden nach langem Anstehen am Service Counter auf zwei Flüge umgebucht: Frankfurt – Washington und Washington – San Diego. Dies hat dazu geführt, dass wir erst um 20.00 Uhr in San Diego angekommen sind und somit nicht mehr nach Mexiko weiterreisen konnten, da wir erst um 3.00 Uhr mitten in der Nacht bei der Marina in Ensenada angekommen wären. Dass auch nicht sicher ist, ob die Torwächter einen tatsächlich in die Marina lassen, davon kann David bekanntlich ein Lied singen. Sicher ist sicher.

Lernen aus der Vergangenheit

Deshalb haben wir kurzerhand ein Airbnb in San Diego nahe der Grenze gebucht. Am nächsten Morgen, gestärkt mit Pancakes von iHop, haben wir unsere Weiterreise nach Mexiko angetreten. Ohne nennenswerte Zwischenfälle haben wir die Grenze überquert und sind mit dem Bus direkt von Tijuana nach Ensenada gefahren.

Wir haben es nach Mexiko geschafft

Dort angekommen haben wir mühevoll unsere bis ans Limit gepackten Koffer durch die kaputten und unebenen Strassen der Stadt gezogen. Die Marina ist nicht zu verfehlen, da eine riesige Flagge (es braucht 50 Mann, um sie zu hissen), den Weg dorthin zeigt. Obwohl David im Vorfeld alles unternommen hatte, dass dem nicht so ist, wurden wir vom Wächter am Eingang der Marina trotzdem nicht reingelassen, da das Schiff noch immer auf den Vorbesitzer registriert war. Mit einem Anruf konnte dies aber rasch korrigiert werden. Willkommen in Mexiko zum Zweiten!! Und willkommen zu den Unvorhersehbarkeiten des Bootslebens.!

Hallo Schönheit!

Checking and cleaning sails is a part of the boat life

Und da war sie: am Dock E, ganz hinten, wie im Dornröschenschlaf, lag sie da. Wunderschön. Die Utopie nahm langsam Form an. Wir fanden dann auch schnell den versteckten Schlüssel und öffneten neugierig das Schiff. Es war irgendwie … kalt und leer. Logischerweise. Niemand hat das Schiff geheizt (es hatte doch auch nur 5°C in der Nacht) und der Vorbesitzer hat alle seine persönlichen Gegenstände mitgenommen. Was er sonst noch so alles mitgenommen hatte, würden wir dann aber erst später erfahren. Ein kurzer Check in der Küche zeigte, dass zumindest die Basics vorhanden waren: Teller, Besteck, Pfannen, Gläser.

Ein holpriger Start ins Bootsleben

Ein kurzer Check in der Küche zeigte, dass zumindest die Basics vorhanden waren: Teller, Besteck, Pfannen, Gläser. Decken und Kissen hatte es keine (zum Glück hatten wir uns für die Übernachtung in San Diego entschieden!!!), also zogen wir los für die Besorgungen. Gestärkt mit Starbucks Kaffee und nach einem Stopp bei den Tacofrauen von “Las Brisas” sind wir dem Strand entlang zum Walmart spaziert. Dort haben wir viel zu teure minderwertige synthetische Decken gekauft und für unser leibliches Wohl gesorgt.

Failing Milagros zum ersten

Decken und Kissen hatte keine (zum Glück hatten wir uns für die Übernachtung in San Diego entschieden!!!), also zogen wir los für die Besorgungen. Gestärkt mit Starbucks Kaffee und nach einem Stopp bei den Tacofrauen von «Las Brisas» sind wir dem Strand entlang zum Walmart spaziert. Dort haben wir viel zu teure minderwertige synthetische Decken gekauft und für unser leibliches Wohl gesorgt. Zurück beim Schiff haben wir alles verstaut und erstmal jede Ecke des Schiffes erkundet. Es war ein total unwirkliches Gefühl: das soll jetzt also unser neues Zuhause sein? Schön und fremd zugleich. Beim Testen haben wir dann auch sogleich eine der beiden Toiletten geflutet, weil wir nicht begriffen haben, wie die Vakuumpumpe funktioniert, die für die Spülung sorgt. Zum Glück hat das niemand gesehen. Essen kochen oder Kaffee machen konnten wir auch nicht, weil wir nicht auf Anhieb durschaut haben, wie das Gassystem auf Milagros funktioniert.

Neue Seglerfreunde

Die nächsten beiden Tage haben wir damit verbracht, erste Kontakte mit der Segelcommunity zu knüpfen, z.B. mit Steven und Susanne von ‘Tranquila’. Gemeinsam mit ihnen haben wir das Schiff unter die Lupe genommen und von Stevens enormer Erfahrung profitiert (und herausgefunden, wie das Gas funktioniert).

Checking the bilge
Steven und Fidu checken die Bilge

Ein Plan formierte sich

Wir wurden auch mit Raul bekannt gemacht: ein lokaler Allrounder in unserem Alter mit viel Segelerfahrung und super Englischkenntnissen. Jackpot. 😊 Bei einem Bier hatten wir dann auch sogleich beschlossen, dass wir mit Milagros einen Tagesausflug machen würden.

Mit Hilfe von Raul gings dann los mit Schiff vorbereiten – «nur ahnungslos im Cockpit rumsitzen» war vorbei. So wurde das Unterschiff von einem Taucher geputzt, dem wir 65$ für 2h Arbeit bezahlt haben. Bei einem Durchschnittslohn von 4$/h seeeeehr lukrativ für ihn. Aber es gab halt nur einen Taucher den man anheuern konnte und im dreckigen Wasser der Marina wollten wir nun wirklich kein Bad nehmen. Zusammen mit Raul haben wir danach die Takelage geprüft und poliert, der Motor gestartet, Gas aufgefüllt, die Segel inspiziert und gewaschen usw. Keine Spur von auf Deck sitzen und nicht wissen was zu tun ist.

Removing a sea beard is a constant challenge of boat life
Vorher...
...nachher

Die mexikanische Lebensweise geniessen

Wenn wir nicht gerade am "arbeiten" waren, haben wir zu Fuss die Stadt erkundet und Cevice Tacos geschnaust, sind mit Raul und seinem Mini-Segelschiffchen im Hafen rumgesegelt, haben das Piratenschiff im Hafen begutachtet und versucht herauszufinden wie das Kleiderwaschen funktioniert (einfacher gesagt als getan). Vom Weihnachtrummel wurden auch wir nicht verschont: Weihnachten ist in Mexiko ein Riesending, das etwa einen Monat lang dauert. Deko bis zum Augenkrebs, "Feliz Navidad" wünschen ohne Ende, Weihnachtsmarkt, Schlittschuhlaufen auf Holz, Weihnachten immer und überall all day long. Für die Segelcommunity im Hafen wurde ein "Potluck" organisiert: man trifft sich und jeder bringt etwas zum Essen mit, egal was. Unsere europäische Guacamole war im Nu weg. Wir hatten sogar ein klassisches Weihnachtsdinner mit Steven und Susanne und Truthahn und Diskussionen über das amerikanische Parlament.

mmmmh Cevice
One of the best things about boat life is enjoying the breakfast with a view
Daran könnte man sich gewöhnen...

Der grosse Tag war da

Das erste Mal durften wir Milagros segeln, gemeinsam mit Raul, Susanne und Steven in der Bahia Todos Los Santos vor Ensenada, eine Woche nach unserer Ankunft. Das Ablegen im Hafen mit Motor und das Hissen der Segel klappte problemlos. Und das Wetter hat uns voll in die Karten gespielt: Von kaum Wind bis viel Wind aus allen Richtungen hatten wir etwa alles (leider ist der Windmesser kaputt) und konnten so das Schiff gut spüren. Sogar das Stagsegel haben wir gehisst und dabei herausgefunden, dass es brandneu und unbenutzt war. Raul wurde vom Segelfieber gepackt. Er hat das Schiff gepusht und dabei haben wir sogar 8kn Fahrt (15km/h) erreicht, was sehr rassig ist, aber unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass unser Schiff schlichtweg leer ist. Alles in allem ein spannender Tag und bereits Halbzeit!

Ein Vorgeschmack aufs Bootsleben

In den darauffolgenden Tagen haben wir noch weitere Bootprojekte in Angriff genommen und dabei haben wir einen Klassiker erlebt. Eine alte Regel des Seglerlebens besagt, dass ein Job immer dreimal so lange dauert und dreimal so viel Arbeit beinhaltet wie geplant. Eigentlich wollten wir nur «schnell» die Ankerkette komplett auf dem Steg auslegen, um ihren Zustand zu prüfen und die Länge zu messen. Als wir die Kette wieder mit der elektrischen Ankerwinde reinholen wollten, hatte diese nicht wirklich Power. Dann ging's los mit Fehlersuche. Waren es korrodierte elektrische Kontakte? Waren die Batterien zu schwach? Läuft die Winde nur mit Motor? Hat sie genügend Öl? Aus diesem kurzen Check wurde ein Tagesprojekt.

Arbeiten ohne Werkzeuge?

Und da haben wir es erst so richtig bemerkt: Es hat kein Werkzeug an Bord. Und unser Victorinox Multitool konnte bei den imperialen Masseinheiten auch nicht mithalten. Unser Nachbar (der beim Anlegen mit seinem Trawler in unser Solarpanel reingefahren ist) hat uns netterweise seine Ausrüstung zur Verfügung gestellt, mit allem was das Handwerkerherz begehrt. Am Ende des Tages begann dann beim erneuten Versuch der Riemen des Generators zu quietschen – ein Zeichen, dass die Winde nun richtig Power zog. Leider war der Riemen schon bis zum Maximum gespannt, was bedeutete, dass dieser ersetzt werden musste. Tja, das wird ein Projekt für ein andermal.

Das Gute daran war aber, dass wir beim Steuerkabel verdächtige Ausfransungen und Beschädigungen festgestellt haben und dieses nun schnellstmöglich ersetzen müssen. Ebenso konnten wir die eingerosteten Schrauben der blockierten Magnetspule vom Gas-Sicherheitsschalter nicht lösen – wir haben die Gasleitung nun um den Schalter geführt und wir müssen nun vorerst jedes Mal nach dem Gebrauch die Gasflasche schliessen. Sicherheit geht vor!

Wir waren zufrieden

Die Zeit verging wie im Flug. Wider Erwarten hätten wir noch zwei weitere Wochen bleiben können und es wäre nie langweilig geworden. Die Community im Hafen war wie erwartet herzlich und von der Hilfsbereitschaft der Bootsbesitzer können sich viele eine Scheibe abschneiden. Aber so neigte sich unser Besuch langsam dem Ende zu.

Hilfe! Ein Bootswurm.

Milagros wird schlafen gelegt

Vor unserer Heimreise haben wir das Schiff wieder in den Ruhezustand versetzt und die Segel verstaut. Natürlich nicht ohne Zwischenfall - ein Segel ist aus Versehen teilweise auf Tauchstation gegangen, wir mussten es dann ein weiteres Mal waschen und wieder trocknen lassen, damit es nicht schimmelt wenn es gefaltet im Segelsack versorgt ist. Zum Abschluss sind wir mit Raul zum lokalen Flohmarkt gefahren, um nach günstigem gebrauchten Werkzeug Ausschau zu halten und natürlich auch, um bei Rauls Geheimtipp geniale Fischtacos zu essen.

Dass wir im Bus zurück nach San Diego herausgefunden haben, dass sich David in der Uhrzeit unseres Abflugs geirrt hat und wir deshalb unseren Flug schon wieder fast verpasst haben verschweigen wir Euch jetzt einfach mal.

So kamen wir bald wieder in der kalten und grauen Schweiz an. Die Reise war ein tolles Erlebnis und machte Lust auf mehr.


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