Löcher in der Hülle – 20 sind zu viel

Wir entfernen einige Borddurchlässe um die Löcher zu schliessen, bevor wir die Hülle von Milagros streichen. Jetzt ist der beste Zeitpunkt dafür. Nicht alles läuft wie geschmiert und eines unserer grossen Projekte muss nochmals angeschaut werden und verzögert sich deshalb.

Nachdem das Gelcoat schleifen der Vergangenheit angehörte (yesssss!), bereiteten wir Milagros weiter auf das Endziel Neuanstrich vor. Der nächste Schritt war das Entfernen der nicht nötigen Borddurchlässe. Du fragst dich jetzt vielleicht, wie es dazu kommt, dass ein Schiff unnötige Bordurchlässe = Löcher im Schiff haben kann. Ja, das fragen wir uns auch. Um das zu verstehen, hilft die Betrachtung von der anderen Seite. Nämlich: Was sind notwendige Borddurchlässe?

Was ist ein Borddurchlass?

Ein Borddurchlass ist ein Loch in der Hülle unter oder über der Wasserlinie, durch welches etwas, meistens eine Flüssigkeit, aus dem Schiff raus oder in das Schiff rein kann. Der Motor zum Beispiel braucht Meerwasser für die Kühlung und lässt das Wasser-Abgasgemisch durch den Auspuff wieder raus. Ein Borddurchlass wird durch eine Borddurchführung gesichert. Diese sind üblicherweise aus Messing, Bronze, Edelstahl oder Kunststoff gefertigt und können durch einen Hahn geöffnet und geschlossen werden.

Borddurchlässe

Das Risiko von Wassereintritt

Generell möchte ein Schiffsbesitzer so wenig Bordurchlässe wie möglich haben, denn jedes Loch in der Hülle ist eine mögliche Gefahrenquelle von Wassereintritt. Das Edelstahl kann beispielsweise korrodieren oder der Hahn kann versagen. Ein ziemlich kleines Loch kann in kurzer Zeit sehr viel Wasser reinlassen. Für die Grössenordnung: Ein Loch mit einem Durchmesser von 7.5cm (3in) etwa 30cm (1ft) unter der Wasserlinie lässt rund 500 Liter Wasser pro Minute rein – zu viel für Bilgenpumpen um damit fertig zu werden. Unsere Borddurchlässe haben etwa einen Durchmesser von 5cm – also etwas weniger, aber dennoch ungemütlich, wenn etwas schief geht.

Reduktion der Borddurchlässe

Wir haben auf Milagros insgesamt 20(!) Bordurchlässe, davon 13 unter der Wasserlinie. Das bedeutet, dass wir 20 Mal sicher sein müssen, dass alles in Ordnung ist. Das Gemeine dabei ist, dass Schäden nicht immer von Auge feststellbar sind. Da wir auf Trockendock sind, wollten wir deshalb die Gelegenheit nützen, gefahrenfrei die Inspektion zu machen und nach dem Motto "so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich" auch einige Durchlässe loszuwerden. Bei der Inventur haben wir festgestellt, dass 7 der Durchlässe nicht in Gebrauch waren, davon 5 unter der Wasserlinie. Was diese noch auf dem Schiff zu suchen hatten, war uns ein Rätsel: 7 Mal unnötiges Risiko, davon 5 Mal sehr grosses! Die restlichen 13 Durchlässe befanden wir als notwendig.

Unsere Bestandesaufnahme der Borddurchlässe
Unsere Bestandesaufnahme der Borddurchlässe

Nun, wie entfernt man eine Borddurchführung?

Unsere Borddurchführungen sind allesamt aus Bronze. Im Ersatzteillager fanden wir ein paar alte Borddurchführungen, die wir studierten und uns so deren Entfernung überlegen konnten. Am liebsten hätten wir sie unversehrt rausgeschraubt. Mit dem richtigen Werkzeug (einem sogenannten Stufenschlüssel) könnte der Borddurchgang von aussen rausgeschraubt werden, wenn jemand innen das Gegenstück mit einer Zange festhält.

Es wird wohl keine Überraschung sein, dass sich eben dieses Werkzeug nicht in unserem Besitz befindet. Und als vor 10 Jahren alle Bordurchführungen ersetzt wurden, wollte man wohl sicherstellen, dass diese für immer dortblieben. Manche hatten innen auch einen Holzaufbau, welcher jeweils – wie auch die dazugehörige Mutter – mit Bilgenfarbe übermalt war.

Mit der Trennscheibe

Wir haben es zwei Mal nett – also ohne destruktive Gewalt – versucht, jedoch ohne Erfolg. Die Muttern bewegten sich keinen Millimeter, auch nicht, wenn wir das Holz darunter wegmeisselten. So kam der Winkelschleifer zum Einsatz. Dave hat sich zum Einstimmen aus Versehen auf Google noch ein paar Bilder von Winkelschleifer-Unfällen zu Gemüte geführt. Ich habe dankend abgelehnt, denn ich wollte keine in Gesichter steckenden Trennscheiben sehen. Item.

Entfernen eines Borddurchlasses mit der Trennscheibe

Der pilzförmige Kopf wird von aussen mit 4-8 Schnitten geteilt und dann mit einem Meissel vom Gewinde abgetrennt. Danach kann der Borddurchgang rausgeschraubt werden.

Ich gehe hier nicht weiter in die Details, aber wie immer hört es sich einfacher an, als es dann in Wirklichkeit ist. Dazu gehört zum Beispiel hämmern in unmöglichen Positionen ohne Platz, um mit dem Hammer auszuholen oder die Muttern mit der Zange zu greifen. Sie sind aber nun alle draussen und wir können dieses Kapitel abschliessen. Sobald das Material hier ist, können wir damit beginnen, die Löcher mit Fiberglas zu schliessen.

Doch noch Dairy Queen?

Die Legende besagt, dass wenn hier auf dem Boatyard etwas schief geht, tröstet man sich mit Glace von Dairy Queen. Wir hatten noch keinen richtigen Dairy Queen Moment (eigentlich gut für uns), aber ziemlich Lust auf Glace. Nicht dass David es herausgefordert hätte, aber der Dairy Queen Moment kam früher als uns lieb war. Dave wollte nur noch eine klitzekleine Ecke an der Hülle schleifen, als er abrutschte und unsere geliebte Bosch Schleifmaschine danach anfing, komische Geräusche von sich zu geben. So viele Stunden schleifen ohne Problem und nun so was? Dave musste dann gleich aus seiner "wenn du…" Box, die er vor der Abreise von seinen Eltern erhalten hatte, den "frustrierst bist" Umschlag öffnen. Das Ausmalen des darin enthaltenen Mandalas und ein Bier entfrustrierte die Situation wieder etwas.

Selbst sind die Segler

Nachdem wir eine Nacht darüber geschlafen hatten, führten wir am Morgen danach eine Operation am offenen Herzen unserer Schleifmaschine durch. Gebettet auf einem Küchentuch auf unserem Esstisch nahmen wir sie Schraube für Schraube auseinander auf der Suche nach der Ursache. Ein defektes Lager wurde vermutet. So versuchten wir erst von unten an das Lager heranzukommen – leider erfolglos – und danach von oben, indem wir das komplette Gehäuse zerlegten.

Nicht ohne Angst, das ganze Ding zu schrotten, arbeiteten wir uns vor. Wir hatten das beide nämlich noch nie zuvor gemacht. Learning by doing an einer vergleichsweise teuren Schleifmaschine ist zwar nicht optimal, aber brauchbare Alternativen fehlten. Leider war das Lager auch von oben nicht erreichbar. Es war zwar sehr interessant, die Spulen und Magnete zu betrachten, aber nicht zielführend. So bauten wir sie wieder zusammen und testeten gleich, ob sie noch funktionierte. Sie tat es zum Glück.

Dave schaut sich die zerlegte Schleifmaschine an

Dr. Dave von Cavu eilt zur Stelle

Die Sprechstunden bei Alegría und Cavu führten beide zum selben Ergebnis: Das Lager MUSS von unten ausgebaut werden können. Der wie in einem Youtube Video gezeigte Ansatz, das Lager mit zwei Schraubenziehern auszuhebeln, funktionierte leider nicht. Die Idee von Dr. Dave von Cavu, der mit seinem Erste Hilfe Set zur Stelle eilte, war, das Lager mithilfe einer längeren Schraube rauszudrehen, welche er per Zufall bei einer unserer Spannzangen fand. Tadaa. So konnten wir das widerspenstige Lager entfernen und schmieren. Nachdem wir die ganze Maschine wieder zusammengesetzt hatten, was sich übrigens wie ein 3D Puzzle für Erwachsene anfühlte, testeten wir die Maschine erneut und sie hörte sich einwandfrei an. Während dem Zusammenbauen fanden wir auch heraus, dass sich ein Plastikstück gelöst hatte. Dies führte zu den komischen Geräuschen. Mission erfüllt.

Ausbau des Lagers

Was macht die krumme Antriebswelle?

Ein Anruf aus der Werkstatt, wo immer noch unsere Antriebswelle und das zugehörige Kisselager waren, verhiess nichts Gutes. Es sei leider nicht möglich, die Welle zu begradigen. Ob sie uns eine neue Welle anfertigen sollten? Wir wollten unsere Welle aber nicht ohne Zweitmeinung ins Alteisen geben. So holten wir sie aus der Werkstatt wieder ab. Das Kissenlager, von welchen sie den inneren Teil bereits eingeschmolzen hatten, nahmen wir ebenfalls mit. Salvador Cabrales nahm sich unserer Welle direkt an, da er nicht glauben konnte, dass diese nicht zu begradigen war. 2 Tage erhielten wir eine Nachricht: Welle ist begradigt, macht 800 Pesos (35 CHF). Oh. In der anderen Werkstatt hätte das Begradigen plus die Anpassung des Lagers 5'000 Pesos (200 CHF) gekostet…

Das Rigging-Projekt verläuft nicht wie geplant

Eigentlich wollten wir in der letzten Februarwoche den Masten legen, um mit dessen Überholung zu beginnen und um die Stahlseile nach San Diego zu schicken, wo sie im März hätten repliziert werden sollen. Das war mal der Plan, aber ist er nun nicht mehr. Da wir nicht sicher sind, ob unser Rigging momentan richtig eingestellt ist, wollen wir die bestehenden Stahlseile nicht einfach nachmachen lassen. Wir glauben, dass unser Mast zu stark gekrümmt ist, aber wir wissen nicht, was richtig wäre.

Marga von SV Dogfish (die andere KP44 auf dem Yard) unterstütze uns mit ihrem Wissen (merci!), schickte uns ihre Checklisten und lieh uns ein Gerät, mit dem wir die Spannung der Takelage messen und so mehr über deren Einstellungen erfahren können. Obwohl wir grosse Fans von learning by doing sind, wollen wir es nicht bei einer so grossen Sache versuchen. Fehler in dieser Angelegenheit können ultimativ den Verlust des Schiffes bedeuten.

Es gibt eine mögliche Lösung

Wir bräuchten eigentlich jemanden, der zu uns auf Schiff kommt und alles richtig einstellt und vermisst. Das ist leider wegen der Pandemie gerade ziemlich schwierig. Aber: Aufgrund von Motorenversagen muss ein Boot, das vor wenigen Monaten den Astillero Cabrales verlassen hatte, wieder hierher zurückkehren. Und an Bord befindet sich ein Rigger – genau was wir brauchen. Der Grund für die Rückkehr ist zwar sehr unerfreulich und ärgerlich für sie, könnte aber für uns die Lösung unseres Problems bedeuten. Wir drücken ihnen nun die Daumen für ein gutes Wetterfenster, denn die Bedingungen für motorlose Boote sind aktuell nicht optimal.

Brauchst du ein Haus?

Während ich das hier schreibe, ist Dave auf dem Fussballplatz und schaut das Spiel von Luis’ Mannschaft. Wir kriegen täglich Nachrichten von Luis – sei es ein einfaches "Hey, was läuft?" oder "Kennt ihr jemanden, der hier ein Haus kaufen will? Braucht ihr eines?". Sein Sohn hat Trisomie 21 und hohe Arztkosten zwingen Luis dazu, eines seiner zwei Häuser zu verkaufen. Da wir schon ein Haus haben, lehnten wir dankend ab.

Neben mir liegt gerade Dulcé, unsere Teilzeitkatze. Wenn es ihr genehm ist oder es draussen einfach zu ungemütlich ist, kreuzt sie bei uns auf und verlangt Einlass. Wir Katzenliebhaber können da natürlich nicht nein sagen, aber es scheint einfach so, als könnten wir nicht ohne Katzen.

Dulcé

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