Ein Jahreswechsel, der es in sich hatte

Nun da Milagros im Wasser ist, können wir los segeln. Haha, was für ein Witz. Die Arbeit geht weiter. Wir bereiten Milagros und uns auf unsere erste grosse Fahrt vor. Ausserdem machen wir einen Road Trip und meine Eltern kommen zu Besuch. Das volle Programm über den Jahreswechsel.

Arbeit am Mast

Die Arbeit am Schiff geht weiter – nur mit netterer Aussicht. Und David hatte das Vergnügen, die Aussicht aus einer etwas anderen Perspektive zu betrachten. Nämlich aus 16 m Höhe vom Masttop. Und dies ganze drei Mal. Wie du dich vielleicht erinnern magst, hatten wir etwas beim Navigationslicht nicht ganz richtig montiert. Zudem mussten Windex und Windmesser installiert werden, und ein paar andere kleinere Dinge erledigt werden.

Aussicht von oben

Den mehrfach gesicherten David, ausgerüstet mit allerlei Werkzeug, kurbelte ich an einer Winsch hoch. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, doch was sein musste, musste sein. Oben angekommen waren die beiden Windinstrumente schnell montiert – gegeben den widrigen Umständen von eingeschränkter Bewegungsfreiheit und Höhe. Das Navigationslicht kam mit runter, damit wir es inspizieren konnten. Schnell stellten wir fest, dass wir nicht etwa die 3-farbige LED-Birne 180° verkehrt eingesetzt hatten (das geht nämlich gar nicht), sondern schlichtweg die Basis um 60° gedreht montiert hatten. Wie dumm!

Glück gehabt

Unsere Gedanken begannen zu rotieren und wir fingen schon an zu fluchen. Von allem, was wir hätten falsch machen können, war dies das mühsamste! Dann hatten wir aber die Idee, anstatt der 3-farbigen eine weisse Birne einzusetzen und einfach das farbige Gehäuse um 60° zu drehen. Dann mussten wir die Basis nicht neu verschrauben. Gesagt, getan, und tatsächlich – es funktionierte! Noch mal Glück gehabt!

Weihnachtsparade

Weihnachten stand vor der Tür und obwohl wir beide nicht die Weihnachtsfanatiker sind und nicht schon ab dem 1. Dezember Mariah Carey hören und alles festlich schmücken, haben wir uns trotzdem die Schiffsweihnachtsparade angeschaut. Diese fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Etwa 20 grosse und kleine Motorboote, Einrumpfer, Katamarane und Nussschalen verliessen kurz vor Sonnenuntergang den Hafen, drehten draussen eine Runde und kamen im Dunkeln bunt geschmückt zurück. Manche beschallten das Hafenbecken mit weihnachtlichen Tönen, andere liessen Feuerwerk ab. Es war ein ziemlich toller Anblick, zumal auch noch Vollmond war.

Weihnachtsbäckerei

Und natürlich mussten wir auch «guetzle». So widmeten wir einen Tag der Weihnachtsbäckerei und stellten Spitzbuben-Sandwiches, Zimtstern-Carrés und Mailänderli-Kugeln her. Es schien zuerst, als hätten wir es mit der Menge komplett übertrieben – was auch so war – jedoch waren keine 5 Tage später alle weg. Für das Weihnachtsbuffet im Cabrales Boatyard hatte es aber noch gereicht.

Hisst die Segel

Als nächstes waren unsere Segel dran, schliesslich mussten wir in der Bugkabine Platz machen, denn meine Eltern hatten sich zum Besuch angemeldet. Als erstes hissten wir an einem windstillen Nachmittag unsere Genua (Vorsegel). Sie sah noch aus wie neu, was sie mit ihren 3 Jahren auch ist, und hatte quasi Bügelfalten, da sie über ein Jahr zusammengefaltet unter Deck lag. Alles funktionierte ziemlich reibungslos, abgesehen davon, dass die zum Fockroller gehörende Winsch dringend einen Service benötigte. Wenn wir das nächste Mal auf den Mast klettern, werden wir oben noch kontrollieren, ob auch wirklich alles so sitzt, wie es sollte.

Diese Faulenzer wieder

Am Tag drauf hissten wir das Grosssegel, was sich etwas mühsam gestaltete, da die sogenannten "Faulenzer" (Leinen, die diagonal zwischen Mast und Baum gespannt sind, und das Segel beim Segelbergen führen) im Weg waren. Als wir diese entfernt hatten, ging es leichter, doch als wir das Segeln fast oben hatten, kam ein leichter Wind von der Seite auf, was es wieder mühsam machte. So verschoben wir das Einfädeln der Reffleinen. Also hissten wir das Segel tags darauf nochmals; nun ist alles bereit.

Es läuft wie geschmiert

Wir wollten eigentlich nur ein paar Tage in dieser Marina (Safe Marina) bleiben, und dann in eine andere (Fonatur) wechseln. Aber wie das halt so ist, ändern sich Pläne. So werden wir voraussichtlich bis zu unserer Abreise in der Safe Marina bleiben. Der grosse Nachteil: kein Landstrom. Das bedeutet auch, dass ich nicht staubsaugen kann, da sich die bei unserem Inverter noch zu installierende 300 Ampere Sicherung erst auf dem Weg zu uns befindet. Deshalb war ich umso froher, als wir unseren kleine Benzingenerator testeten und er auf Anhieb funktionierte. Das gab mir die Möglichkeit, ihn gleich ein bisschen zu testen und das ganze Schiff staubzusaugen. Während David unser neues Kajak aufpumpte, machte ich das Schiff innen für den Besuch meiner Eltern bereit.

Eine kleine Spritzfahrt

David pumpte auch noch unser Dinghy auf. Wir wollten nämlich einerseits wissen, ob es noch immer dicht war, und andererseits waren wir bei einer holländischen Familie auf einem Katamaran am anderen Ende des Hafenbeckens auf einen Feierabenddrink eingeladen. Zum Glück sprang auch der Aussenborder direkt an, so stand unserer kleinen Spritzfahrt nichts mehr im Weg.

Ein Road Trip

Da meine Eltern nach 15 Tagen segeln mit meiner Schwester von La Paz nach Tijuana flogen, nutzen wir die Gelegenheit, um in Ensenada unsere Freunde Steven, Susanne und Max zu besuchen. Die Route führte uns durch die ziemlich karge Wüste im Biosphärenreservat "El Pinacate y Gran Desierto de Altar". Dann durch das ehemalige Flussdelta des Colorado Rivers, eine fruchtbare Gegend mit viel Landwirtschaft. Der Colorado River ist der Fluss, der auch durch den Grand Canyon fliesst und 40 Millionen Amerikaner mit Trinkwasser versorgt. Weil auf seinem Weg so viel Wasser aus dem Fluss entnommen wird, kommt im Delta mittlerweile kaum mehr was an.

Der Wächter

Der letzte Teil führte uns und unseren Mietwagen über die Peninsular Ranges, eine Gebirgskette die sich über 1500 km von Südkalifornien bis an die Spitze der Baja California erstreckt. Nach 600 km und rund 7 Stunden Fahrt erreichten wir endlich Ensenada. Wir gönnten uns als erstes die besten Ceviche Tostadas der Welt von "El Güero". Danach fuhren wir zu der Marina, wo wir Milagros damals gekauft hatten und wurden – wer hätte das gedacht – am Gate nicht hereingelassen. Diese Erfahrung wiederholte sich nun zum vierten Mal. Die Mail mit unserer Anmeldung, die Steven an das Office geschickt hatte, hatte es nicht bis zum Wächter geschafft.

Wie in alten Zeiten

Ein bisschen Warten später klärte sich dann die Situation und wir wurden hereingelassen. So stand dem Wiedersehen nach mit Steven, Susanne und Max nach 14 Monaten nichts mehr im Weg. Wir liessen den Tag mit einem Bier und Tacos ausklingen und durften bei Steven und Susanne auf ihrer Tranquila übernachten. Am nächsten Morgen lud uns Max auf seine Galena ein und überraschte uns mit Frühstück, Tee und Kaffee. Wie «in den alten Zeiten» verging auch hier die Zeit im Flug und schon bald war es wieder Zeit, Abschied zu nehmen.

Tijuana

Wir machten uns auf den Weg nach Tijuana, um meine Eltern vom Flughafen abzuholen. Die knapp 2-stündige Fahrt war sehr eindrücklich, vor allem in der zweiten Hälfte, wo die Ausläufer der Grossstadt sich in Form von Slums und Häusern soweit das Auge reichte bemerkbar machten. Die Parkplatzsituation am Flughafen war auch sehr interessant. Nach einer Ehrenrunde parkierten wir entlang der Schnellstrasse mit Blick auf den rostigen Grenzzaun zu den USA. Nach kurzem Warten konnten wir endlich meine Eltern in Empfang nehmen.

Mexikanische Bauart

Spontan entschlossen wir uns dazu, nochmals eine Nacht in Ensenada zu übernachten. Uns war nicht bewusst, wie bald es dunkel sein würde. Vor allem den letzten Abschnitt durch die Wüste mit vielen Schlaglöchern und ohne Handyempfang wollten wir nicht im Dunkeln fahren. Und wir wollten meinen Eltern auch nicht die schöne Landschaft vorenthalten. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir das airbnb Apartment. Die Aussicht aufs Meer war zwar nett, aber Zustand der Wohnung war eher typisch mexikanisch: Auf den ersten Blick sehr hübsch, auf den zweiten Blick wurden hier und da beim Bau und beim Unterhalt Abkürzungen genommen. Das zeigte sich dann auch am nächsten Morgen nach starken Regenfällen in der Nacht. An einigen Stellen kam der Putz von der Decke runter. Und die Haustür konnte von innen auch nicht abgeschlossen werden.

Landschaftliche Veränderungen

Wir deckten uns nach Sonnenaufgang mit Kaffee und Snacks ein und machten uns auf den Weg nach Puerto Peñasco. Es war sehr spannend, nochmals die Veränderung der Natur zu beobachten, diesmal in die andere Richtung. Die Landschaft änderte sich praktisch alle halbe Stunde: Von Palmen, üppig grün und farbig, über nur noch grün mit Kakteen, steinig und buschig zu sandig und karg innert wenigen Stunden. Die Gewitterwand der Nacht musste in Richtung Peñasco weitergezogen sein, denn etwa 150 km vor unserem Ziel, wo wir auf den letzten Teil unserer Strecke in das Biosphärenreservat abbiegen sollten, war die Strasse durch einen grossen See blockiert. Erst dachten wir schon, dass wir umkehren mussten, was uns nicht sonderlich erfreute. Doch das Militär war da und zeigte uns, wo wir den See gefahrlos durchkehren konnten.

Wasser überall

Als Peñasco langsam in Sicht kam, sahen wir die immense Regenwand, und als wir wieder Empfang hatten, kamen die Bilder aus Peñasco rein. Alles war überschwemmt und Stromausfall hatte es auch. Wir stellten uns schon auf das Schlimmste ein, doch wir schafften es ohne abzusaufen zu der Marina. Zurück an Bord erwartete uns Milagros mit einer Überraschung: Lecks im Deck. Willkommen zurück!

Entlang dem Mast, bei der Lüftung im vorderen WC, an der Luke in der Bugkabine, beim Gasschlauch und im Cockpit bei der Not-Bilgenpumpe kam Wasser rein (von der Menge her in der Aufzählung in absteigender Reihenfolge). Na gut, jetzt wissen wir’s. Und alles ist versiegelbar. Also no problemo. Wir wischen auf so gut es ging und gingen Pizza essen. Schliesslich war auch noch Sylvester. Da wir alle müde waren von der Reise, erlebten wir den Jahreswechsel nicht.

Schwupp ins neue Jahr

Unser Ziel war ja schon, dass meine Eltern die volle Mexiko- und Bootserfahrung erhielten. Mit Sonne, 25°C, La Paz erkunden, auf der Anila segeln, in der Baja schnorcheln und mit Seelöwen schwimmen hatten sie schon die eine Seite erlebt. Hier in Peñasco konnten wir vor allem die andere Seite des Spektrums anbieten: Regen, nachts unter 10°C, Schlaglöcher, Abwassergestank, Wüste, Schiffsorgen und Bootsprojekte. Das neue Jahr starteten wir direkt mit letzterem.

3 Projekte

Wir hatten deren 3 auf der Liste: ein Wasserabflussloch in den Mastfuss bohren, zwei 12V-Steckdosen montieren und verkabeln und die Lecks abdichten. Das hörte sich wie immer einfach an, aber es ist ein Schiff, deshalb war dem nicht so. Und auch mein Vater, der erfahrene Heimwerker, fiel drauf rein. Schon alleine beim Lochbohren artete es aus. Wir hatten den Verlust eines Bohrers zu beklagen und mussten kreativ eine Lösung finden. Und bei der Verkabelung mussten wir ganz klassisch das halbe Schiff auseinandernehmen.

Die Ebbe ist niedrig

Rund um den Jahreswechsel stand auch eine besonders niedrige Ebbe an. So niedrig, dass unser Schiff den Grund berührte. Unser Tiefgang ist 1.93 m und wir massen am Tiefpunkt eine Wassertiefe von 1.70 m. Das war schon beängstigend, aber da der Grund schlammig ist, eigentlich auch nicht weiter schlimm. Ich hatte mich nur gefragt, ob das Schiff wohl auf die eine oder andere Seite kippen würde. Aber etwas dagegen machen konnten wir nicht. Also Augen zu und durch. Und weisst du was? Es ist genau gar nichts passiert.

Peñasco Touriprogramm

Den letzten Tag vor der Abreise nutzten wir nochmals richtig aus. Was natürlich ganz wichtig war: Kein Peñasco ohne Apfelkrapfen von Candy Cake. Diese holten wir uns auf dem Weg zu den Dünen. Auf der Fahrt durch Peñasco mussten wir noch einigen übriggebliebenen Seen ausweichen. Die Wanderung durch die Dünen war superschön, und wir waren praktisch alleine. Danach schlenderten wir über den Malecon und genossen den Sonnenuntergang mit einer Margarita. Zum Abendessen gab es Spaghetti an einer selbstgemachten Tomatensosse mit frischen Jakobsmuscheln und Crevetten. Mmmmh.

Auf Wiedersehen

Und schon war es wieder an der Zeit, Tschüss zu sagen. Es war toll, meinen Eltern das Schiff zeigen zu können und wo wir das letzte Jahr gewohnt hatten. Es hat Spass gemacht, aber war viel zu kurz!

Wir wünschen dir nur das Beste im neuen Jahr! Und denke daran: Falls du eine Auszeit brauchst, kannst du uns jederzeit besuchen kommen!

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