Leben auf einem Segelboot: 1.5 unkonventionelle Jahre im Rückblick

We’re back in Switzerland for a 3.5 month summer break. We’re visiting family and friends, and go back to work to fill the cruising kitty. It’s an escape from the Mexican heat, but also a bit from life on the boat. I look back on the last 1.5 years and reflect about living on a sailboat full time.

Leben auf einem Boot kann Kaffee mit schöner Aussicht bedeuten

Unsere Reise zurück in die Schweiz war wohl eine der geschmeidigsten, die ich je erlebt hatte. Eine Busfahrt, zwei Taxifahrten und drei Flüge mit keinerlei Wartezeit und Verspätung. Es hat zäckbumdätsch gemacht, und wir landeten in Zürich. Dort wurden wir bereits von Davids Eltern erwartet. Die Wiedersehensfreude war gross – es war ja schon ein Jahr seit unserem letzten, ziemlich kurzen Heimatbesuch vergangen. Es war Mitte Juli und die Schweiz wurde gerade von der Hitzewelle überrollt. Für uns war das perfekt. Es war immer noch weniger heiss als in Mexiko, für uns also sehr angenehm. Und wir waren auch schon an diese Temperaturen gewöhnt.

Wir sind privilegiert

An was wir nicht mehr gewöhnt waren, war das satte Grün (was zwar über die Zeit durch die Trockenheit auch braun wurde) der Natur, die makellosen Strassen und der uns umgebende Luxus. Kurz nach unserer Ankunft haben wir uns den Rhein runter treiben lassen. Ich sah die verschiedenen Wohnquartiere an mir vorbeiziehen und bemerkte, dass auch ein aus Schweizer Sicht schlechtes Quartier eigentlich überhaupt nicht schlecht ist. Da wurde mir auf einmal richtig bewusst, wie privilegiert wir eigentlich sind.

Was tut ihr hier?

Wir sind in einem Land geboren mit einem wahnsinnig hohen Lebensstandard, starker Währung und mit sicheren Strukturen, die es uns erlauben, einfach unsere Jobs zu kündigen und ein Schiff zu kaufen mit dem Wissen, dass wir jederzeit wieder einen Job finden können. Sogar in Mexiko wurden wir ab und zu von Einheimischen gefragt, was wir dort überhaupt machen würden; wir kämen ja aus einem der besten Länder der Welt.

Mexikanische Zeitrechnung

Ich bewundere, wie die Mexikaner das Beste aus dem machen, was sie haben. Und wie sie das Leben leichtnehmen und immer freundlich und hilfsbereit sind. Sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, und je mehr Druck oder Stress man macht, desto mehr Zeit nehmen sie sich. Und sie haben es auch nicht so mit der Pünktlichkeit, aber schlussendlich würden sich wohl die wenigsten am Sterbebett wünschen, sie wären in ihrem Leben pünktlicher gewesen. David und ich haben das mexikanische Konzept bereits adaptiert: wir machen nicht mehr fix eine Uhrzeit ab, sondern «mexikanisch». So treffen wir uns zum Beispiel um mexikanisch 7 auf ein Bier, also mit 19.00 Uhr als Richtwert plus so 10-20 Minuten.

Mhhhhh Raclette

Als Willkommensessen zurück in der Schweiz gab es direkt Raclette, Davids Lieblingsessen. Oh, wie haben wir guten Käse vermisst! Und wir waren froh, ein paar Monate weg vom Schiff verbringen zu dürfen. Gegen Ende hatten wir schon langsam genug vom Leben auf dem Schiff. Alles ist irgendwie umständlich und manchmal nervt das.

Es ist etwas umständlich

Nimm schon nur mal das Beispiel «duschen». Wir haben aktuell unter Deck keine Absaugpumpe bei der Duschenwanne installiert, deshalb duschen wir draussen im Cockpit. Wenn du also duschen willst, musst du zuerst mal checken, ob es Bienen hat. Die werden nämlich vom Süsswasser angezogen, und wenn eine Botin etwas findet, wirst du kurze Zeit später geschwärmt. Wenn es also Bienen hat, musst du bis nach Sonnenuntergang warten. Du musst du auch checken, ob du überhaupt genügend Süsswasser hast. Wenn nicht, musst du Wasser machen. Dafür brauchst du aber Strom. Also musst du überprüfen, wie es um die Batterieladung steht und wieviel Strom gerade durch die Solarpanel reinkommen.

Duschen, ohne nachzudenken

Bevor du überhaupt Wassermachen kannst, musst du checken, ob die Wasserqualität draussen in Ordnung ist bzw. ob du erst noch die Flut abwarten musst. Und wenn das Duschwasser heiss sein soll, musst du es eigentlich schon am Morgen in den Solarduschsack füllen und in die Sonne legen, oder den Motor für den Durchlauferhitzer laufen lassen. Wenn es bewölkt ist, funktioniert das mit dem Sack natürlich nicht so gut. Und den Motor laufen lassen bedeutet auch wieder Dieselverbrauch und zusätzliche Motorenstunden. Du siehst also: einfach mal rasch unter die Dusche ist nicht. Und das ist nur ein kleines Beispiel von vielen im Leben auf dem Schiff. Ich war dann schon froh, zuhause auf dem Hof einfach ohne nachzudenken duschen zu können.

Ungesundes Leben?

Es war auch mal toll, nicht konstant an alles denken und alles abwägen zu müssen. Was machen Wind und Wellen? Wo und wann können wir das nächste Mal einkaufen? Wo sollen wir als nächstes hin? Wo kriegen wir das benötigte Ersatzteil her? Was ist überhaupt der längerfristige Plan? Generell finde ich es interessant, dass ich immer dachte, das Leben auf dem Schiff sei viel gesünder und entspannter als auf dem Land. Wie ich mich da mal getäuscht habe! Die Freiheit kommt mit einem Preis: Ich habe mehr Stress, ungesündere Ernährung, weniger Schlaf, mehr Bier, weniger Bewegung und mehr UV-Strahlung. Aber auf der anderen Seite habe ich Abenteuer erlebt und unzählige Geschichten zu erzählen.

Sommerschlaf

Ich denke zurück an San Carlos, Milagros stand wieder auf Stützen und wir schwitzten – sogar drinnen mit Klimaanlage. Draussen war es unerträglich heiss und wir versuchten zu vermeiden, tagsüber etwas am Schiff aussen abzutakeln. Wir versetzten Milagros in den Sommerschlaf, denn auf einen ganzen Sommer in Mexiko verzichteten wir gerne.

Ich denke zurück

Beim Verstauen des Dinghis dachten wir an die letzten Monate auf dem Wasser zurück. Wie wir in wohl einer der schönsten Buchten in der Sea of Cortez ankerten und mit unserem Beiboot die Höhlen am felsigen Ufer erkundeten. Wie wir durch das klare türkisblaue Wasser glitten und vorne am Bug sitzend die Meeresbewohner unter uns beobachteten. Und wie wir uns tierisch darüber aufregten, dass wir am letzten Tag noch unser Gummiboot mit Algen, Sand und Wasser gefüllt hatten, weil wir es nicht genügend weit aus dem Wasser gezogen hatten.

Das Seglerleben

Beim Waschen des Decks kamen uns die Momente in den Sinn, als unterwegs Delfine mit uns am Bug mit schwammen. Und wie wir auf einer Überfahrt frühmorgens durch den Nebel segelten und das frische, kühle Gefühl der Wassertröpfchen in der Luft genossen. Die Fender erinnerten uns daran, wie wir in Santa Rosalia das erste Mal überhaupt mit Milagros in eine Marina sind und total gestresst waren, da wir in letzter Minute an ein anderes Dock mussten als geplant und in aller Eile alle Leinen und Fender auf der anderen Seite des Schiffes angebracht werden mussten.

1.5 Jahre!

Das Kajak erinnerte uns daran, wie wir in einer Ankerbucht zwei Buckelwalen hinterhergepaddelt sind und dabei Bekannte aus Puerto Peñasco trafen. Und als sie uns auf ein Bier einluden merkte David, dass er in aller Eile nur in seinen Unterhosen ins Kajak gestiegen war. Und wir erinnerten uns an die vielen Erlebnisse mit all den fremden Menschen, die zu Seglerfreunden wurden. Es ist Wahnsinn, was wir in den letzten 1.5 Jahren erlebt und gelernt haben! 1000 neue Skills, tolle Freundschaften, neue Einsichten über das Leben, persönliches Wachstum und natürlich Delfine am Bug.

Verdammt viel Arbeit

Ein Nachbar auf dem Boatyard hat das mal ziemlich treffend beschrieben: «Das Leben auf dem Schiff ist verdammt viel Arbeit, um verdammt viel Spass zu haben.» Das kann ich zu 100% bestätigen! Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel Arbeit und so umständlich ist, auf einem Schiff zu leben! Die Hochs sind höher und die Tiefs sind tiefer. Aber Spass macht es trotzdem, und ich freue mich auf die zweite Saison mit Milagros. Aber zuerst geniesse ich Familie und Freunde und alle Annehmlichkeiten hier in der Schweiz.

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