Planänderungen und Nebengeräusche

Vor dem Abschluss unserer ersten Segelsaison gönnen wir uns eine Woche in der Marina in Santa Rosalia. Dafür müssen wir zum ersten Mal Milagros in einer Marina docken, dabei werden unsere Nerven stark getestet. Wir lassen es uns gut gehen, bevor wir durch die Nacht segeln, um unseren Zielort für die Sommerpause zu erreichen. Und wir finden die Ursache für ein Geräusch, das uns schon sehr lange plagte.

Vor unserem grossen Sprung auf die andere Seite der Sea of Cortez wollten wir uns in der kleinen Marina von Santa Rosalia entspannen. Da wir schon von mehreren anderen Schiffen gehört hatten, dass sie auch dorthin wollten, reservierten wir uns frühzeitig einen Slip. Normalerweise ist das nicht nötig, doch es waren dieses Jahr ungewöhnlich viele Schiffe in der Sea of Cortez unterwegs. Wir wissen nicht genau, woran das liegt. Vermutlich ist es eine Kombination aus Corona-Stau, also Seglern, die während Corona nicht zu ihrem Schiff konnten, und Neulingen, die während Corona entschieden hatten, sich endlich ihren Traum zu verwirklichen. Der Schiffmarkt war und ist nämlich heiss – die Preise sind hoch und gute Schiffe nicht lange auf dem Markt.

Kurzfristige Planänderung

Wir verliessen die Ankerbucht vor der Isla San Marcos Marcos kurz vor Sonnenaufgang und waren 2 Stunden später an der Hafeneinfahrt von Santa Rosalia. Wir waren während der kurzen Überfahrt mit Katie von SV Alegría per WhatsApp in Kontakt und informierten sie, dass wir backbord (mit der linken Schiffsseite) am Enddock anlegen wollten. Ich war am Steuer und David hat das Schiff für das Andocken vorbereitet. Dockleinen und Fender waren auf der Backbordseite bereit. Kaum hatten wir im Schneckentempo die Hafeneinfahrt passiert, erhielten wir von Katie die Nachricht, dass die Marina einen anderen Plan für uns hatte. Sie wollte, dass wir einen Slip weiter innen belegten.

Die Marina in Santa Rosalia

Docken in der Marina?

Kurz kam etwas Hektik auf, denn dort sollten wir steuerbord anlegen. Und wir hatten nicht viel Zeit, denn die Marina war direkt links nach der Hafeneinfahrt. David musste also zügig alle Leinen und Fender auf die andere Seite wechseln. Und ich musste kurzfristig mein Manöver anpassen. Wir hatten eigentlich das Enddock gewählt, weil das am einfachsten zum Anlegen war. Denn wir hatten mit Milagros noch nie allein in einer Marina angelegt und drückten uns etwas davor. Schliesslich wollten wir weder unser Schiff noch das Dock, oder irgendwas anderes beschädigen.

Stressen bringt nichts

Doch die Bedingungen an diesem Tag waren optimal – es hatte weder Wind noch Wellen. So manövrierte ich Milagros langsam in die Marina. So langsam, dass sie gerade noch manövrierbar war, aber eigentlich praktisch stehen blieb. Auf Englisch sagt man «slow is pro» - frei übersetzt bedeutet das sowas wie «Stressen bringt nichts». Ich nahm das wortwörtlich. Bei mehr Wind hätte das aber nicht funktioniert, denn das Schiff bietet doch eine ziemlich grosse Angriffsfläche und hätte uns auf andere Schiffe drauf schieben können. Dann wäre zügig einfahren die bessere Option gewesen. Aber es hatte ja eben keinen Wind. Am Dock warteten Katie und zwei Mitarbeiter der Marina und halfen uns mit den Dockleinen.

Die Marina ist voll

Wieder einmal konnten wir erfolgreich ein erstes Mal von unserer Liste streichen. Den einzigen Lackschaden musste David an seiner Stirn verzeichnen. Beim Leinen wechseln hat er seinen Kopf am Solarpanel gestossen. Als Tröschterli stiessen wir mit einem Bier auf das gelungene Manöver an. Und Thomas hiess uns an der Schweizer Gasse willkommen – denn wir dockten genau neben Robusta. Kurze Zeit später dockten auch Susimi und Mar de Luz in der Marina – nun gab es keine freien Plätze mehr. Endlich waren wir mal wieder in Santa Rosalia. Iñaki, David und Carmen hatten ja damals auf der Überführung von Milagros nach Puerto Peñasco bereits einmal hier Halt gemacht.

Endlich wieder Klimaanlage

Wir genossen das Leben in der Marina. Tacos, Glacé, Einkaufen – alles in Gehdistanz. Ein paar Tage später stiessen Marga, ihre Schwester und ihr Vater auf Dogfish auch zu uns und ankerten im Hafen von Santa Rosalia. Unser Glück war komplett, als wir erfuhren, dass Marga eine Klimaanlage zu verkaufen hatte. Wir hatten unsere nämlich leider in Puerto Peñasco zurückgelassen. Und es war schon sehr heiss in der Marina in Santa Rosalia, da es kaum eine Brise bis zu unserem Schiff schaffte. Wenn es zu viel wurde, lud uns Katie zu sich in ihr klimatisiertes Schiff ein. Da könnten wir natürlich schlecht Nein sagen.

Das historische Santa Rosalia

Trotz der Hitze führten wir uns die kulturelle Seite von Santa Rosalia zu Gemüte. Die Stadt verdankt ihre Existenz und Gründung den in der Region 1868 entdeckten reichen Kupfervorkommen. Bis Mitte der 1980er Jahre wurden diese dort abgebaut. Dann wurde der permanent defizitäre Betrieb endgültig eingestellt. Seit 2015 baut ein koreanisches Unternehmen mit hydrometallurgischen Anlagen wieder Kupfererz ab. Aus der alten Zeit gibt es ein Museum und viele langsam verfallende Gebäude, die das Stadtbild prägen. Wir besuchten das Museum und liessen uns durch ein altes Elektrizitätswerk führen. Wir kratzen alle unser Spanisch zusammen und schafften es so, den Führer über die alten Zeiten auszufragen. Mit den kulturellen kamen auch die kulinarischen Annehmlichkeiten eines Marina-Aufenthalts.

Fisch für alle

David hatte bei einem Kontakt vom lokalen Fischerladen Interesse an einer frischen Gelbschwanzmakrele angemeldet. Wir hatten uns hier angewöhnt, Zusagen nicht unbedingt als gegeben anzusehen, sondern eher als Möglichkeit. Umso mehr freuten wir uns, als David den Anruf erhielt, dass man uns einen 10 kg Fisch vorbeibringen würde. Wir wussten zwar nicht, was wir mit so viel Fisch anfangen sollten, aber für 50 Pesos (2.50 CHF) pro Kilo kann man nicht nein sagen. Wir zerlegten den Koloss auf dem Dock, luden unsere Freunde ein und gönnten uns als erstes Sashimi (rohe und ungewürzte 3–4 mm dicke Filets). Wir machten auch Sushi, Nudeln mit Marinara Sosse und Suppe. Und verschenkten sicher noch die Hälfte. Alles war mega lecker, aber nach 3 Tagen voller Makrelendröhnung hatten wir genug Fisch gehabt.

Wir gehen auf Nachtfahrt

Nach 8 Tagen hatten wir ein geeignetes Wetterfenster, um die Sea of Cortez nach San Carlos zu überqueren, wo wir unser Schiff für die Sommerpause auswassern wollten. Für die 75 Seemeilen (ca. 140 km) rechneten wir mit rund 15 Stunden. Da wir bei Tageslicht ankommen wollten, verliessen wir die Marina am späten Nachmittag. Wir freuten uns nicht wirklich auf die nächtliche Überfahrt. Wenn es dunkel ist, ist alles bedrohlicher - der Wind, die Geräusche. Und da immer jemand wach sein sollte, haben wir 4-stündige Nachtschichten. Das ist auch nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Dunkle Wolken am Horizont

Der Trip fing eigentlich gut an. Wir wurden von Delfinen am Bug hinaus aufs Meer begleitet. Aber der vorausgesagte Wind kam nicht. Erst nach dem Eindunkeln konnten wir segeln. Doch weil wir vorsichtig sein wollten, hatten wir noch vor Sonnenuntergang die Segelfläche auf Reff 2 verkleinert. Plötzlich begannen sich in der Ferne dunkle Wolken zu bilden und es fing an zu blitzen. Auch der Wind nahm stetig zu. Natürlich war das Gewitter genau dort, wo wir hinwollten. Und wir wollten nicht dorthin, wo das Gewitter war. Deshalb änderten wir unseren Kurs Richtung Norden und prüften nochmals unsere Ausweichbuchten.

Hallo San Carlos

Doch wir wollten nicht deutlich weiter oben an der Küste ankern. Für die kommende Woche waren starke Südwinde vorhergesagt und wir hatten mit der Marina in San Carlos ein Datum für das Auswassern abgemacht. Wir hatten genügend Puffertage eingebaut, damit wir unsere Flüge in die Schweiz auch bei Komplikationen erreichen konnten. Aber gegen diesen Wind die Küste runter zu motoren macht auch keinen Spass. Zum Glück lösten sich die Gewitter nach und nach auf und wir konnten wieder Kurs auf unser eigentliches Ziel, die Bahía Algodones, nehmen.

Wir werden durchgewackelt

Kurz nach 8 Uhr morgens ankerten wir im nördlichen Teil der Bucht. Der Plan war ursprünglich, im südlichen Teil vor einer Felswand zu ankern, um vor Wind und Wellen des Südwinds geschützt zu sein. Doch wir fuhren daran vorbei, befanden es als nicht sonderlich nett und überquerten die Bucht auf die andere Seite. Ein paar andere Schiffe ankerten auch da, also dachten wir, das würde passen. Das tat es auch, bis nach Sonnenuntergang. Dann ging das Gewackel los. Wellen aus südlicher Richtung wurden um die Ecke direkt in die Bucht abgelenkt. Das Schiff schaukelte von links nach rechts, immer stärker. So schlimm wie noch nie, das Geschirr klapperte und klirrte in der Küche und was nicht niet- und nagelfest war flog durch die Kabine. Wir verfluchten uns, dass wir nicht auf uns gehört und einfach vor der Felswand geankert hatten.

Schnell weg hier

Wir machten also das Schiff wieder bereit und kaum sichteten wir den ersten Sonnenstrahl am Horizont, starteten wir den Motor und durchquerten die Bucht erneut. Ein anderes Schiff flüchtete ebenfalls, doch im Gegensatz zu uns verliessen sie die Bucht. Wir wollten erst mal prüfen, wie die Situation vor der Felswand war. Und siehe da, nicht mal 30 Minuten später ankerten wir in ruhiger See. Und wir fluchten noch mehr, weil wir das die ganze Nacht schon so hätten haben können.

Vom Regen in die Traufe

Aber dafür kriegten wir was anderes: unser Ankerplatz befand sich neben dem Eingang der Marina Real von San Carlos. Kaum war die Frühstückszeit vorbei, kamen die ersten Jet Skis. Dann folgten die Motorboote mit den Wasserskifahrern und der lauten Musik. Den ganzen Tag lang fuhren sie vor und hinter uns vorbei und liessen mit den von ihnen verursachten Wellen Milagros wieder schaukeln.

Es gibt da ein Geräusch

Und da war dieses eine Geräusch. Seit der Einwasserung plagte es mich, sobald Milagros ein bisschen schaukelte. Wenn ich im Bett lag, hörte ich direkt neben meinem Kopf ein «pock-pock», immer wenn das Schiff sich nach steuerbord neigte, aber nur dann. Wenn es sich wieder auf die andere Seite neigte, hörte man nichts. Ich hatte jedes einzelne Kästchen im Schlafzimmer, WC und Cockpit durchsucht auf der Suche nach der Quelle. Auch im Motorenraum hatte ich nachgesehen und unter unserem Bett, da wir zwischendurch auch mal Spiel im Ruderschaft im Verdacht hatten. So sass ich zum Beispiel im Dunkeln (das Geräusch stört ja nur, wenn man schlafen will) am Boden vor unserem Bett, leuchtete mit einer Taschenlampe die Ruderinstallation an und versuchte, die physische Bewegung zum Geräusch zu finden. Leider erfolglos.

Was kann es nur sein?

Was mich schier in den Wahnsinn trieb war, dass das Geräusch asymmetrisch war, es also nicht etwas war, das hin und her rollte. Und es war ziemlich laut, also musste es etwas Schweres sein. Ich hatte mir jedes erdenkliche Objekt vorgestellt und bin im Geiste unser Inventar durchgegangen, um etwas zu finden, was auf diese Beschreibung passt. Aber ich habe einfach nichts gefunden. Als ich erneut die Kästchen im Cockpit durchsuchte, nahm ich im Augenwinkel eine kleine Bewegung wahr.

Was für eine Erleichterung

Ich schaute genauer hin und die Bewegung passte zum Rhythmus des Geräuschs. Hören konnte ich nichts, aber ich bat David, unten zu horchen. Zum Test hielt ich das Objekt fest. Ich fing fast an zu heulen, als David bestätigte, dass das Geräusch unten nun weg war. Was für eine Erleichterung! Was es schlussendlich war? Die Umlenkrolle unseres Genoas (Vorsegel). Eine kleine Bewegung, die von Auge kaum sichtbar war. Und das Schiff fungierte als Resonanzkörper und verstärkte das Geräusch unter Deck. Stundenlang hatte ich danach gesucht, aber darauf wäre ich nie gekommen. Leider kam die Entdeckung etwas spät – kurz vor dem Auswassern. Doch sie wird uns in Zukunft einiges an Nerven sparen können.

Der wars!

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