Entscheidungsmüdigkeit – 8 Lösungsstrategien

Wir leiden unter akuter Entscheidungsmüdigkeit. Täglich stehen unzählige Entscheide an und es hört einfach nie auf. Kopf in den Sand stecken und warten, bis es vorbei ist, geht nicht. Denn die Entscheide treffen sich nicht von selbst. Hier sind simple Lösungsstrategien gefragt.

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal bewusst so viele Entscheidungen treffen musste wie in den letzten 3 Monaten. Kleine, grosse, positive, negative, einfache und schwere Wahlen – alles ist dabei. Jedes einzelne, noch so kleine Projekt erfordert fast täglich irgendwelche Entscheide. Die Unmenge an Fragestellung hier ist so gross, dass wir manchmal gar nicht wissen, wo wir überhaupt anfangen sollten. Recherchieren, filtern, Vor- und Nachteile zusammenstellen, die Folgen davon überlegen und Alternativen abwägen. Das alles kostet viel mehr Kraft, als erwartet – mental, aber auch körperlich. Und es kostet sogar Kraft, sich gegen alle die nicht gewählten Alternativen zu entscheiden.

Zu viele Optionen

Wir möchten zum Beispiel das Freibord weiss streichen. Hört sich simpel an, erfordert aber unzählige Entscheidungen. Wie viel darf es kosten? Ein- oder Zweikomponentenfarbe? Streichen oder sprayen? Welche Marke? Was ist verfügbar? Zuerst spachteln und dann Primer streichen, oder umgekehrt? Welche Art(en) von Primer und wie viele Schichten? Weiss – aber welche der 43 Nuancen? Wie viele Schichten davon? Wann ist der beste Zeitpunkt dafür? Was ist sinnvoll? Soll es die optimale Lösung sein oder einfach gut genug? Was ist eigentlich gut genug? Wie lange werden wir das Schiff überhaupt besitzen? Welche dieser Fragen muss zuerst beantwortet werden? Was war zuerst – das Huhn oder das Ei? Und was ist eigentlich der Sinn des Lebens?

Dave leidet unter Entscheidungsmüdigkeit

Entscheidungsmüdigkeit

Und ich merke: Ich habe gerade keine Lust mehr, irgendetwas zu entscheiden. Schon eine simple Frage kann zu viel sein und ich habe keine Antwort darauf. Was wir zu Mittag essen? Egal, Hauptsache ich muss nicht wählen. Es ist sogar wissenschaftlich erwiesen (sagt Google): Je mehr Entscheidungen man treffen muss, desto weniger ist man in der Lage, noch mehr Entscheide zu treffen. Es nennt sich Entscheidungsmüdigkeit. Das kann so weit gehen, dass man gar keine Entscheidungen mehr treffen mag oder sogar kann. Bei Essen oder bei der Kleiderwahl ist das ja im Prinzip egal, aber wenn es um Sicherheitsfragen geht, ist es kritisch.

Der Entscheidungsmuskel

Was mir persönlich Schwierigkeiten bereitet, ist die Unfähigkeit, die Konsequenzen der Entscheidung zu bewerten. Ich kenne mich oft mit dem Thema nicht aus und die Anzahl der mir unbekannten Variablen ist riesig. Deswegen muss ich viel mehr Annahmen treffen, um mit den mir im Moment vorliegenden Informationen die beste Entscheidung treffen zu können. Ich glaube, mein Entscheidungsmuskel ist in den letzten Jahren richtiggehend verkümmert und muss wieder trainiert werden.

Entscheidungen verschieben

Zuhause in der gewohnten Umgebung bei mir mehr oder weniger vertrauten Themen war es einfach und das Entscheiden fiel mir leicht. Hier hingegen raucht mir oft der Kopf. Dann vertage ich die Entscheidungen, was aber dazu führt, dass es immer mehr werden, denn täglich kommen neue dazu. Und wie man so schön sagt: "Der schlimmste Entscheid ist kein Entscheid." Das kann ich bestätigen. (Zu) viele offene Entscheide erhöhen das Frustlevel und das Gefühl, dass es nicht vorwärts geht.

Bewegungsunfähigkeit

Das Schlimmste ist, dass wenn man sich dann mal entschieden hat, meistens von irgendwo ein guter Input reinpurzelt und die eben getroffene Entscheidung wieder in Frage stellt. Dann beginnt das Ganze nochmals von vorn. Aber was soll man tun, um das zu verhindern? Nicht mehr mit anderen Leuten sprechen oder dem Internet fernbleiben? Wohl kaum. An Entscheiden festhalten, obwohl neue Informationen vorliegen? Irgendwie auch schwierig. Dennoch können wir unmöglich alle irgendwie möglichen Faktoren bei unseren Entscheiden berücksichtigen und gleichzeitig jeweils Entscheide revidieren, wenn neue Informationen vorliegen. Ein Teufelskreis der zu Entscheidungsmüdigkeit und schlussendlich zu Bewegungsunfähigkeit führt.

Entscheidungsmüdigkeit kann zu Immobilität führen

Mögliche Lösungsstrategien bei Entscheidungsmüdigkeit

In diesen Situationen, die ziemlich rasch zur Überforderung führen können, ist das Wissen um mögliche Lösungsstrategien wichtig. Um mit unseren Projekten vorwärtszukommen und nicht in eine Agonie zu verfallen, wenden wir situativ eine oder mehrere der folgenden Methoden an:

Delegation

Bei Entscheidungsmüdigkeit wird empfohlen, Entscheide zu delegieren. Das Frage bei uns ist: An wen, wenn es beiden genau gleich geht? Wir setzen dann zum Beispiel auf einen Experten (ein anderer Segler) unseres Vertrauens oder die Schwarmintelligenz (mehrere andere Segler).

Entscheide bestätigen

Wenn nach einem Entscheid neue Informationen auftauchen, hilft es uns, den Entscheid nochmals bewusst zu bestätigen. "Jawoll, mit den neuen Infos würden wir vielleicht anders entscheiden, aber wir hatten alle Option abgewogen und bleiben nun dabei. Wir gehen das "Risiko" ein, dass es möglicherweise eine bessere Option gegeben hätte."

Die Vogelperspektive kann helfen, Entscheidungsmüdigkeit zu überwinden.

Die Vogelperspektive einnehmen

Bei einem grösseren anstehenden Entscheid hilft es, einen Schritt zurück zu machen und die Situation von aussen zu betrachten. Dann fragen wir uns: Wird unser Boot aufgrund des Entscheids sinken oder entsteht dadurch ein Sicherheitsrisiko (Brand, Verdursten, etc.)? Wenn die Antwort Nein ist, dann lohnt es sich, nicht allzu lange darüber nachzudenken und einfach zu entscheiden.

Perfektion vs. gut genug prüfen

Die Perfektionsfalle lauert bei uns hinter jeder Ecke und führt durchaus dazu, dass wir uns nicht entscheiden können. Wir wollen jeweils die beste Option auswählen, obwohl oft "gut genug" absolut ausreichend ist. Die Frage, ob wir nun die 100% oder die 80% Lösung anstreben, enthüllt die Falle.

Die Permanenz der Entscheidung prüfen

Und wo gehobelt wird, fallen auch Späne – Fehler passieren. Die Frage ist hier: Wie einfach können wir in der Zukunft einen möglichen Entscheidungsfehler wieder ausbessern? Wenn es einfach ist, ist der Fall klar. Just do it.

Unwichtige Entscheidungen ausklammern

Eine weitere Entlastungsmöglichkeit ist, zu überlegen, ob ein Entscheid sowohl wichtig als auch dringend ist (Eisenhower-Prinzip). Wenn beides nicht zutrifft, können wir diesen getrost ausklammern. Denn der Fokus sollte auf den wichtigen Entscheiden liegen – das ist aber nicht immer einfach!

Gesund bleiben

Um geistig und körperlich gesund zu bleiben und nicht entscheidungsmüde zu werden, müssen wir unsere Batterien regelmässig aufladen. Gutes Essen, genügend Bewegung und auch mal ein bisschen Abstand tragen massgeblich dazu bei – der Campingtrip in die Wüste, Yoga am Morgen in der Cruisers Lounge, Online Playdates mit Freunden aus der Schweiz oder frische, selbstgemachte Tacos. Manchmal fällt es uns jedoch schwer, die richtige Balance zu finden.

Die Vision nicht vergessen

Warum machen wir das hier alles überhaupt? Den Blick auf das langfristige Ziel, die Vision zu werfen, kann helfen, das Motivationsloch zu überwinden und wieder entscheidungsfreudiger zu werden. Nur sollte man nicht vergessen, das regelmässig zu tun. Wir stellen uns dann vor, wie wir mit unserem eigenen Zuhause die Welt erkunden… Wunderbar!

Und wenn nichts von alledem hilft, machen wir Feierabend und gönnen uns ein Bier. Seltsamerweise hilft das immer. Bier ist Entscheidungswasser.

Welche Strategien hast du gegen Entscheidungsmüdigkeit? Lass es uns in den Kommentaren wissen.

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4 Comments

Prima Blog! Bei den Entscheidungshilfen fehlt etwas das System – weg von dringend zu wichtig und um die Müdigkeit in Griff zu bekommen ist eben Ernährung, Sport und Ruhepausen auch wichtig. Aber ansonsten Hut ab! Ihr habt schon viel Mumm!

Lieber Kajetan, vielen Dank für dein Feedback! Wir haben deinen Input in den Text aufgenommen, denn Gesundheit und Priorisierung gehören richtigerweise ebenfalls zu möglichen Lösungsstrategien. Liebe Grüsse, Patricia

Hallo Patricia
Das habe ich letztens im Magazin der BAZ gelesen. Fand ich noch gut. Viel Erfolg und Durchhaltewillen bei euren Entscheiden!

«An unseren Gedanken leiden wir mehr als an den Tatsachen», schrieb Seneca der Jüngere. Es ist ein schöner Satz. (Hätte es damals T-Shirts gegeben, hätte man sie vermutlich mit dem Spruch bedrucken und ein paar Sesterzen damit verdienen können.)

Aber es ist mehr als bloss ein Spruch. Der Satz steht am Anfang einer der berühmtesten stoischen Übungen, der praemeditatio malorum. Eine Art Visualisierungstechnik, bei der man sich das denkbar Schlimmste ausmalt, das absolute Worst-Case-Szenario in all seinen düsteren Details, damit man gewappnet ist für das, was kommen könnte.

Es ist ein wenig wie umgekehrte positive Psychologie: Nicht auf das Gute fokussieren, nicht das Positive sehen, sondern sich die Zukunft tiefschwarz ausmalen, damit man dann positiv überrascht ist, wenn sich herausstellt, dass, was kommt, tatsächlich bloss dunkelgrau ist.

2000 Jahre später machte der Unternehmer Tim Ferriss daraus eine kluge Drei-Schritt-Methode, die wir häufig anwenden, wenn wir vor einer grossen Entscheidung stehen und unsicher sind. Also völlig egal, ob Sie um eine Gehaltserhöhung fragen wollen, den Job wechseln, eine Ferienwohnung erwerben, eine Beziehung beenden – nehmen Sie immer erst mal drei A4-Seiten zur Hand.

1. Was wäre, wenn…Auf der ersten Seite notieren Sie links in mindestens zehn Punkten, was alles schiefgehen könnte. Das ist Ihre Worst-Case-Liste. Seien Sie genau, gründlich und düster. Malen Sie sich in allen Details aus, welche Katastrophen drohen. Sie werden schnell sehen: Vielen schliessen sich aus. Das Haus kann nicht zeitgleich brennen und der Keller überfluten.

Notieren Sie dann in der Mitte zu jedem der zehn Punkte, was Sie unternehmen können, um die Katastrophen zu verhindern oder wenigstens die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass sie eintreffen. Notieren Sie anschliessend rechts, was Sie machen können, falls die Katastrophen tatsächlich eintreffen sollten. Wie könnten Sie den Schaden reparieren? Wen könnten Sie um Hilfe bitten? Fragen Sie sich: Hat schon mal jemand vor Ihnen dasselbe erlebt und, wenn ja, wie hat sie oder er das Problem gelöst?

2. Der potenzielle GewinnAuf dem zweiten Blatt Papier notieren Sie links: Was versprechen Sie sich, wenn es gut ausgeht? Und rechts: Was, wenn es teilweise gut ausgeht? Also was glauben Sie, dass Sie gewinnen werden – finanziell, intellektuell, emotional, körperlich, kurzfristig, langfristig? Lassen Sie sich ein bisschen Zeit bei dieser Übung.

3. Die Kosten der Untätigkeit
Die dritte Seite ist die wichtigste. Wir Menschen sind sehr gut darin zu überlegen, was schiefgehen könnte, wenn wir etwas Neues versuchen (Übung 1). Und viele von uns sind auch nicht schlecht darin, sich eine rosige Zukunft auszumalen (Übung 2). Was uns schwerer fällt: uns vorzustellen, was passiert, wenn nichts passiert. Wenn wir also etwas nicht unternehmen. Deshalb notieren Sie sich auf dem dritten Blatt: Was passiert, wenn ich mein Vorhaben nicht umsetze. Wie sieht dann mein Leben aus? In sechs Monaten. In zwölf. In drei Jahren. Und wieder, en detail: finanziell, psychisch etc.

Der Sinn der Übung:
Statt Sorgen im Kopf zu wälzen, bringt man sie aufs Papier (Teil I).
Statt diffuse Erwartungen zu hegen, bringt man sie aufs Papier (Teil II).
Statt sich zu sorgen, was schiefgehen könnte, bringt man aufs Papier, was passieren würde, wenn man das Risiko nicht eingeht (Teil III).

Mikael Krogerus ist «Magazin»-Redaktor, Roman Tschäppeler ist Kreativproduzent. hallo@guzo.ch

Danke, lieber Oliver.
Diese Methode von Tim Ferriss ist in der Tat super! Ich habe sie in etwas abgewandelter Form angewendet, um die Risiken für diese Schiffsidee zu analysieren.
Liebe Grüsse
Patricia

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