Leinen los – wir gehen segeln

Nach 4 Monaten auf dem Boatyard in Puerto Peñasco lassen wir die Arbeit etwas ruhen und begeben uns auf einen Segeltrip. Die ersten 500 Seemeilen (900 km) bis La Paz segeln wir als Crew an Bord von Sea Note, dem Schiff von Ray. Wir haben ihn auf dem Boatyard kennengelernt und waren sofort an Bord, als die Idee für diese Reise aufkam. Unsere Abreise war etwas hektisch, denn der Anstrich des Freibords verlief nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Es ist mitten in der Nacht, der Motor surrt gleichmässig, und das Boot bewegt sich rhythmisch auf und ab. Dave und ich haben es uns mit E-Reader und Podcasts im Cockpit von Sea Note gemütlich gemacht. Ray schläft unten in seiner Kabine. Durch den schützenden Plastik, der das Cockpit umgibt, sind verschwommen die Sterne am klaren Nachthimmel zu sehen. Es ist unsere erste Nachtwache auf diesem Trip. Acht Stunden zuvor haben wir Puerto Peñasco mit Kurs auf das rund 250 Seemeilen (ca. 450 km) entfernte Santa Rosalia verlassen.

Ein paar hektische Tage

Die Tage vor der Abreise waren hektisch auf Milagros. Obwohl wir schon länger wussten, dass wir in der ersten Maiwoche See stechen würden, war der Moment doch viel zu schnell da. Und ein kleiner Aspekt unseres Freibordanstrichs machte uns einen Strich durch die Rechnung für eine entspannte Abreise.

Die erste Nachtschicht

Die Totalboat Farbe für den Anstrich erreichte uns 5 Tage zuvor und unser Ziel war es, das Freibord so weit wie möglich zu streichen, denn durch die blauen Schecken heizte sich das Boot tagsüber ziemlich auf. So haben wir die Oberfläche für den Anstrich vorbereitet und sind für den ersten Anstrich extra um 4 Uhr morgens aufgestanden. Dann herrschen nämlich optimale Bedingungen: Es ist windstill, die Hülle ist kühl, die Aussentemperatur ist angenehm und die Sonne scheint nicht. Da unser Boot gut ausgeleuchtet ist, ist das Arbeiten in der Nacht auch kein Problem.

Der Albtraum beginnt

Gemäss den Anweisungen von Totalboat hat Dave die erste Schicht des Primers aufgetragen. Schnell wurde aus dem einfachen Anstrich ein Albtraum. Dave musste streichen wie ein Irrer, denn die Farbe trocknete extrem schnell. Und trotz allen Anstrengungen blieben Streifen im Anstrich zurück. Ein Anruf beim Farbhersteller klärte die Situation auf: Das sei normal. Wir fuhren also fort wie geplant. Nachdem der Anstrich trocken war, spachtelte Dave nochmals letzte Unebenheiten und kleine übriggebliebene Löcher aus. Als die Spachtelmasse getrocknet war, schliff Dave die Stellen mit 240er Schleifpapier – und schliff an gewissen Stellen durch den Primer durch. Was für ein Sch@#$%!

Eine Erkenntnis reicher

Beim zweiten Anruf bei Totalboat brachten wir in Erfahrung, dass man nur von Hand schleifen sollte. Und wir hatten die Schleifmaschine benutzt. Tags darauf standen wir trotzdem um 3 Uhr morgens auf und trugen die zweite Schicht des Primers auf. Wir stellten fest, dass die Farbe nicht so schnell trocknete, wie beim ersten Anstrich.

Nicht trocknende Farbe

Da uns die Zeit davonlief, wollten wir Milagros nun 6 Wochen so stehen lassen, bis wir Mitte Juni wieder zurück waren. Bei einem weiteren Anruf bei Totalboat stellte sich jedoch heraus, dass es nicht empfohlen wurde, den Primer so lange der Sonne auszusetzen, da er keinen UV-Schutz besitzt. Von da an begann der Stress! Wir entschieden uns deshalb, den Topcoat vom Boatyard Team sprayen zu lassen, während wir weg waren. Wir hatten noch einen Tag Zeit, um das Freibord zu schleifen und für den Sprayjob vorzubereiten. Doch bei einem Testschliff stellte Dave fest, dass an gewissen Stellen die Farbe auch nach 24h noch nicht komplett trocken war. Mennoooo.

Wir geben die Arbeit ab

Ungern mussten wir also auch den Schleifjob dem Boatyard Team überlassen. Wir fühlten uns nicht so wohl, bei Sprayen nicht dabei zu sein und das Schleifen abzugeben. Deshalb schrieben wir eine ganze Seite an Instruktionen, die wir Salvador Cabrales, dem Yardmanager, gaben und brieften auch noch einen der Arbeiter vor Ort. Ob das alles wohl gut gehen wird? Das lag jetzt nicht mehr in unseren Händen. Wir waren dann nämlich mal weg auf einem Segeltrip nach La Paz mit Sea Note.

Sea Note

Sea Note ist eine 15.5 m lange, zweimastige Endeavour 43, mit der ihre Besitzer Ray und Chicgaila in den letzten 10 Jahren über 45‘000 Seemeilen zurückgelegt haben. Leider müssen sie das Schiff aus gesundheitlichen Gründen verkaufen, und wir helfen als Crew dabei, Sea Note nach La Paz zu bringen. Wir begleiten Ray sozusagen auf seiner letzten Reise mit Sea Note.

Unsere erste Nacht auf See

Unser erster Sonnenuntergang auf See war gigantisch. Im Hintergrund wahnsinnig tolle Farben und davor tummelten sich Finnwale. So muss das sein. Für mich war das die erste Nachtfahrt seit unserem Segeltrip auf den Kap Verden in 2018. Leider konnten wir nicht segeln, da der Wind konstant aus der Richtung blies, in die wir wollten. Wir gewöhnten uns aber rasch an das Surren des Motors und das Leben auf dem Wasser. Die Nacht organisierten wir in 4-stündigen Schichten: von 18 bis 22, 22 bis 02 und 02 bis 06 Uhr. Dabei wird regelmässig die Umgebung und der Kurs gecheckt. Steuern müssen wir nicht selbst – das übernimmt der Autopilot. Unter Segel würde man auch noch die Segelstellung checken. Würde man. Wir nicht. Weil kein segelbarer Wind.

Fliegen im Schlaf

Teilweise hatten wir ziemlich starken Wind und Wellen direkt von vorne. Das führte dazu, dass der Bug eine Auf- und Abwärtsbewegung von mehreren Metern vollführte. In der vorderen Kabine, in der Dave und ich einquartiert sind, bedeutet das, dass man während dem Schlafen im Rhythmus von den Wellen leicht von der Matratze abhebt und dann wieder hineingedrückt wird. Gleichzeitig schlagen die Wellen neben dem Kopf gegen den Rumpf und 5 Knoten (9 km/h), unsere durchschnittliche Reisegeschwindigkeit unter Motor, fühlen sich wahnsinnig schnell an. Ich mag das total.

Das Leben auf See

Der normale Tagesrhythmus wird bei solchen Passagen komplett aufgebrochen. Man schläft, wenn man müde ist (ausser auf Wache) und isst, wenn man Hunger hat (abgesehen vom Abendessen, das wir immer gemeinsam essen). Dazwischen wird gelesen, geredet, geschrieben, in die Welt geguckt, oder irgendetwas repariert. Meine Lieblingswache ist die erste, denn danach kann ich mindestens bis um 6 Uhr durchgehend schlafen. Und der Kaffee ist schon bereit, wenn ich aufstehe.

Das erste Ankerbier

Nach 2.5 Tagen durchgehendem Motoren erreichten wir um 2 Uhr morgens Santa Rosalia. Das Anlegemanöver in der gut beleuchteten Marina war geschmeidig. Danach gönnten wir uns ein Ankerbier und genossen die Stille ohne Motorenlärm. Nach dem Ausschlafen am nächsten Tag frühstückten wir bei einem Tacostand um die Ecke und kundschafteten ein chinesisches Restaurant aus, bei dem wir zu Abend essen wollten.

Chinesische Gemeinschaft

In 1903 hat der französische Minenbetreiber "El Boleo" 3‘000 chinesische Arbeiter nach Santa Rosalia geholt, da aufgrund der Arbeitsbedingungen keine Mexikaner dazu zu bewegen waren. Deshalb hat es eine grosse chinesische Gemeinschaft und entsprechend auch einige chinesische Restaurants.

Minenstadt Atmosphäre

Beim Spazieren durch Santa Rosalia haben wir die Minenstadt Atmosphäre genossen. Die meisten Häuser sind im Kolonialstil gebaut und durchaus gut erhalten. Ich konnte mir richtig gut vorstellen, wie sie früher mit den Pferden durch das Städtchen geritten sind, vorbei an Arbeitern, die die Eisenbahnwagen mit Kupfererz beluden. Wir haben auch die Eiffel Kirche (Iglesia de Santa Bárbara) gesehen, die Dave und Crew auf dem Weg mit Milagros nach Puerto Peñasco verpasst hatten. Mir ist in Santa Rosalia aufgefallen, wie sehr ich das Grün in Puerto Peñasco vermisse und wie angenehm der Schatten eines Baumes ist.

Santo Domingo

Tags drauf verliessen wir direkt nach Sonnenaufgang die Marina. Unser Ziel für den Tag war die rund 40 Seemeilen (ca. 70 km) entferne Ankerbucht Santo Domingo in der Bahia de Conceptión. Wir wählten diese Bucht als nächstes Ziel, da starke Winde vorausgesagt wurden, vor denen wir uns schützen wollten. Kurz vor 15 Uhr erreichten wir die Bucht und ankerten. Ray übernahm dabei das Runterlassen des Ankers und ich war am Steuer. Der für den Nachmittag vorhergesagte Wind traf dann in abgeschwächter Form ein, weshalb wir von einem kleinen Schwumm oder Landgang absahen.

Planänderung

Ursprünglich wollten über Nacht in Santo Domingo vor Anker bleiben und am nächsten Tag unsere Reise fortsetzen. Da wir Handyempfang hatten, waren wir in Kontakt mit SV Cavu und SV Alegría. Wir beschlossen daraufhin, dass wir einen Zwischenstopp einlegen und uns mit ihnen in der Nähe vom rund 80 Seemeilen (ca. 140 km) entfernten Loreto treffen könnten. Wir änderten somit unseren Plan und legten unsere Abreise auf 20 Uhr noch am selben Abend. Wir gönnten uns selbstgemachte Pizza und ein Bier zum Abendessen, nicht wissend, dass wir später um diese Stärkung noch froh sein würden.


4 Comments

Diese Erholung habt Ihr nach dem Farb-Frust auch verdient! Wobei solche Erfahrungen auch Profi-Seglern mit über 20-jährigem Marine-Know How nicht erspart bleibt.
Gratulation zum tollen viertelseitigen Wochenblatt-Artikel.

Den Wochenblatt Artikel hätte ich fast übersehen! Danke für den Tipp (lese halt nur die Reinacher News gründlich!) Und wie immer spannender Bericht welcher mit seinem Ende einiges an Spannung aufkommen lässt! Bin allerdings zuversichtlich, dass mit einem so tollen Boot und erfahrener Crew eine Fortsetzung des Berichtes folgen wird! Mast und Schotbruch und mehr als eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!

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