Hasta nicht la vista

Wir leben nach wie vor im Boatyard in Guaymas, geprägt von Staub, Lärm und Arbeit an Milagros. Wir kämpfen mit technischen Herausforderungen und arbeiten auf die baldige Einwasserung von Milagros hin. Zwischendurch begeben wir uns auf Abenteuer ausserhalb des Boatyards, helfen anderen Seglern mit ihren Projekten und feiern Weihnachten.

Das Leben auf dem Boatyard

Da waren wir also auf dem Boatyard. Schon länger als geplant und schon ein bisschen genervt von Staub, Sand, Lärm, Gestank und überhaupt. Aber was konnten wir schon tun? Schmollen und fluchen, oder halt das Beste draus machen. Wir wählten beides, abwechselnd. Für den Spass an der Freude halfen hier und da anderen Seglern mit ihren Projekten (wir hatten ja selbst nicht genügend Bootsprojekte auf der Liste, haha). So traten wir zum Beispiel dem Malermeister-Team von Justine bei.

Wir streichen ein Schiff

Ihre Mission war das Steichen ihres Freibords, worin wir ja bei Milagros schon einiges an Erfahrung gesammelt hatten. Die Farbe ihrer Wahl (himmelblau) war zwar optisch mega schön, doch deren Eigenschaften waren sehr herausfordernd. Denn es stellte sich heraus, dass es nicht eine Farbe ‘für schön’ war, sondern für Ölplattformen und so, wo es einfach wichtig war, dass mit einem Anstrich eine dicke schützende Schicht Farbe drauf war. Sie trocknete innert weniger Minuten und war danach steinhart. Struktur und Streifen liessen sich so kaum vermeiden.

Eine Herausforderung nach der anderen

Nach mehreren Versuchen mit verschiedenen Mischverhältnissen und Pinselarten und im Kampf gegen Wind und Sonne und die Farbe selbst haben wir aber auch diese Mission relativ erfolgreich abgeschlossen. Mit David als Vormaler, Justine als Nachmaler und mir als Gib-mir-hol-mir-reich-mir hat das wunderbar geklappt. Wir nannten uns die «Rig Pigs» und malten uns aus, wie wir auf Ölplattformen anheuern und den lieben langen Tag alles Mögliche streichen würden. Haha, lieber nicht.

Wir kriegen Material

Und dann, eines Mittags, klopfte es an unser Boot. Unten stand Keith lächelnd mit einer Kartonschachtel in den Händen. Darin lagen unsere lang ersehnten Silentblöcke. Wir wollten uns schon ans Montieren machen, aber wir hatten die Rechnung ohne Keith gemacht. Er meinte: «Ich habe euch die Blöcke gebracht, nun kommt ihr mit mir segeln.»

Zurück in Königreich

Na gut, dachten wir, auf diesen halben Tag kam es jetzt auch nicht mehr drauf an. Also packten wir rasch unsere sieben Sachen, schnappten uns Pete und Justine und fuhren mit ihnen zum ehemaligen Königreich von El Mero. Dort hatte Keith aus allem, was er finden konnte, zwei Dockplätze für seine beiden Segelschiffe gebastelt. Wir selbst haben letzten Winter ein bisschen Zeit in El Mero verbracht, bevor es im letzten Juli durch einen Sturm praktisch komplett zerstört wurde. Item.

Ein kleines Segelabenteuer

Die Leinen von Aurora, einem 54 Fuss (16.5 m) Kahn, waren schnell los, doch das Rausfahren gestaltete sich schwierig. Sie wollte nicht so wie Keith, deshalb streiften wir zwei der krummen Pfeiler. Wir versuchten, uns davon abzustossen, doch unsere Gliedmassen waren wichtiger als ein paar Kratzer am Boot. Minus ein Solarpanel zeigte die Bestandesaufnahme danach. Tja. Auf dem Weg aus der Ankerbucht hissten wir das Grosssegeln und mussten kurz improvisieren. Das Grosssegel war nicht richtig festgemacht; dem Festmacher fehlte der Pin, doch mit einem Seil war das schnell gelöst.

Eine Inselumsegelung

Die Segel waren gehisst und wir segelten um eine kleine Insel vor Guaymas. Hinter der Insel stellte kurz der Wind ab, und Justine band sich spontan ein Seil um den Bauch und erfrischte sich im kühlen Nass. Als es Zeit war, wieder anzudocken, bemerkten wir, dass alle Schiffe in El Mero Schräglage hatten. Es war Ebbe. Wir wollten nicht auf Grund laufen und beschlossen für die Nacht draussen zu ankern. Niemand war darauf vorbereitet, auch nicht die Ankerwinsch. Sie wollte nicht funktionieren, also ankerten wir von Hand. Und niemand wusste, was die Markierungen auf der Ankerkette bedeuteten, so liessen wir nach Gutdünken Kette raus, in der Hoffnung, dass es genug war.

Wir kehren zurück

Keith blieb mit seiner Tochter und Tom auf dem Schiff, und andere Cruiser in der Bucht halfen uns, an Land zu kommen. Bei Flut am nächsten Morgen fuhren wir zurück zum El Mero, um beim Docken zu helfen. Bernie spielte Taxi und brachte David und mich zu Aurora. Den Anker mussten wir von Hand hochziehen; ein nettes Workout. Doch irgendwas stimmte nicht mit dem Getriebehebel im Cockpit von Aurora. Deshalb musste Keith unter Deck am Getriebe selbst den Gang einlegen. Das führte kurzzeitig zu Verwirrung, da wir erst Rückwärts statt Vorwärts fuhren. Doch das Gnusch konnte gelöst werden und Pete nahm am Dock die Leinen in Empfang. Mit Aurora hat man immer ein Abenteuer.

Im Motorenraum

Nun konnten wir uns endlich unseren Silentblöcken widmen. Der Austausch lief wie geschmiert, und nach 3 Stunden hatten wir drei von vier ersetzt. Doch wie es halt so ist: mit der letzten Schraube ist immer was. Bei ihr brach der Kopf ab. Natürlich bei der Schraube, die von allen am wenigsten zugänglich war. Zwei Tage später hatten wir es nicht geschafft, die Schraube auszubohren. Also blieb sie halt drin. Wir füllten alles mit Epoxy und bohrten ein neues Loch.

Muss das sein?

Nun konnten wir uns der Ausrichtung des Motors widmen. Da gab es schon die nächste Überraschung. Ich schaffte es einfach nicht, den Motor auf die benötigten 1/1000’’ (0.03 mm) auszurichten. Das durfte einfach nicht wahr sein. Ich nahm nochmals alles auseinander und fand das Problem: Die Wellenkupplung passte nicht mehr auf die Getriebekupplung. Bei genauer Inspektion fand ich Dellen in der Oberfläche. Es sah aus, als ob die Wellenkupplung runtergefallen oder etwas darauf gefallen wäre. Langsam verloren wir echt die Geduld. Mit einer Feile konnte ich aber die Unebenheiten wegmachen. Dann ging es zack zack und der Motor war ausgerichtet. Endlich!

Es bremst

Nun konnten wir die Wellenbremse einbauen. Diese Bremse hindert die Welle daran, während dem Segeln zu rotieren. Andere Schiff können den Rückwärtsgang einlegen und das Rotieren stoppen. Wir können das wegen dem hydraulischen Getriebe nicht. Doch der Einbau der Bremse war eine Qual, und wir waren kurz davor, aufzugeben. Einmal darüber schlafen half, und das Ding war drin. Das bedeutete: Wir konnten einwassern!

Die Vorbereitungen laufen

Es war der Mittwoch vor Weihnachten und so hofften wir, dass wir Weihnachten auf dem Wasser verbringen könnten. Doch der Yard machte uns einen Strich durch die Rechnung: Sie konnten uns erst am 26. Dezember einwassern. Das gab uns noch mehr Zeit, um die Einwasserung vorzubereiten: Den Motor testen, eine neue Schicht Antifouling auftragen, Diesel, Benzin und Wasser auffüllen, das Grosssegel montieren, Essensvorräte auffüllen und alles aufräumen. Und wir konnten mehr Zeit mit Nicole und Pete verbringen. Nicole aus der Schweiz hatte uns ein Jahr zuvor auf Milagros besucht, und besuchte nun Pete auf Swansong.

Es weihnachtet

Weihnachten ist ein grosses Ding hier in Mexiko. Ab dem 1. Dezember wünscht man sich «frohe Weihnachten», überall läuft Weihnachtsmusik und es wird dekoriert, was das Zeug hält. Dazu gibt es auch traditionelle Gebäcke und Getränke für diese Jahreszeit. Mario, der Kranführer, brachte uns hausgemachte Buñuelos mit. Das sind frittierte Tortillas mit Zimt-Zucker, Honig und Erdnüssen. Dazu soll man Kaffee oder ein Glas Milch trinken. Das Gebäck ist genauso, wie es sich anhört: Eine Zuckerbombe, aber sehr fein. Roberto, ebenfalls ein Arbeiter auf dem Boatyard, brachte selbstgemachten Champurrado. Ein warmes, dickflüssiges Getränk aus Zuckerrohrblock, Zimt, Schokolade, Biskuits und Maismehl. Im Prinzip eine flüssige Mahlzeit, ebenfalls übertrieben süss, aber auch sehr fein. Wir gaben ihnen im Gegenzug selbstgemachte Spitzbuben.

Für uns ist Weihnachten nicht ein so grosses Ding. Wir telefonierten hauptsächlich mit Familie und Freunden und stiessen mit Nicole und Pete an. Für den 24. Dezember planten wir eine Grillade mit anschliessender Filmvorführung von «Die Hard». Und am 25. Dezember fand ein Potluck mit allen Yardbewohnern statt, bei dem jeder etwas fürs Buffet mitbringt.

Es ist Zeit

Aber wir hatten vor allem die Einwasserung im Kopf. Wir mussten rückwärts aus dem Lift fahren, uns mit Leinen um 180° drehen lassen, um dann vorwärts durch einen schmalen Kanal fahren zu können, bei dem es links und rechts sehr schnell sehr untief wurde. Schon Tage im Voraus checkten wir den Wind und es sah nicht gut aus. Denn mit viel Wind aus der falschen Richtung liefen wir Gefahr, beim Drehen auf den Steg gedrückt zu werden und trotz Fendern unsere Seiten zu verkratzen. Das wollten wir auf keinen Fall. Am Morgen der Einwasserung trat dann die Vorhersage ein: Böen bis zu 20 Knoten (35 km/h) wehten durch die Bucht. Wir waren unsicher, ob wir Einwassern sollten. Waren wir einfach Angsthasen oder war es mit diesen Windverhältnissen wirklich eine blöde Idee? Wir sprachen mit verschiedenen Leuten und niemand war wirklich überzeugt. Jemand hatte die Idee, mit seinem Dinghy rauszufahren, und unseren Anker zu setzen, an dem wir uns dann herumdrehen konnten, und weitere solche Spässe. Nein danke. Auch Mario und Roberto klangen nicht überzeugt. Also bliesen wir die Sache ab.

Aber wir wollen rein

Aber wir hatten eine Idee: wir wollten einfach vorwärts aus dem Lift fahren können. Dazu mussten uns die Arbeiter mit dem Lift hochheben, zu einem Ort mit viel Platz rundherum fahren, auf die Ständer absetzen, und mit dem Lift von der anderen Seite her zum Schiff fahren. Wir mussten dazu «nur» erst das Vorstag (Stahlseil, das den Mast von vorne hält) entfernen und dann das Backstag (Stahlseil, das den Mast von hinten hält). Ganz in Milagros Manier lief das aber wieder einmal nicht ohne Zwischenfall: Hydrauliköl begann aus dem Lift zu tropfen. Nach einer kurzen Inspektion befand man aber, dass es «nur» eine leckende Dichtung war, was die Funktion des Lifts nicht einschränken würde. Sie mussten es ja wissen.

Klappt es nun?

Am nächsten Morgen pünktlich um 8 Uhr wurden wir zum Einwasserungssteg gefahren. Nachdem sie Milagros ins Wasser gesenkt hatten, durften wir aufs Schiff klettern. Als ich unter dem Lift durchging, tropfte mir etwas auf den Nacken. Ich griff hin und merkte, dass es Hydrauliköl war. Aber Milagros war im Wasser und wir konnten prüfen, ob alle Borddurchlässe dicht waren. Auch der Motor sprang sofort an. Und dann war es so weit: Leinen los! Wir fuhren von dannen. Endlich.

Hasta nicht la vista!

Wir liessen den Boatyard hinter uns und schworen uns, nie mehr dorthin zurückzukehren. Auf Nimmerwiedersehen. Hasta nicht la vista. Und schon nach 2 Minuten begannen die Erinnerungen an den Dreck und die Mühsal zu verblassen. Und schon bald war alles wie weggeblasen, als ob wir nie dort gewesen wären. Friedlich tuckerten wir am Guaymas Malécon vorbei zu einer schönen Ankerbucht. Ende der Boatyard-Geschichte.

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