3-Sterne-Erfahrung in Guaymas

Nach der raschen Einwasserung freuten wir uns über ein bisschen Zeit vor Anker, bevor wir uns ein paar Projekten in der Marina Fonatur in Guaymas widmen wollten. Doch es kommt wieder einmal alles ein bisschen anders als geplant. Wir erleben und erfahren allerhand Dinge, feiern Davids Geburtstag, lernen tolle Leute kennen und müssen uns schon wieder von Claudia verabschieden.

Am Morgen nach der erfolgreichen Einwasserung packten wir direkt wieder unsere sieben Sachen. In unserem Fall bedeutete dies: unsere Abfahrtscheckliste abarbeiten. Ist alles sicher verstaut? Sind alles Luken geschlossen? Ist das Grosssegeln bereit zum Hissen? Haben alle Sonnencreme eingeschmiert und gefrühstückt? Wie ist der Ölstand des Motors? Als alle Punkte abgehakt waren, lichteten wir den Anker und machten uns auf den Weg zur rund 3 Stunden entfernten Bahia Catalina. Dort wollten wir uns vor den starken Nordwestwinden verstecken, die für die kommende Woche vorhergesagt waren.

Nicht alleine

In unserer Vorstellung sind immer alle Ankerbuchten frei und wir können genau dort ankern, wie wir es geplant hatten. Das ist natürlich selten der Fall, so auch in der Bahia Catalina. Natürlich hatte es ein Segelschiff in der Bucht, das genau dort geankert hatte, wo wir hinwollten. Ist ja auch kein Wunder, denn bei der Auswahl des Ankerplatzes werden immer dieselben Aspekte berücksichtigt: Untergrund, Tiefe, Schwojkreis und erwartete Windrichtung und somit Schutz. Also wählten wir den aus unserer Sicht zweitbesten Ort.

3-Sternebucht

Es war eine schöne Bucht im typischen Stil der Sea of Cortez mit kantigen Felsformationen in verschiedenen Rottönen mit vereinzelten Kakteen. Es gab da nur ein kleines Problem. Je nach vorherrschender Windrichtung wehte ein beissender Gestank durch die Bucht. Wie wir später herausfanden, war der Übeltäter eine Fabrik hinter dem Hügel, die Fischmehl aus Sardinen für Fischzuchtfutter herstellte. Das gibt einen Abzug von 2 Sternen in der Gesamtbewertung.

Dinghylepra

Wenn es dann mal nicht stank, widmeten wir uns unserem Dinghy. Denn im Verlauf der letzten Saison gab der Kleber an vielen Stellen nach. So hatten unser Dinghy am Ende der Saison nur noch eine Ruderhalterung, zwei von vier Hebegriffen fehlten, der Kiel verlor Luft, und so weiter. In Seglermund wird das auch Dinghy-Lepra genannt. Mit Vinylzement, denaturiertem Alkohol, Schleifpapier und Klammern bewaffnet, flickten wir (also haupsächlich Claudia) unser Beiboot Stück für Stück wieder zusammen – dies während mehreren Tagen!

Kuriositäten

Ansonsten frönten wir dem Seglerleben. Lesen, entspannen, Spiele spielen, Musik hören, kochen, Schiff reparieren. David und Claudia packten auch das Kajak aus, um die Bucht zu erkunden. Dinghy fahren war ja nicht. Das Fazit diverser Erkundungstouren zu Fuss und unter Wasser war, dass es sicher einmal schön war, doch dass der Mensch alles zerstört hat. Es lag tonnenweise Abfall herum und die Riffe waren ausgestorben. Am Strand fanden sich Reste von viel zu kleinen filetierten Drückerfischen und eine Kuriosität. Ein Teil eines Marinadocks lag quer über dem steinigen Ufer. Wo das wohl herkam?

Es ist kühl

Der Nordwind kam wie vorhergesagt und machte uns das Leben teilweise etwas unbequem. Der Wind riss am Schiff – natürlich meistens nachts – und die Leinen knarrten. Ausserdem war der Wind eisigkalt. Warme Socken und dicke Decken mussten schleunigst ausgepackt werden. Auch kühlte so das Meer auf 18°C ab, was mich und auch David nicht unbedingt zum Schwimmen einlud. Claudia liess sich nicht davon abhalten und sprang sogar nach Sonnenuntergang ins kühle Nass, um mit eigenen Augen die Biolumineszenz zu erleben.

Verrückter Kletterer

Eines Abends kurz vor Sonnenuntergang erlebten wir ein Schauspiel, das wir lieber nicht hatten erleben wollen. Ein Mexikaner lief laut fluchend am Ufer entlang, und vom Wortfetzen ‚Gringo‘ schlossen wir darauf, dass er wohl uns damit meinte. Plötzlich begann er, nur in Shorts bekleidet, die steile Felswand hinaufzuklettern. Lose Steine lösten sich immer wieder und donnerten auf das steinige Ufer. Unterwegs rutschen ihm seine Shorts immer wieder auf die Knöchel runter. Uns wurde es immer mulmiger zumute, denn sollte er runterfallen, konnten wir vom Schiff aus nichts für ihn tun. Doch er schien seiner Sache sicher zu sein und kletterte laut fluchend immer weiter hinauf, machte mal hinter einem grossen Kaktus Pause, und oben angekommen kletterte er wieder hinunter. Wir waren erleichtert, als der Spuk endlich vorbei war und der fluchende Mexikaner von dannen zog.

Es geht weiter

Nach fünf Tagen in der Bucht nutzen wir einen ruhigen Tag, um in einer kleinen Marina ums Eck zu docken. Vom Hörensagen war diese Marina in schlechtem Zustand und sehr billig. Aber David hatte eine Woche zuvor einen Isländer getroffen, der mit seinem Schiff dort weilte, und er meinte, dass es nicht so schlimm sei. Also wollten wir uns das mal anschauen und auf Google Maps sah es ganz ok aus. Als wir loswollten, sprang aber unser Motor nicht an. Wir hörten nur, wie der Anlasser aufheulte, doch Burrito machte keinen Wank. Nach dem zehnten Versuch sprang der Motor dann doch an und wir wussten, dass wir uns nun definitiv näher mit diesem Problem beschäftigen mussten, denn dasselbe war schon beim Einwassern passiert.

Zerstörung pur

Als wir uns dem ‚Muelle El Mero‘ näherten, stellen wir fest, dass es nicht mehr so aussah, wie auf Google Maps und nun wussten wir auch, woher dieses angeschwemmte Dock in der letzten Bucht stammte. Der Hurrikan diesen Sommer hatte einiges an Zerstörungsarbeit geleistet. Von ursprünglich fünf langen Docks waren noch drei übrig, und eines davon war extrem verkürzt. An einem der zwei längeren Docks standen schon andere Segler bereit, die uns zeigten, wo wir anlegen konnten. David manövrierte Milagros einwandfrei an das Dock und wir wurden freundlich begrüsst. Sobald wir das Schiff festgebunden hatten, schauten wir uns den Zustand der Einrichtung etwas genauer an und schauten gleich wieder weg.

Sterneabzug

Was wir sahen, gefiel uns nämlich nicht sonderlich. Herausstehende Bolzen und gebrochene Verstrebungen waren nur die offensichtlichsten Mängel. Dazu kam kein Strom, kein Wasser und keine Santitäranlagen, sowie kein Handyempfang. Das gäbe glatt eine 1-Stern-Bewertung, doch für den günstigen Preis von CHF 3.50 am Tag gibt’s noch einen halben und für die netten Leute einen weiteren Stern dazu, damit wären wir bei grosszügigen 2.5 Sternen. Nun gut, wir wollten eh bald weiter in die Marina Fonatur in Guaymas, die sich ein paar Meilen nördlich davon befand, jedoch aktuell keine Plätze frei hatte.

Ein düsterer Ausblick

Wir waren aus drei Gründen hier: eine Materiallieferung, Davids Geburtstag und Claudias Abreise – in genau dieser Reihenfolge. Damit wir unsere bestellten Ersatzteile abholen konnten, gab uns der Isländer Tyr die Nummer von César, seines Taxifahrers des Vertrauens. Auf dem Weg zum Abholort erfuhren wir von César, dass er einst für die Meeresschutzbehörde in Guaymas gearbeitet hatte. Er verlor seinen Job, als sie das Büro nach La Paz verlegten.

Er erzählte uns von den Problemen der Fischer und des Meereszustands. Dass früher mit einer Falle 10kg Krabben gefangen werden konnten, und es heute 100 Fallen für dasselbe Ergebnis brauchte. Dass die Crevettenfischer mit ihren Schleppnetzen alles zerstörten und ganze Generationen von Fischen auslöschten, wenn sie die Laichgründe erwischten. Und dass der Fang der Sardinenfischer zu Fischmehl verarbeitet wird, das wiederum in den Fischzuchten als Futter verwendet wird. Das ganze System ist am A****.

Wassertag

Als wir durch die Strassen von Guaymas Richtung San Carlos fuhren, hatte es in einem ganzen Quartier Wasserlachen am Boden. César erklärte uns, dass der Samstag dort der Wassertag war. An allen anderen Tagen der Woche war der Hauptwasserhahn zugedreht. Es gäbe zu viele Lecks in den Wasserrohren und generell zu wenig Wasser. Bei ihm im Quartier hätten sie immer dienstags und donnerstags fliessend Wasser. In der restlichen Zeit kam das Wasser aus grossen Tanks von den Dächern der Häuser. Das war eine sehr spannende Taxifahrt.

Geburtstagszeit

Tyr, ein begnadeter Gitarrist (auch Linkshänder wie David) spielte jeden Sonntag ein paar Songs mit einer Band im ‚Hair of the Dog‘ in San Carlos. Wir entschlossen uns spontan dazu, Davids Geburtstag dort zu feiern. Gemeinsam mit anderen Seglern verbrachten wir einen tollen Abend mit vielen Highlights. Unter anderem durfte David bei zwei Songs mit den talentierten Musikern der Coverband ‚The Dudes‘ das Schlagzeug übernehmen.

David und Tyr spielen zusammen

Abschiedszeit

Zwei Tage später mussten wir uns leider bereits von Claudia verabschieden. Die Zeit mit ihr ist wie im Flug vergangen. Mit ihrer Hilfe hatten wir viele Unterhaltsarbeiten von der To-Do-Liste streichen können, unter anderem hatte sie ein dringend benötigtes Ersatzteil bei unserer Ankerwinsch eingebaut. Wir haben Claudia nach ihren persönlichen Highlights und Lowlights gefragt. Sie meinte, sie könnte sich an das Leben auf dem Schiff gewöhnen: Die tollen Leute, die man kennenlernt und das lockere, spontane und vielseitige Leben gefielen ihr besonders. Neben dem Abwasch von Hand, den irgendwie niemand so richtig mag, gefiel ihr nicht, dass sie sich nach knapp 3 Wochen Schiffsleben schon wieder ins Flugzeug nach Hause setzen musste. Es war schön, das Seglerleben mit jemandem von zuhause live teilen zu können. Toll, dass du da warst!

Es kommt wieder mal anders

Eigentlich wollten wir ja schnell wieder von ‚El Mero‘ verschwinden. Doch als wir uns dem Anlasserproblem widmeten und mithilfe von Lucas, einem polnischen Segler, Bewohner von 'El Mero', Besitzer vom Segelschiff ‚Meine Schatze‘ und Elektroexperte, die verschiedenen Fehlerquellen analysierten, stellte sich heraus, dass nicht der Solenoid und nicht die Kabel, sondern der Anlasser selbst das Problem war. Das bedeutete, dass das Teil ausgebaut und revidiert werden musste. Somit waren wir auf unbestimmte Zeit motorenlos und mussten zwangsläufig noch länger in ‚El Mero‘ bleiben.

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