Die Stille der Wüste

Milagros steht in unserer Ecke des Boatyards und ist mit ihrer auffällig gescheckten Hülle ein Blickfang. Seit nun mehr 6 Wochen ist sie komplett nackig und es scheint sich von Weitem betrachtet nicht viel verändert zu haben. Doch obwohl es nicht so aussieht und es sich in keinerlei Weise so anfühlt, machen wir Fortschritte. Und wir besuchen die Dünen im UNESCO-Weltnaturerbe Biosphärenreservat "El Pinacate y Gran Desierto de Altar".

Wir haben es geschafft – Foto von Marla

Die Blister sind Geschichte

Wir haben zahlreiche Bohrlöcher mit verdicktem Epoxidharz gefüllt und unzählige Osmoseblasen angeschliffen und geglast. In kleinsten Rondellen und mühseliger Kleinstarbeit haben wir rund 8 Quadratmeter Fiberglasstoff am Unterwasserschiff verbaut. Der 26. März war deshalb ein richtiger Freudentag, denn nach zähen 3 Wochen quasi nicht enden wollenden Fiberglasens konnten wir endlich einen Strich darunterziehen. Wir hatten fertiiiiiiig! Also, nun ja, die Osmoseblasen hatten wir fertig geglast. Damit wir mit dem Spachteln beginnen können, müssen die nicht mehr gebrauchten Borddurchlässe geschlossen und die Naht entlang der Hülle verstärkt werden.

Verstärkung der Naht

Beim Bau vor 43 Jahren wurden die beiden Schiffshälften von innen mit Fiberglas miteinander verbunden, aber von aussen nur zusammengekittet. Der Kitt in dieser Naht ist mittlerweile etwas in die Jahre gekommen und deshalb brüchig. Um dort das Eindringen von Wasser zu verhindern, füllten wir die Risse mit verdicktem flexiblem Epoxidharz. Danach verstärkten wir die Naht mit zwei verschieden breiten Streifen Fiberglas – auf Anraten von Marga einmal 5 cm und einmal 10 cm breit. Eigentlich wollten wir die beiden Lagen aus unserem 7 ½ oz Stoff selbst zuschneiden. Nachdem wir die Länge der Naht gemessen hatten, stellten wir fest, dass der Stoff nicht reichen würde. Händler Cavu Dave hatte zum Glück eine 10 Meter Rolle von 10cm breitem Fiberglasband im Angebot. Gesagt, getan oder gekauft, geglast.

Geht das auch alleine?

Ich habe mich an einem Tag für ein paar Stunden alleine an die Naht gewagt, da Dave einen wichtigen Termin hatte. Er war mit seinen Kumpels aus der Schweiz zum online gamen verabredet. Das Glasen selbst erforderte etwas Vorbereitung und Koordination, da wir hier mit drei verschiedenen Epoxiden hantierten. Zu zweit geht das ziemlich gut, denn die Schwierigkeit besteht darin, immer genügend, aber nicht zu viel, vom richtigen Epoxid zur Hand zu haben.

Ein bisschen klebrig

Ich würde sagen, dass meine geglaste Naht ganz passabel ist. Aber: alles war danach klebrig – also wirklich alles, jedes einzelne Utensil. Denn um beispielsweise den 1m langen Streifen anzubringen, muss man ihn mit den Fingern andrücken. Das bedeutet Epoxid an den Handschuhen und danach überall. Weil es gewindet hat, ist natürlich auch der Becher mit Epoxidharz umgekippt und somit wurde der Pinselgriff epoxiert, und so weiter. Ich denke, du kannst dir etwa vorstellen, wie es war. Vielleicht wie Backen mit kleinen Kindern.

Wir sind stolz auf das Ergebnis

Die verstärkten Nähte konnten sich sehen lassen und wir klopften uns auf die Schultern. Gut gemacht Dave, gut gemacht Pati. Tap tap tap tap. Die drei Wochen Übung zuvor zahlten sich aus und auch Instruktor Cavu Dave war zufrieden. Es war gut, wieder einmal ein Erfolgserlebnis zu haben. Aber der Frust lauerte bereits hinter der nächsten Ecke.

Verschliessung der Borddurchlässe

Als nächstes waren unsere Borddurchlässe dran. Wir haben uns über mögliche Varianten zu deren Verschliessung schlau gemacht und mit ein paar Cruisern hier besprochen. Der Entscheid fiel auf eine Variante, bei der wir einen Pfropfen verwendeten, der etwa die Hälfte der Hüllendicke ausfüllte. Der Pfropfen sollte aus einem geeigneten Material bestehen. Das kann zum Beispiel G10, ein Hockdruck-Epoxidharzlaminat oder COOSA, ein beidseitig mit Fiberglas verstärkter Polyurethanschaum, sein. Auf dem Boot haben wir etwas gefunden, das wie G10 aussah. Perfekt.

Dellentheorie

Wenn der Pfropfen befestigt ist, werden von innen drei Schichten von 1708 Fiberglas verlegt. Nach 24 Stunden, wenn das Epoxid ausgehärtet ist, wird von aussen in einem Verhältnis von 12:1 zur restlichen Hüllendicke eine Delle ausgeschliffen. Diese wird danach mit einigen Lagen 1708 Fiberglas aufgefüllt, bis die Hüllendicke wiederaufgebaut ist. Konkret: Wenn die Hülle 2 cm dick ist und ein Pfropfen mit 1 cm Dicke eingesetzt wird, dann bleibt 1 cm der Hüllendicke übrig. Vom Lochrand aus werden dann 12 cm zurückgeschliffen, was bei einem Lochdurchmesser von 5 cm zu einer Delle mit einem Durchmesser von 29 cm führt.

Wie wir unsere Borddurchlässe schliessen wollten

Vorbereitung der Arbeit

Wir haben alle zu verschliessenden Löcher nummeriert, vermessen und mit einer Lochsäge die entsprechenden Pfropfen vorbereitet. Zudem haben wir in und um jedes einzelne Loch etwaige Rückstände des Dichtungsmaterials der alten Borddurchlässe entfernt, alle angeschliffen und mit Aceton gereinigt. Die Pfropfen wurden ebenfalls angeschliffen und mit Aceton gereinigt.

Für einmal keine Komplikationen

Wir haben uns dazu entschlossen, die Pfropfen mit verdicktem Epoxidharz in den Löchern zu befestigen, und danach von innen direkt die drei Schichten zu glasen. Auch wollten wir nicht alle Löcher am gleichen Tag schliessen, sondern erstmal nur vier, falls wir etwas falsch machten. Dave hat aussen die Rolle als Epoxidmischer und Pfropfeneinsetzer übernommen, und ich innen die der Glaserin. Am Ende des Tages betrachteten wir zufrieden unser Ergebnis und beschlossen, gleich die anderen Pfropfen auch noch einzusetzen.

Es war nämlich etwas mühsam, den Pfropfen direkt zu überglasen, da Dave ihn von aussen dagegen drücken musste, damit keine Luftblasen zwischen Pfropfen und Fiberglas entstanden. Mit Panzertape haben wir von innen die Löcher zugeklebt. So stellten wir sicher, dass die Pfropfen während dem Trocknen bündig zur Hülle innen angeklebt waren. Dann konnten wir tags darauf mit dem Fiberglasen fortfahren.

Zu früh gefreut

Tags darauf haben wir bei zwei Löchern testweise die Hülle bündig zum Pfropfen graduell zurückgeschliffen, sodass der Dellenrand etwa im Verhältnis von 12:1 zur Tiefe der Delle stand. Und irgendwie erschien uns eine der Dellen ziemlich steil. So fragten wir Inspektor Alegría Mike um Rat. Er war auch der Meinung, dass wir diese eine Delle noch etwas grösser und flacher machen sollten. Und zudem stellte er fest, dass das vermeintlich geeignete Pfropfenmaterial überhaupt nicht geeignet war. Ups. Die Arbeit eines ganzen Tages war also futsch. Alle Pfropfen mussten wieder raus! Die Lochsäge kam zum Einsatz und wir waren wieder bei null. So kam uns ein Campingtrip in die Wüste für Dogfish Margas Geburtstag ziemlich gelegen.

Ein Campingausflug

Der Ausflug zu den Dünen war für das Osterwochenende geplant. Es war gut, aus der Stadt rauszukommen, denn während der Osterwoche ist hier die Hölle los. Am Karfreitag zum Beispiel war Stau rund um den Boatyard bis spät abends. Die Party fand in und auf den Autos statt und alle wollten durch die Touristrassen nebenan fahren. Die Partymeile war vollgepackt mit Leuten und die Musik der Bars aufgedreht. Da wir nur eine unvollständige Campingausrüstung zur Hand hatten, liehen wir uns von anderen Cabralianos Zelt und Schlafsack und von unserer Bugkabine packten wir die Matratzen ein.

Ein kleiner Abstecher

Gemeinsam mit Dave und Marla von SV Cavu fuhren wir zum rund 35 km entfernten Campingplatz und deckten uns unterwegs mit dem Nötigsten ein (Wasser und Bier). Wir machten auch noch einen kleinen Abstecher zu Autozone. Alegrías Van war im Sand stecken geblieben und sie benötigten ein Abschleppseil. Gekauft haben wir dann doch keines, da der Pickup nachkommender Mitcampierer damit ausgerüstet war. Wir nutzen trotzdem die Gelegenheit und kauften Loctite, ein Metallklebestoff zur Schraubensicherung. Warum auch nicht? Als wir beim Campingplatz ankamen, stellen wir erfreut fest, dass wir alleine auf dem Platz waren. Keine anderen Menschen, nur wir 12 Segler und 3 Hunde. So konnten wir unser Lager aufbauen, wie es uns beliebte.

Die Rettung naht

Die Sonne prügelte erbarmungslos vom Himmel. Alle drängten sich in den Schatten des Pavillons, ausser Mike. Denn er musste die Hinterreifen seines Vans frei schaufeln. Als Jo und Barry von SV Boomerang mit ihrem Pickup ankamen, konnte die Rettung beginnen. Diese zog sich aber in die Länge, da unter anderem das Abschleppseil riss und ein Parkwächter die Campinggebühren einziehen wollte. Mit vereinten Kräften gelang es uns aber schlussendlich, den Van zu befreien.

Die Rettung – Foto von SV Boomerang

Die Dünen von El Pinacate

El Pinacate y Gran Desierto de Altar ist das grösste Gebiet mit aktiven Dünen in Nordamerika. Für den Abend war eine kleine Sonnenuntergang-Wanderung zu ebendiesen Dünen geplant. Vom Campingplatz aus konnte man einem ausgeschilderten Pfad rund 3 km durch die Wüste folgen und am Ende die Dünen erklimmen. Wir gingen etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang los und genossen die Ruhe der Wüste. Die vielen verschiedenen Farben der Sträucher und Büsche und das Schattenspiel waren wunderbar. Leider mussten wir uns gegen Ende des Pfades ziemlich beeilen, da wir länger dafür benötigt hatten, als angenommen. Um 18.54 Uhr war Sonnenuntergang und bis dahin mussten wir auf den Dünen oben sein. Die meisten von uns schafften es rechtzeitig – Alegría Mike kriegte gerade noch die letzten 3 Sekunden Sonnenlicht zu Gesicht.

Es hat sich gelohnt

Die Aussicht war gigantisch. Auf der einen Seite Dünen soweit das Auge reichte. Auf der anderen Seite die Lavafelder und die Sierra Pinacate. Am Horizont konnte man auch die Sea of Cortez erkennen. Den Rückweg mussten wir leider viel zu schnell antreten, denn es wurde ziemlich rasch dunkel. Das letzte Stück des Weges legten wir in fast kompletter Dunkelheit zurück. Den Abend liessen wir mit einem Barbecue und gemütlichem Sitzen um das Feuer ausklingen. Emma und Daniel von SV Indy packten sogar ihre Ukuleles aus und sangen für uns.

Zurück ins Leben

Es tat richtig gut, wieder einmal richtige Stille zu «hören», denn Puerto Peñasco ist lärmig. Wir möchten auf jeden Fall gerne nochmals dort hin, am liebsten für eine Sonnenaufgangs-Wanderung. Da das Tor zu den Dünen jedoch erst um 9 Uhr morgens öffnet und abends um 17 Uhr schliesst, müssten wir dazu wieder eine Campingübernachtung planen. Mal schauen. Für uns ging es aber erst mal wieder an die Arbeit. Die nach wie vor offenen Borddurchlässe warteten auf uns…

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