Pati allein zuhaus

David flog für die Arbeit wieder einmal um die halbe Welt, diesmal zu dem Edelstein-Hotspot Bangkok. Fast 20 Tage würde er weg sein, während derer ich auf Milagros aufpassen würde.

Am Morgen von Davids Abreise holten uns Pete und Nicole bei der Marina ab, um noch ein letztes Mal gemeinsam zu frühstücken. Und nach dem leider eher mediokren Frühstück am Hotelbuffet gegenüber der Busstation, machte sich David auf seine Reise nach Bangkok. Pete, Nicole und ich hingegen fuhren ans andere Ende von Guaymas ans Meer. Unser Ziel war die ‘Perlas del Mar de Cortez’ Perlenfarm, wo Pete für uns eine Tour gebucht hatte.

Lokale Perlen

Unserem Tourführer Fernando merkte man direkt an, dass Perlen seine Leidenschaft waren. Mit viel Enthusiasmus führte er uns zum Palappa am Meer, wo die Austern gehegt und gepflegt wurden. Der Prozess dauert mehrere Jahre – vom Einsammeln der Babyauster, dem Einsetzen des Kerns und bis zum Ernten der Perle selbst. Ursprünglich war es eine Forschungseinrichtung, die nun als eigenständiges Business geführt wurde. Laut Fernando sind die Sea of Cortez Perlen – obwohl Zuchtperlen – einzigartig. Er zeigte uns die Farbenvielfalt und ihr besonderes Merkmal: Unter UV-Licht leuchten sie rot.

Zurück zu Milagros

Nach der Tour tuckerte ich zum Schiff zurück. Es war ein komisches Gefühl, das erste Mal ganz allein mit Milagros vor Anker zu sein. Ein Jahr zuvor war David schon mal für zwei Wochen in Bangkok, da hatte ich aber Besuch von Nicole und war danach nur wenige Tage allein im Königreich El Mero gedockt. Allein vor Anker zu sein ist an sich überhaupt kein Problem, es gibt ja viele Einhandsegler, bei denen das immer so ist.

Es wird ungemütlich

Es gab aber etwas, das es etwas ungemütlich machte: ein starker, andauernder Nordwind war vorausgesagt. Und laut anderen Seglern hatte das eine Schiff in der Bucht das Ankern nicht im Griff und bewegte sich bei starkem Wind kreuz und quer durch die Bucht. Und: normalerweise ist es David, der bei jedem Geräusch aufwacht, während ich selig weiterschlafe. Ich war also gespannt, wie das so laufen würde.

Fast frostige Temperaturen

In der ersten Nacht gab es schon die volle Ladung eisigen Wind aus dem Norden, der die Temperaturen unter 10°C fallen liessen. Du denkst jetzt wohl, dass das ja nicht so schlimm ist. Ohne Heizung ist es aber schon ein bisschen frisch. Mit 7 Beaufort (30 Knoten / 55 km/h) bretterten also die Luftmassen über das Wasser und rissen an Milagros. Ich vertraute unserem Ankermanöver, unserem Anker und Milagros, trotzdem hatte ich den Ankeralarm gestellt und überprüfte regelmässig unsere Position. Und wenn wieder eine besonders heftige Böe vorbeigezogen war, erkundigten sich andere Segler, ob bei mir alles in Ordnung war. An durchschlafen war zwar nicht zu denken, aber normalerweise hörte der Wind nach 3 Uhr morgens auf und ich konnte noch den letzten Teil der Nacht im Traumland verbringen.

Eine neue Sicht

Wir konnten die Windstärke bisher nur am Chartplotter im Cockpit ablesen, doch das war mir bei dieser Kälte zu blöd. Kurzerhand packte ich ein noch nicht eingebautes Display aus, schloss es an unser Datensystem (wen’s interessiert: ein NMEA 2000 Backbone) an und stellte es auf den Kartentisch. So konnte ich gemütlich aus der Heckkabine aus dem Bett raus durch den Tunnel die Windgeschwindigkeit sehen.

Es ist vorbei

Als der Nordwind endlich vorbei war, war es mit meiner Zeit vor Anker leider auch vorbei. Als ich eines Morgens die Kabine staubsaugte, entdeckte ich unter der Treppe hinauf ins Cockpit einen Wasserschaden. Ich öffnete die Bodenbretter und sah 5 cm hohes stehendes Wasser in der Bilge. Rasch tauchte ich einen Finger ins Wasser, um es zu schmecken. Es war salzig. Da der Wasserschaden oberhalb des Bodens war, gab es nicht viele Möglichkeiten für dessen Herkunft. Nämlich nur eine: Die Salzwasserfusspumpe. Und siehe da, sie tropfte vor sich hin. Natürlich hatten wir weder eine Ersatzpumpe noch ein Wartungskit an Bord.

Rein geht’s

Für uns ist diese Pumpe sehr wichtig, denn wir nutzen sie für den Abwasch, um Süsswasser zu sparen. Normalerweise haben wir einen Wassermacher, den wir aber an Orten wie Guaymas nicht verwenden. Einerseits schadet verunreinigtes Meerwasser der Membran, und andererseits wollen wir das Wasser aus dieser Kloake auch nicht trinken. Da ich sehr weit draussen geankert war und keine Lust hatte, Wasser hin und her zu schleppen, buchte ich mir kurzerhand einen Platz in der Marina.

Ein Abschiedsgeschenk

An einem windstillen Morgen kam Nachbar Randy mit seinem Dinghy rüber, um mir dabei zu helfen, Milagros in die Marina zu bringen. Das Reinholen der Ankerkette dauerte unerwartet lange, da ein eklig schleimiger schwarzer Schlick an der Kette klebte und wir jeden der 40 Meter Kette abspritzen mussten, damit das Zeugs nicht im Ankerkasten landete. Zum Schluss hatte dann noch die Ankerwinsch Mühe, den Anker zu heben. Ich dachte schon, dass Milagros damit das nächste Projekte für uns auf Lager hatte. Aber es stellte sich heraus, dass es einfach ein Geschenk war. Unser Bruce-Anker hatte einen Reifen für uns gefangen, wie nett. Es konnte ja nur besser werden.

Hallo Fonatur

Und das wurde es auch. In Schneckentempo dockte ich Milagros geschmeidig in der Marina, während Shay und Yona von SV Holoholo und weitere Docknachbarn unsere Leinen in Empfang nahmen. Jetzt, da Milagros sicher in der Marina vertäut war, fiel es mir auch leichter, sie allein zu lassen. Ich hatte nämlich noch eine Wanderung in San Carlos auf meiner Liste, die ich unbedingt mal machen wollte: hoch zu einer der Spitzen des Hausbergs ‘Tetakawi’. Der Tetakawi wird wegen seiner Form umgangssprachlich auch ‘Teta de Cabra’ (Ziegeneuter) genannt.

Zitzenbesteigung

Nicole war bei meinem Vorschlag, eine der Zitzen zu besteigen, sofort dabei. Sie holten mich netterweise in Guaymas ab, und nach einem stärkenden Taco-Zmittag setzte uns Pete am Fusse des Tetakawi ab. Dort schauten wir uns etwas belustigt ein riesiges Plakat der lokalen Tourismusbehörde an. Man solle unter anderem mindestens 3 Liter Wasser dabeihaben und gute Wanderschuhe tragen. Ausserdem wurden Handschuhe und einen lokaler Tourführer empfohlen. Wir als Wanderer aus der Schweiz fanden das für eine Wanderung, die total 2 Stunden dauern sollte, doch etwas übertrieben.

Der Tetakawi in San Carlos

Es geht hoch hinaus

Wir folgten also dem für mexikanische Verhältnisse gut gekennzeichneten Weg Richtung Gipfel. Dass es kein Spaziergang werden würde, war uns schon klar, als wir am Anfang des Weges standen und zum Ziel blickten. Zuerst ging es einfach einen steinigen Weg bergauf, später mussten wir über grosse Steine und Geröll gemischt mit Sand hinaufklettern. Kurz vor dem Gipfel mussten wir gar Taue zur Hilfe nehmen, die jemand dort befestigt hatte. Während dem Hochziehen fragte ich mich, ob wir überhaupt mexikanischen Seilen vertrauen konnten. Nur zu gut waren wir mit dem ‘gut gemeint und dann vergessen’ vertraut.

Und wieder runter

Aber die Seile hielten und wir schafften es in total 50 Minuten hinauf zum Gipfel. Dort konnten wir die tolle Aussicht geniessen und etwas verschnaufen. Das war wirklich kein Spaziergang. Auch der Abstieg war eine Herausforderung. Unsere Schuhe hatten nur ungenügendes Profil für das Sand-Geröll Gemisch. Nicole rutschte deshalb einfach auf ihrem Hosenboden hinunter, während ich auf Händen und Füssen hinunterkraxelte. Das Plakat zu Beginn der Wanderung hatte also durchaus seine Daseinsberechtigung.

Unter Nachbarn

Da ich mit Milagros nun in der Marina war, fühlte es sich fast so an, als würde ich irgendwo in einem Haus mit einer Nachbarschaft wohnen. Man kannte sich, man grüsste sich und man half sich gegenseitig aus. So wollten sich zum Beispiel Shay und Yona einen grösseren Anker zulegen und hatten einen im Blick, der ungefähr dem unseren entsprach. Ich lieh ihnen deshalb kurzerhand unseren Anker für eine Passprobe. Und Nachbar Gavin half mir mit dem Zuschneiden von Aluschienen für die Relingbefestigung unseres neuen Grills. Ich mag die Flex einfach nicht.

Glück gehabt

Als Hausbäckerin von Keith auf SV Aurora habe ich für ihren nächsten Segelnachmittag spezielle Muffins gebacken, und Pete hat sie bei mir in der Marina abgeholt. Ich war auch eingeladen, aber wollte aufgrund von Gründen nicht. Im Nachhinein war ich froh, dankend abgelehnt zu haben, denn Steve, einer der Mitsegler, starb unterwegs an einem Herzinfarkt. Er war selbst Bootsbesitzer im El Mero Königreich, hatte schon seine 83 Jahre Lenzen erreicht und nahm seinen letzten Atemzug bei etwas, das er liebte.

Ein Erfolg

Mit der all-samstäglichen Lieferung aus den USA kam dann auch mal das Wartungskit der Fusspumpe. Top motiviert baute ich das Teil aus und öffnete es. Man hatte mich schon gewarnt: in vielen Fällen ist die Pumpe auch nach der Wartung undicht. Das Internet hat mir aber gesagt, dass das daran liegt, dass das Kit ohne Anleitung kommt und dass deshalb oft die Dichtungen und Membranen verkehrt herum eingebaut werden. Ich passte deshalb beim Auseinandernehmen besonders gut auf und machte Fotos von allem.

Einhorn-Power

Dennoch wurde ich vor einem typischen Schiffsmoment nicht verschont. Beim Öffnen sprang mir die Pumpenfeder in zwei Teilen statt am Stück entgegen. Und im Wartungskit war natürlich keine neue Feder enthalten. Wo man denn in Guaymas eine solche neue Feder herkriegen würde, war mir schleierhaft. Ich fragte spontan unseren Kontinentsmann Lukas. Er fragte direkt nach den Abmassen der Feder. Er sei gerade bei Richard am Kaffee trinken. Hier ist anzumerken, dass man sagt, dass Richard auf seinem sehr grossen Stahlschiff mindestens ein weiteres Segelschiff in Einzelteilen mit dabeihat. 3 Minuten später erhielt ich auch schon ein Bild von einem Einhorn mit der gesuchten Feder. 30 Minuten später wurde sie mir geliefert und weitere 30 Minuten später war die Pumpe überholt, eingebaut und dicht!

Einhorn-Power!

Da muss noch was erledigt werden

Während ich friedlich vor mich hin werkelte, fiel mir plötzlich siedend heiss ein, dass ich noch mein Visum erneuern musste. Ich durfte zwar noch bis Ende April bleiben, aber das war doch etwas knapp. Und so einfach wie von Guaymas würde es später nicht mehr sein. Im Jahr zuvor konnte ich mit Keith die 450 km nach Nogales an der Grenze zu Arizona fahren, doch diesmal stand mir eine Busreise bevor. Gemäss Busanbieter dauerte es ca. 5.5 Stunden pro Weg.

Zur US-Grenze

Am Freitag vor Davids Rückkehr holte mich morgens um 6 Uhr morgens das Taxi ab, um 6:30 Uhr ging der Bus. Nach nicht enden wollenden 7 Stunden erreichte ich dann endlich Nogales. Nach weiteren 20 Minuten war ich beim Immigrationsbüro und um Punkt 14.00 Uhr wurde mein Pass mit 180 Tagen Aufenthaltsbewilligung gestempelt. Danach schlenderte ich durch die Strassen und gönnte mir ein feines Zmittag.

Eine lange Reise

Laut Website gab es um 15.30 Uhr und 16.00 Uhr einen Bus zurück, easy. Mit dem Taxi war ich rechtzeitig zurück bei der Busstation. Und dann: au weia. Die beiden Busse waren schon ausgebucht und der Nächstmögliche war erst um 17.00 Uhr. Schlussendlich war ich dann um 23.00 Uhr wieder zurück beim Schiff. Ich hatte 17 (!) Stunden gebraucht. Unterwegs entdeckte ich aber noch etwas Interessantes: Ich hatte in den letzten 3 Jahren zufälligerweise jeweils am exakt gleichen Tag mein Visum erneuert.

Am anderen Ende der Welt

Währenddessen genoss David seine Regenwalddusche, chillte nach der Arbeit am Swimming Pool im Hotel und erkundete an seinen freien Tagen Bangkok. Ausserdem hatte er auf der Hinreise die Chance, einen Tag in Tokio zu verbringen. Hier sind ein paar Impressionen:

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