Ist das euer erstes Schiff?

Die Schonfrist ist vorbei und wir wagen uns an die grossen Projekte. Da Milagros unser erstes Boot ist, machen wir alles zum ersten Mal und das braucht seine Zeit. Völlig unerwartet (nicht) stossen wir auf Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Unser Motto lautet: Ein Schritt nach dem anderen.

Wir kommen an

Wir leben uns in Mexiko, Puerto Peñasco und auf unserem Boot in allen Aspekten unseres Lebens ein. Es sind Fragen wie welche Produkte hier überhaupt gekauft werden können und wo. Es geht um unterschiedliche Geschmäcke und Gerüche von Obst, Gemüse oder zum Beispiel Mehl oder Butter und wie man sie kombinieren kann. Und es geht auch darum, die Geräusche des Bootes und der Umgebung kennenzulernen. In der ersten Nacht wurden wir vom Zug geweckt, der ununterbrochen hupte, als er durch die Stadt fuhr, oder je nach Windrichtung hören wir um 23 Uhr die Sirene, die die Ausgangssperre ankündigt.

Beunruhigende Bewegungen

Manchmal können wir auch bellende Streuner hören. Es kann auch ein sehr subtiles Geräusch sein, wie eine gegen einen Mast schlagende Leine oder das schabende Geräusch unseres alten und heruntergekommenen Windanzeigers auf dem Mast. Auch die Bewegungen des Bootes, die durch die starken Winde verursacht wurden, waren zunächst besorgniserregend (ich lag im Bett und stellte mir vor, was passieren würde, wenn das Boot auf die eine oder andere Seite kippen würde), aber jetzt ist es einfach normal.

Das Bootsleben

Wir gewöhnen uns langsam an die hiesigen Gepflogenheiten und an das Bootsleben. Auch daran, dass irgendwie immer alles etwas umständlicher ist. Bei jeder Entscheidung müssen wir uns immer daran erinnern, dass wir hier nicht nur für ein paar Wochen im Urlaub sind, sondern dass das unser neues Zuhause ist.

Unser erstes Boot Milagros auf dem Trockendock
Milagros auf dem Trockendock

Somit lohnt sich mit der längerfristigen Perspektive manche Investition, auf die mit der kurzfristigen Brille verzichtet werden könnte. So verhielt es sich auch mit dem undichten Wasserschlauch.

Auf einer Mission

Die zweite Mission war also, die erste Mission – den Wasserschlauch für die Süsswasserversorgung an Bord – zu verbessern, damit die ganze Sache dicht ist. Dies führte zu Besuch Nummer 2 in der Ferreteria (zu dt. Baumarkt) de Puerto Peñasco. Ein neuer Schlauch musste her, da der von Jim auch mit Teflontape nicht dicht zu kriegen war. Leider war auch mit dem neuen Schlauch noch nicht alles dicht, da nun der Wasserfilter das Problem war.

Und wieso war das überhaupt ein Problem?

Wir wollten nicht die nächsten 6 Monate lang jede Minute einige Wassertropfen verschwenden. Dave hat deshalb als weiteren Versuch den Wasserfilter ausgebaut und die beiden Schlauchenden direkt miteinander verbunden. Das hatte eigentlich soweit ganz gut geklappt. Nur haben wir am Morgen darauf festgestellt, dass dem nicht so war. Der Schlauch war aufgeplatzt und hatte über Nacht frischfröhlich den Platz gewässert. Zum Glück hat‘s geregnet und es fiel niemandem auf. Also, nächster Trip zur Ferreteria: Ein Schlauchverbindungsstück musste her. Wir können nun mit gutem Gewissen den Schlauch verwenden: Er ist dicht – 3 Tage später! Das fängt ja schon mal gut an…

Es gibt viel zu lernen

Obwohl diese kleinen Projekte irgendwie nervig sind, haben sie nichtsdestotrotz einige positive Seiten: Wir lernen die lokalen Shops kennen, lernen Spanisch, können Vorgehen und Geduld bei etwas üben, das nicht kritisch ist und wir lernen die Leute auf dem Trockendock kennen. Letzteres konnten wir auch beim der all freitäglichen Bier-ums-Feuer-Runde. Wie es der Name schon sagt bringen alle Bier und einen Stuhl oder man borgt sich einen (wir haben nämlich keine), sitzt gemütlich ums Feuer und es wird über vor allem über Bootsprojekte gesprochen und über Gott und die Welt philosophiert.

Lagerfeuer mit den anderen Seglern

Der Grund weshalb wir hier sind

Aber zurück zu dem, weshalb wir eigentlich hier sind. Wir haben unsere Hauptprojekte mit höchster Priorität definiert, die wir unbedingt erledigen müssen. Das sind

  • der Aussenanstrich,
  • der Unterhalt/Ersatz der Takelage und Inspektion/Unterhalt des Masts,
  • die Reparatur der Wassertanks,
  • die Inspektion des Propellerschafts und des Ruders,
  • das Upgrade des Biminis und
  • die Installation des nötigen Sicherheitsequipments.

Update zum Aussenanstrich

In unserer Lieblingsferreteria, bei der man uns nun schon beim Reinkommen erkennt und nett grüsst, haben wir Schleifpapierscheiben mit unterschiedlicher Körnung gekauft. Damit wollten wir an verschiedenen Stellen der Hülle Testschliffe machen um zu schauen, wie schlimm der Zustand wirklich ist. Dazu haben wir auch Schutzbrillen und Handschuhe (ja klar, SUVA konform) erstanden. Gesagt, getan hat Dave in Vollmontur einige Anschliffe gemacht.

Was heisst das jetzt?

Was darunter hervor kam, war sehr interessant. An gewissen Stellen sahen wir Grübchen im Fiberglass, kleine Risse oder alte Reparaturen. Da wir als Neulinge Mühe hatten, die Ergebnisse zu interpretieren ("Ist das schlimm?"), haben wir die Resultate an verschiedenen Orten geteilt und mit mehreren Leuten diskutiert. Laut Internet war unser Schiff in eine Kollision verwickelt (sehr schlimm), und laut unserer sehr erfahrenen Schweizer Nachbarin Alex braucht Milagros einfach einen neuen Anstrich (überhaupt nicht schlimm). Sie hat uns wegen unseren Osmosebefürchtungen auch noch gepäcklet und zu einem anderen Schiff im Trockendock geführt. "Seht ihr, das ist Osmose. Das, was ihr habt, ist nichts!" Tatsächlich waren da grosse und tiefe Blasen, aus denen saures Wasser rauslief. Sowas haben wir wirklich nicht.

Wir kaufen Puerto Peñasco leer

Für uns steht noch die Entscheidung an, ob wir das Schiff selbst abschleifen oder es Sandstrahlen lassen sollten, also Zeit vs. Geld. Wir wollen es nun erst mal selbst versuchen und schauen, wie weit wir kommen. Das bedeutet, dass wir Schleifmaterial brauchen. Leider hatte kein einziger von uns besuchter Laden genügend vorrätig. Auch unsere Ferreteria machte grosse Augen, als wir nach "cuatrocientos piezas del número sesenta" fragten. Sie können die 400 Stück aber bestellen, meinten sie. Wir nickten kräftig und hoffen nun, dass das klappt.

Das Propeller / Schaft / Ruder Projekt

Da eine Flüssigkeit beim Propellerschaft rauströpfelte, bei der es aussah und roch, als fände innendrin Osmose oder Korrosion statt, wollen wir genauer wissen, was da vor sich geht. Zudem haben wir festgestellt, dass der Schaft zu viel Spiel hat und wir seine Dichtung sowieso ersetzen müssen. Und da die Ruder eine Schwachstelle der Kelly Peterson 44 darstellen, wollen wir dieses ebenfalls genauer inspizieren. Die richtige Reihenfolge ist demnach: Propeller entfernen, Schaft rausziehen, Ruder ausbauen. Das hört sich simpel an, aber ist – wie du dir sicher vorstellen kannst – einfacher gesagt als getan.

Man braucht nur das richtige Werkzeug

Es fing schon damit an, dass wir einen Ringgabelschlüssel brauchten, um die beiden Muttern, die den Propeller festhalten, lösen zu können. Wir besassen natürlich keinen in der nötigen Grösse. Und die Frage war: Welche Grösse brauchen wir überhaupt? Um das herauszufinden, benötigten wir eine Schieblehre, was wir auch noch nicht an Bord haben. So liehen wir uns eine von den Nachbarn und massen 1 ½ Zoll. Nun wollten wir diesen Schlüssel besorgen, konnten ihn aber in keinem Laden finden. Das Grösste, was sie jeweils hatten, war 1 ¼ Zoll. Schlussendlich fanden wir nach langem Suchen einen auf dem Yard. Juhu, im Nu waren die Muttern gelöst.

Dave löst die Muttern an unserem Propeller mit einem 1 1/2 Zoll Schraubenschlüssel
Dave löst die Muttern des Propellers mit einem riesigen Schraubenschlüssel

Wie viele Leute braucht es, um einen Propeller zu entfernen?

Nun, als nächstes war der Propeller dran. Dafür benötigt man einen Propellerabzieher, was wir natürlich auch nicht besitzen. Mit etwas rumfragen fanden wir heraus, dass wir den von Laura und Marc borgen konnten. Der Propeller hatte aber anscheinend nicht wirklich Lust, seinen Schaft zu verlassen. Dann mussten eben schwere Geschütze aufgefahren werden. Marc brachte seinen Bunsenbrenner und einen Hammer. Unter den wachsamen Augen von 5 Menschen und einem Hund, wurden Propeller und Schaft etwas erhitzt und nach einem gezielten Schlag löste sich der Propeller endlich. Hier noch ein Warnhinweis an andere Bootsbesitzer: Nie am Schaft rumhämmern, wenn er noch mit dem Getriebe verbunden ist. Die Vibrationen und Schläge können zu einem Getriebeschaden führen. Das kostet teuer Geld!

Nun war der Schaft dran

Achtung, jetzt wird es technisch. Dort wo der Schaft (auch Welle genannt) in das Boot eintritt hat es ein Entermesser Lager (eine mit Gummi ausgelegte Metallröhre), das mit Meerwasser gekühlt ist. Anschliessend folgt eine sogenannte Gleitringdichtung aus Gummi, die mit einem Kragen aus rostfreiem Stahl an der Welle befestigt ist und dafür sorgt, dass kein Meerwasser in das Boot eintritt. Danach ist die Welle mit einem Kissenlager (nicht zu verwechseln mit einem Lagerhaus voller Kissen) gestützt, bevor sie mittels einer Kupplung mit dem Getriebe verbunden ist.

Warum ist das wichtig zu wissen?

Alle diese Einheiten halten den Schaft in Schach und müssen auf die eine oder andere Weise entfernt werden. Wir haben mit der Gleitringdichtung begonnen und sind schon auf erste Probleme gestossen: Eine der vier Stellschrauben, mit denen der Kragen an der Welle festgemacht wird, war verhockt und bereits rundgedreht. Das Internet, Freunde und andere Segler gaben uns eifrig Tipps, wie wir diese Schraube lösen konnten. Wir begannen mit WD40 und der Methode, den Imbus mit einer Zange zu drehen – jedoch ohne Erfolg. Auch das Reinhämmern eines Torx Bits in die rundgedrehte Schraube führte nicht zum gewünschten Ergebnis.

Pati löst die Stellschrauben der Gleitringdichtung
Pati arbeitet an der Welle

Wie weit soll man gehen?

Wir waren schon mental darauf eingestellt, die Schraube auszubohren, als uns Salzsäure in die Hand gedrückt wurde. Diese wird verwendet, um Verunreinigungen wie z.B. Rost auf Metallen zu lösen. Mit Handschuhen und Schutzbrille bewaffnet gossen wir die 1:1 verdünnte Säure in die Schraubenlöcher. Und siehe da: Wir hämmerten erneut einen Torx Bit in die Schraube und konnten sie schlussendlich lösen. Und Salzsäure kam sofort auf unsere Einkaufsliste.

Dave giesst Salzsäure in die Schraubenlöcher, um sie zu lösen
Die Salzsäure muss einige Minuten einwirken

Nur noch einen Schritt oder zwei

Nachdem wir das Kissenlager erfolgreich ausgebaut hatten, steht mit der Entfernung der Kupplung noch der letzte Arbeitsschritt an, bevor wir die Welle endgültig ausbauen können. Du hast richtig gelesen – dieser Satz ist im Präsens geschrieben. Spoiler: Wir haben es noch nicht geschafft. Der begrenzte Platz im Motorenraum und die limitierten Mittel erfordern ein grosses Mass an Kreativität. Aber mehr dazu nächste Woche.

Die Kupplung muss ebenfalls entfernt werden

Es wird nie langweilig

In der Zwischenzeit erledigten wir kleinere Projekte wie Antirutsch-Streifen aufkleben, Kleiderhaken montieren oder den Anker und dessen Kette für eine Inspektion herunterlassen. Für Honigschnittli zum Frühstück habe ich mich auch an Zopf aus dem Gasofen gewagt. Beim Vorheizen schwenkte mein Enthusiasmus (juhuu, der Ofen schafft es diesmal auf 200 Grad) zu Ernüchterung um (es sind 200 Grad FAHRENHEIT, d.h. 100 Grad Celsius).

Trotzdem ein Erfolg

Nichtsdestotrotz konnte ich dann meine Zöpfli bei 160°C backen, jedoch mit extra kleinem Durchmesser, um die niedrige Backtemperatur zu kompensieren. Aus den geplanten 20 Minuten Backzeit wurden halt 40 Minuten – aber sie schmeckten.

Ich weiss nicht, ob der Herd und ich jemals Freunde werden. Zwar bereiten wir darauf täglich unsere Tacos zu, mir ist aber auch einfach so eine Bratpfanne voller Peperoni vom Herd in einen Kübel mit Seifenwasser gefallen. Das ist nicht nett. Aber wenn man sonst keine Probleme hat…

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