Unsere Abschiedstour

Langsam hatten wir genug von der Nordwind-Saison in der Sea of Cortez und ganz besonders hatten wir genug von diesem einen, viel zu langen Nordwind der einfach nicht enden wollte. Der konstante Lärm und die konstante innere Unruhe zehrten an den Nerven. Es blieb nämlich nicht mehr viel Zeit – wir mussten nach La Paz für den Besuch von Florian. Es gab auch noch Arbeit am Schiff zu erledigen und wir mussten ein paar neue, uns noch unbekannte Ankerbuchten besuchen. Unsere Abschiedstour in der Sea of Cortez war in voller Fahrt.

Nach dem mehrtägigen Nordwind waren wir richtig erschöpft. Der konstante Lärm, das Hin- und Herschwojen am Anker und die nächtliche Unruhe gingen nicht spurlos an uns vorbei. Wir waren müde und einfach nur froh, als das Ende des tagelangen Störenfrieds in Sicht war. So schnell wie die «Norther» kommen, so schnell verschwinden sie auch wieder. Innert kürzester Zeit kehrte wieder Ruhe ein. An zu viel Pause war aber wie immer nicht zu denken, denn wir mussten uns einem wichtigen Projekt widmen. Unserem Mast. Ein Ding der Unmöglichkeit mit 30 Knoten Wind, nun konnten wir endlich an die Arbeit.

Ein kurzer Rückblick

Wie wir auf dem Cabrales Boatyard herausgefunden hatten, ist unser Mast eine Banane. Die hintere Mastabstützung (das sogenannte Backstag) von Milagros war jahrelang viel zu kurz gewesen. Dadurch wurde der Mast zu stark nach hinten gezogen. Unser Mast besteht aus dünnem, leichtem Aluminium, was zu einer Verkrümmung geführt hat. Wir haben die ganze Situation auf dem Boatyard genaustens untersucht und sind zum Schluss gekommen, dass wir die Biegung mit dem neuen Rigging korrigieren können, was wir auch so gut wie möglich erledigt haben. Wir waren aber noch immer nicht zufrieden, denn auf Fotos von Milagros, die Pete und Shinyi von SV Swan Song geschossen hatten, war die Biegung noch immer zu sehen. Wir schlossen uns mit Marga kurz und kamen zum Schluss, dass noch ein wenig Arbeit anstand. Der Mast musste nochmal in seiner Position korrigiert werden. Das erforderte einiges an Arbeit.

Wichtige Arbeiten am Mast

Zuerst mussten wir alle Mastabstützungen lösen, was der Hauptgrund war, warum der Wind zuerst nachlassen musste. Mit zwei Leinen verlängerten wir eine Schlinge, die wir um den Mast herumwickelten. So konnten wir mit den Winschen den Mast zurückkurbeln und die Gummikeile, die den Mast durchs Deck an Ort und Stelle halten, neu positionieren. Danach mussten wir das Rigging neu einstellen. Was kurz und schmerzlos tönt, dauerte einen ganzen Tag. Dass der Wind wider Erwarten mitten während dem Vorhaben nochmals auffrischte, half nur bedingt. Am Ende waren wir dann aber sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Wir haben inzwischen alle Berührungsängste mit Arbeiten am Schiff verloren, und das ist so unglaublich wichtig.

Eine Bucht weiter

Am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe lichteten wir den Anker. Es war Zeit, weiter Richtung Süden zu ziehen. Unser Freund Florian zählte zu Hause in der Schweiz die Tage und Stunden, denn es ging nicht mehr lange, und er kam auf Milagros zu Besuch. Regelmässig berichtete er davon, wie fest er sich auf die Zeit bei uns freute. Richtig herzig! Wir waren somit in einem fixen Zeitplan, denn wir mussten Ende Februar in La Paz sein. Die Sonne zeigte noch kaum einen orangen Schimmer am Horizont, da waren wir schon wieder unterwegs. Die knapp 6 Stunden vergingen im Nu, Fischerglück inklusive, und als plötzlich auch noch ein Westwind von den Bergen der Baja Her über die See bliest, lag auch noch grossartiges Segeln drin. Diese Saison startete wirklich gut. Wir waren glücklich.

Endlich wieder Nordwind! Nicht!

Wir verfolgten weiter den Plan, auf unserem (wahrscheinlich) letzten Trip in der Sea of Cortez nochmals Ankerbuchten zu besuchen, in denen wir noch nie waren. Unser Ziel San Marcial war so eine Bucht. Und sie war gegen Norden geschützt! Warum wohl? Na? Kannst du’s erraten? Ein paar Tage Nordwind standen an! Ha Ha! So toll! Endlich wieder ein Norther! Wir konnten es kaum erwarten. Immerhin waren die Vorhersagen moderat und der Wind würde nicht eine ganze Woche anhalten.

Bahía San Marcial

Als wir um die Ecke in die Bucht kamen, schlugen unsere Herzen ein wenig höher. Kein einziges anderes Schiff weit und breit! So mögen wir das! Ankerbuchten sind immer dann am schönsten, wenn wir sie für uns alleine haben. Nur wir, Milagros und die Natur um uns herum. Und wow, war Marcial ein toller Stopp. Die Hügel um die Ankerbucht leuchteten in allen Farben die die Sea of Cortez zu bieten hat. Erdige Brauntöne, die in rötliches Kupfer übergingen, dazu hat der Regen vom Hurrikan letztes Jahr Gras spriessen lassen, das nun ausgetrocknet in einem leichten Gelb über der Szenerie lag.

Schnell an Land!

Das mussten wir natürlich sofort auskundschaften! Unsere Zeit in San Marcial verbrachten mit Landgängen, Drohnenfliegen, Fischen und Geniessen. Wir folgten beispielsweise einem alten Flussbett, das durch die Flora und Fauna der Wüste ins Landesinnere führte. Bei diesen Ausflügen merken wir immer wieder, dass die Wüste zwar nur tot und leblos erscheint, aber ein komplexer Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten ist. Vögel schlugen in den Büschen Alarm und kündigten unser Auftauchen an, diverse Eidechsen sassen auf den Steinen und wärmten sich auf den Steinen, braune Haufen oder kleine Kugeln am Boden liessen auf die Existenz von wilden Maultieren und Ziegen schliessen.

Das nächste kleine Wetterfenster

Zu dem ganzen Genuss und Ferienfeeling gesellte sich natürlich auch unser alter Bekannter – der kalte Nordwind. Dieses Mal blies er allerdings nicht so erbarmungslos und konnte uns die schöne San Marcial Ankerbucht nicht vermiesen, denn er leistete uns dieses Mal nur zwei Tage Gesellschaft. So konnten wir Milagros schon bald wieder vorbereiten für die Weiterreise. Es ging wieder in Richtung Isla San Francisco. Aber dieses Mal nur in deren Nähe und ganz ans südliche Ende der Isla San José. Dort befindet sich eine grosse Sandbank mit einem kleinen Mangrovenwald. Gut geschützt gegen NORDEN! Wegen dem NORDWIND, der in ein paar Tagen wieder losblasen sollte.

Geschützt bei den Mangroven

So machten wir uns auf einen langen, 10-stündigen Trip, den wir leider nur unter Motor zurücklegen konnten. Zu schwach oder gar nicht vorhanden war der Wind. Wir tuckerten dahin, genossen die Aussicht und hielten nach Delfinen oder Walen Ausschau. Viel zu berichten über diesen Trip gibt es nicht. Burrito schnurrte in seinem Motorenraum und wir sassen auf Deck und sogen die Szenerie in uns ein. Wer weiss, ob wir uns nochmals in die Sea of Cortez verirren. Was klar ist, ist dass dieser Ort für immer einen ganz speziellen Platz in unseren Herzen haben wird.

Bahia Amortajada

Angekommen an unserem neuen Ankerplatz «Bahia Amortajada» gab es zuerst mal ein Ankerbier. Wir ankerten in 5 Metern Tiefe, aber das Wasser was so klar, es machte fast ein wenig Angst an der Bordwand hinunter zu Blicken. Nur die grosse «5» auf dem Bildschirm im Cockpit bestätigte, dass alles in bester Ordnung war. In derselben Ankerbucht lag noch SV «Grace» vor Anker. Deren Heck erkannten wir natürlich sofort. Das musste ein Schwesterschiff von Milagros sein! Und siehe da – «Grace» war tatsächlich eine Formosa 46, grundsätzlich dasselbe Schiff wie Milagros, nur anders. So trafen wir uns mit Joseph und Louisa um gegenseitig unsere Schiffe zu inspizieren. Immer seeeehr interessant!

Es grünt so grün

Dass es am Ufer grün war soweit das Auge reichte, war ein Novum für uns. Das mussten wir natürlich auskundschaften. Da Ebbe war, war es uns leider nicht möglich mit dem Dinghy in die Mangroven zu fahren. So wurde aus der Rundfahrt eben ein kleiner Spaziergang. Mangroven bilden überall wo sie wachsen ein überaus wichtiges Ökosystem. Mangrovenwälder und Mangrovensümpfe findet man vorwiegend in tropischen Küstengebieten. Sie bestehen aus insgesamt fast 70 Arten Bäumen und Sträucher und haben sich an brackiges Salzwasser angepasst, worin sie mit ihren Wurzelgeflechten stehen. Sie sind ein wichtiger Lebensraum für spezialisierte Tier- und Pflanzenarten und eine Kinderstube zahlreiche Organismen und Tiere. Leider sind die Mangrovenwälder wie viele andere Lebensräume durch den steigenden Meeresspiegel, Verschmutzung, Trockenlegung, Fischerei und andere menschliche Eingriffe bedroht. Schöne neue Welt.

Florian, wir kommen!

An jedem neuen Ankerplatz auf unserem Weg in Richtung La Paz informierten wir Florian, der in der Schweiz die Tage zählte, über unseren Fortschritt. Nach zwei Nächten bei den Mangroven von Amortajada hissten wir mit einem satten Nordwind die Segel und machten uns auf in Richtung Isla Espiritu Santo. Nach vielen tollen Tagen und verschiedenen Ankerbuchten auf Milagros und mit Iñaki und Carmen auf Anila mussten wir wie geplant noch einmal einen Stopp in einer neuen Bucht einbauen. Aber zuerst mussten wir dort mal ankommen, und der Weg war steinig.

Bis es weh tut

Die steife nördliche Brise hatte es in sich. Wir konnten zwar gut segeln, aber gleichzeitig baute sich der berühmt-berüchtigte Sea of Cortez-Schwell auf – kleine, steile Wellen in ungewöhnlich kurzem Abstand. Diese machten die Bewegungen von Milagros ziemlich ungemütlich, nach knapp 6h Stunden Rodeo begann mein lädierter Rücken zu reklamieren. Dem Rücken geht’s inzwischen viel, viel besser, aber das Rumgeschubse war dann doch noch ein wenig zu viel für ihn. Wir waren froh als wir endlich in der neuen Bucht namens «Ensenada Grande» an. Diese besteht aus drei kleineren Buchten, die sich jeweils in eine andere Himmelsrichtung erstrecken. Und siehe da: In der Mitte war noch Platz frei. Den rissen wir uns natürlich sofort unter den Nagel.

Die Isla Espiritu Santo – eine Insel für die Bucket List

Über die Isla Espiritu Santo könnte und müsste man ganze Bücher schreiben. Mit dem Schiff einen Katzensprung von La Paz aus ist ihre ganze Ostseite eigentlich nur so zu beschreiben: Ankerbucht an Ankerbucht an Ankerbucht an Ankerbucht an Ankerbucht. Man könnte Tage und Wochen nur auf der Insel verbringen. Eine Ecke ist schöner als die andere. Die Nähe zu La Paz hat aber auch zur Folge, dass hunderte Ausflugsboote jeden Tag die Insel Besuchen und Touristen die Strände bevölkern. Das tut der Schönheit aber keinen Abbruch, denn im Allgemeinen wird viel Rücksicht auf die Insel genommen. Die grösste Bucht ganz am Südwestende der Insel ist für Besucher und ankernde Boote inzwischen gar komplett gesperrt worden.

Edgar – Herr der Kayaks

Im Navigationsprogramm unseres Vertrauens Navionics waren in Ensenada Grande ein paar Wanderwege eingezeichnet, die wir nach ein bisschen Ausruhen erkunden wollten. Wir wasserten unser Kayak, paddelten eine Bucht nach der anderen ab und fanden in der südlichsten Ecke ein altes Bachbett, durch welches man auf die Insel heraufsteigen konnte. Am Strand machten wir auch noch Bekanntschaft mit Edgar, der gerade dabei war, ein kleines Camp aufzustellen. Ein Vorratszelt, ein kleines WC abseits und etwa 10 Kajaks waren in Reih und Glied am Strand platziert. Edgar ist Koch für einen Anbieter von Kayak-Touren und hat schonmal alles für die Ankunft der Gäste am nächsten Tag vorbereitet. Wir verabredeten uns mit ihm für ein kaltes Bier nach unserem Spaziergang, denn auf Milagros hatten wir keines mehr. Eine Notsituation!

Das Wandern ist des Müllers Lust

Ein Spaziergang war unser Ausflug allerdings nicht. Der Weg den Bach hinauf war steinig. Im wahrsten Sinne des Wortes. Je weiter wir ins Innere der Isla Espiritu Santo vordrangen, desto steiler wurde das Bachbett, bis wir schliesslich nur noch am Klettern waren. Von links und rechts aus der Höhe des Tals hatten sich über die Jahrmillionen grosse Steinbrocken angesammelt, welche wir hochklettern mussten. Stein für Stein, Schritt für Schritt. Bis wir ganz oben angekommen waren. Und das Klettern war es wert. Die Aussicht war crazy.

Isla Espiritu Santo von der anderen Seite

Die Ostseite der Insel unterscheidet sich komplett von der Westseite. Anstatt Ankerbuchten zeigen sich steile Klippen, die senkrecht hinunter in die See stechen. Nicht toll zum Ankern, aber toll fürs Auge. Dramatischer geht’s fast nicht. So sassen wir einfach da und genossen die Aussicht, bevor wir uns wieder auf den Weg hinunter machten. Nach einer halben Stunde auf dem Rückweg passierte mir ein klassischer David. Ich konnte den Weg nach oben nochmals in Angriff nehmen, denn meine Sonnenbrille ging unterwegs verloren. Fluchend kletterte ich nochmals die Steine hoch, denn ich wusste genau wo ich sie verloren hatte. Als ich die Sonnenbrille gefunden hatte kletterte ich etwas weniger fluchend den Weg wieder hinunter.

Gespräche auf mexikanische Art

Am Strand angekommen tranken wir mit Edgar ein paar Pacificos und unterhielten und über Gott und die Welt. Wir geniessen solche Unterhaltungen mit den Mexikanern total, nie lernen wir mehr über das Land und seine Gepflogenheiten. Und unser Spanisch bleibt so auch auf Vordermann. Es ist zwar noch immer alles andere als fliessend, aber Gesprächen mit Einheimischen liegt überhaupt nichts mehr im Weg. Und jedes Mal zaubern wir den Mexikanern ein Lächeln auf das Gesicht und wir kriegen regelmässig Komplimente. So schlecht kann’s also gar nicht sein.

Probleme beim Ankern – zum ersten Mal

Am nächsten Morgen gings weiter. Nach einer kurzen Fahrt der Insel entlang wollten wir in der Ensenada La Gallina ankern. Es blieb beim Wollen. Denn unser Anker wollte und wollte nicht halten. Zum allerersten Mal. Wir probierten es 3x und dann gaben wir ernüchtert auf. Es fühlte sich an als würden wir den Anker in Beton einzugraben versuchen. Er kratzte einfach auf dem Grund entlang, ich musste sogar widerwillig ins kalte Wasser, weil wir wissen wollten was das Problem ist. Die Sicht im Wasser war aber dermassen schlecht, dass wir uns am Schluss einfach dazu entschieden, direkt nach La Paz reinzufahren.

Sportlich nach La Paz

Sportlich nach La Paz Wir hatten uns schon mit dem Fakt abgefunden, dass wir durchmotoren mussten, als tatsächlich nochmal ein strammer Wind durch den Canal de San Lorenzo durchblies. Mit dem Wind 90 Grad von der Seite aktivierte Milagros den Monster-Modus und wir preschten praktisch nach Bahia Pichilingue durch, unserem Ziel. Wieder ein neuer Haken auf der «Buchten in denen wir noch nie waren»-Liste. Wir ankerten in einer belebten Bucht, wie sie halt in der Nähe der grossen Städte so sind. Viele Schiffe, viele Leute, laute Musik am Strand und ein paar Restaurants. Letzteres suchten wir nach der Ankunft sofort auf und genossen bei einem Bier und absolut mittelmässigem Essen den Sonnenuntergang. Wir hatten es geschafft. Wir waren wieder in La Paz. Flo konnte kommen! Wenn wir da nur schon gewusst hätten, was auf uns wartete…

Unsere Zeit in der Sea of Cortez kommt langsam zu ihrem Ende. Wenn dir unsere Abenteuer in der Baja California gefallen haben kannst du uns ein Bier spendieren, in dem du unten auf den Button klickst, oder ein monatlicher Unterstützer wirst auf Patreon. Vielen Dank!

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