Die Schönheit der Einsamkeit

Nach den vielen tollen Wochen mit unseren Freunden waren wir wieder alleine auf Milagros. Das plötzliche Alleinsein war schön. Wir haben unsere Entscheidung umzukehren inzwischen akzeptiert und wissen, dass es die richtige Entscheidung war. Die Reise zurück war gespickt mit Abenteuern, tollen neuen Orten, Entdeckungsreisen, neuen tierischen Freunden. Wir genossen die Einsamkeit in vollen Zügen.

Der Besuchs-Marathon von Freunden ging so schnell vorbei, wie er gekommen war. Nachdem Juli seine Sachen gepackt und wir uns am Flughafen von Mazatlán von ihm verabschiedet hatten, kehrten wir zu Milagros zurück. Diese lag erneut im alten Hafen von Mazatlán vor Anker.

Endlich wieder alleine

Die Rückkehr war komisch, aber auch schön. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatten wir wieder das ganze Schiff für uns alleine. Die Besuchszeit war wirklich toll und wir freuen uns schon darauf, wenn wir wieder Freunde auf Milagros willkommen heissen können – nun konnten wir aber wieder die Füsse strecken, wieder in unseren kleinen Alltags-Rhythmus eintauchen, den wir uns über die Jahre auf dem Schiff aufgebaut haben.

Irgendwas ist anders

Auch Mazatlán zeigte sich an einem Morgen von einer Seite, die wir so noch nie gesehen haben. Am Morgen früh wachten wir wie immer mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Aber dieses Mal war irgendetwas anders. Es war extrem ruhig und nur vereinzelten Hornstösse von grossen Schiffen hallten durch die Gegend. Da musste ich gleich mal den Kopf durch die Luke strecken.

Kreuzfahrtschiff im Nebel

Und ich staunte nicht schlecht: Wir sassen in dichtem Nebel. Wir sahen kaum die Schiffe neben uns, so dicht war er und die ganze Milagros war übersäht von dicken Tautropfen. Die mexikanische Sonne war allerdings schon aufgegangen und machte dem Schauspiel schnell den Garaus. Der Nebel lichtete sich, und wir wurden Zeuge einer eindrücklichen Szene. Mit tiefem, lautem Hornen schob sich ein riesiges Kreuzfahrtschiff durch die Hafeneinfahrt und hinter unseren Freunden auf SV Munday’s Off vorbei ins Hafenbecken von Mazatlán.

Wieder im "El Kraken"

Wir besuchten auch wieder das «El Kraken» Fussballstadion. Der lokale Fussballverein hatte ein Heimspiel gegen Monterrey. Bereits zum dritten Mal waren wir in Mazatlán im Stadion! Wir hätten auch gleich eine Saisonkarte holen können. Also machten wir uns wieder auf, um die violetten Helden anzufeuern. Statt Florian waren dieses Mal Tyr und Onno mit von der Partie. Vor dem Anpfiff machten wir es uns noch in einem Restaurant in der Nähe des Stadions gemütlich.

Ein Glückstreffer

Das Restaurant sollte insofern als Glückstreffer herausstellen, als dass wir super freundlich vom Besitzer empfangen wurde, der uns erklärte. dass neben diversem Fleisch vom Tischgrill auch hausgemachter Käse degustiert werden könnte. So bestellten wir eine gemischte Fleischplatte mit Käse.

Mit vollen Bäuchen ins Stadion

Wir staunten nicht schlecht als uns nicht nur ein, sondern gleich zwei Tischgrills prall gefüllt mit Fleisch mit grossartiger BBQ-Sauce vor die Nase gestellt wurden. Grossartig! So konnten wir zufrieden und mit gefüllten Bäuchen ans Spiel. Dort wurde Mazatlán (wie erwartet) von Monterrey geschlagen. Allgemein wähnte man sich an einem Heimspiel von Monterrey, dermassen viele schwarzweisse Trikots waren im Stadion.

Topolowas? Topolowie?

Bald war es Zeit, nach einem Wetterfenster für die Weiterreise Ausschau zu halten. Es stand ein grösserer Hüpfer von etwa 200 Seemeilen (370 km) an. Das nächste Ziel war eine kleine Stadt namens Topolobampo. Das wäre dann nochmal ein Zungenbrecher für unseren guten Freund Hürzi, der hier auch schon einen einem Blogpost über seinen Besuch bei uns auf dem Schiff beigesteuert hat. Er hatten damals mit dem Aussprechen von «Zihuatenejo» seine liebe Mühe. Zuerst mussten wir aber noch Milagros volltanken.

Dieseltanken auf die etwas andere Art

Das war hier im Hafenbecken von Mazatlán ein bisschen umständlicher als sonst wo. Wir mussten unsere Dieselkanister in unser Dinghy packen und einmal durch den ganzen Hafen zu einem Dock düsen, wo Taxiboote Ausflügler an einen abgelegenen Strand brachten. Irgendwo da drüben musste eine Tankstelle sein, sagte Google. Wir machten also zuerst eine Inspektion vor Ort, denn hier in Mexiko weiss man nie, ob die Orte, die auf Google Maps eigezeichnet sind, auch tatsächlich existieren. Und tatsächlich: da war eine Tankstelle mit Diesel, Benzin und sogar Propangas.

Hilfe vom Wikinger

Wir rekrutierten kurzerhand Tyr, der uns auf unserer Fahrt durch den Hafen begleitete und uns half, Diesel zu schleppen. Unter ungläubigen Augen von ein paar Dutzend Mexikanern legten wir am Dock an, bezogen den Diesel an der Tankstelle und wurden kurzerhand von einem freundlichen Einheimischen wieder zurück zum Dock gefahren. Zurück auf Milagros kippten wir den Diesel in ihren Bauch.

Umso besser!

Topolobampo liegt etwa 200 Seemeilen nördlich von Mazatlàn am Festland der Sea of Cortez. Im Gegensatz zur vielbesuchten Baja California Halbinsel verirren sich nur eine Handvoll Segler an deren Festland, weil der allgemeine Tenor ist, dass es da nicht viel zu sehen gäbe, was schlichtweg nicht wahr ist. Umso besser für uns, so konnten wir die Gegend ungestört erkunden. Was stimmt ist, dass am Festland die Distanzen zwischen den Ankerbuchten und Städten, die man mit dem Segelschiff besuchen kann, grösser sind.

Ran an den Speck!

So standen zu unserer grossen Freude (nicht) mal wieder zwei Nachtfahrten an. Aber man kann sich’s halt nicht immer aussuchen und so mussten wir in den sauren Apfel beissen. Es ist wichtig, dass wir immer wieder mal über unseren Schatten springen müssen. Unsere Theorie ist, dass wir nur ein paar tollte Nachtfahrten erleben müssen, damit sich unsere Einstellung ändert. Also ran an den Speck!

Adios Mazatlán!

Im Gegensatz zu unserem letzten Besuch in Mazatlán sprang Burrito (unser Motor) ohne zu murren an und wir waren schon bald unterwegs. Wir rechneten für die ganze Fahrt mit Süd- und Ostwinden und nächtlicher Windstille. Es sollte also interessant werden. Die Fahrt startete mit tollem Segeln. Tschüss Mazatlán, es hat Spass gemacht! Vamos Maza!

Das Wasser spielt wieder verrückt

Unterwegs stellten wir dasselbe Phänomen wie bei unserer verrückten Überfahrt von La Paz nach Mazatlán mit Flo fest. Das Meer war unruhig, die Wellen erreichten das Schiff aus verschiedenen Winkeln und in unregelmässigen Abständen. Die Bewegungen von Milagros waren zwar komisch und ungewohnt, aber nicht ungemütlich. Auch der Wind tat, was er sollte und schob uns voran in Richtung Topolobampo.

Nachtfahrt

Und siehe da: Auch die Nachtschichten brachten wir gut über die Bühne. Der Mond schien hell vom Himmel, das half extrem, so war es nicht einfach nur stockfinster. Wie erwartet mussten wir einen Teil der nächtlichen Strecke unter Motor zurücklegen, was gleichzeitig aber auch immer heisst, dass sich die See beruhigt. So haben wir zwar den Lärm von Burrito, können aber schlafen, ohne konstant rumgeschubst zu werden.

Überall Meeresbewohner

Der zweite Tag war gespickt mit tollen Begegnungen mit Meeresbewohnern. Ein Buckelwal kam direkt neben dem Schiff zum Luftholen an die Oberfläche, überall schauten Seelöwen aus dem Wasser und trauten ihren Augen kaum als sie das Segelschiff erblickten, dutzende Meeresschildkröten waren unterwegs.

Wir sind zu früh dran

Da wir ein Fenster von gutem Wind nutzen wollten, waren wir ein wenig verfrüht in Mazatlán aufgebrochen. Somit war schnell klar, dass wir ein wenig zu früh dran waren, um in den Kanal nach Topolobampo einzufahren. Wir mussten also noch Zeit gewinnen. Umso besser, dass in den frühen Morgenstunden der zweiten Nacht auf hoher See wieder leichter Wind einsetzte. So konnte ich auf meiner Schicht wunderschönes Segeln geniessen, während Patricia schlummern konnte. Als dann auch noch Nebel aufkam, verwandelte sich die Szenerie in ein Traumland.

Magisches Segeln bei Nacht und Nebel

Der Mond im Himmel erleuchtete das ganze Nebelmeer, die See war spiegelglatt und der leichte Wind schob Milagros mit ein paar zerquetschten Knoten voran. So segelten wir im Schneckentempo absolut lautlos durch den Nebel. Aus der feuchten Umgebung ertönten nächtliche Vogelrufe, die wir normalerweise gar nie zu Ohr bekommen. Leichtes Plätschern an der Hülle, kein Lärm vom Wind der uns um die Ohren bläst, kein Knarren und Quietschen aus der Kabine, kein Rauschen der Wellen. Das war absolute Magie.

Zeit schinden

Obwohl wir in der Nacht nur ganz gemächlich vorwärtskamen, waren wir noch immer zu früh dran. Also Pati mit ihrer Schicht an der Reihe war, entschieden wir uns einfach, für ein paar Stunden zu driften und das erste Tageslicht abzuwarten. Ich war dran mit Pause machen und ich wachte erst wieder auf, als wir uns langsam aber sicher auf den Eingang zur Bucht von Topolobampo zubewegten.

Durch den Kanal zur Marina

Die kleine Stadt liegt im Inland in einer schönen Bucht am Ende eines menschengemachten, ausgegrabenen Kanals. Grosse Containerschiffe und eine Fähre fahren mehrmals am Tag durch die Sandbank, somit ist der Kanal gut gewartet und mit Bojen versehen. Deshalb war es ein Leichtes für uns, den Weg zu finden. In der Nacht zuvor haben wir uns per Funk noch mit Tim von SV Coconut unterhalten, der direkt vor uns auch auf dem Weg von Mazatlán nach Topolobampo war. Er fand einen Platz in der dortigen Marina, meldete uns, dass wir Platz hätten, und so verbrachten wir zwei Nächte in der schmucken kleinen Marina von Topolobampo.

Auf Erkundungstour in Topolobampo

Kaum angekommen machten wir uns auf den Weg, Topolobampo unter die Lupe zu nehmen. Mit knapp 6000 Einwohnern ist es ein beschauliches Städtchen, das aber einen grossen Hafen hat, wo dicke Cargoschiffe anlegen können. Besonders schön anzusehen sind die in vielen verschiedenen Farben gestrichenen Häuser – sie erinnerten uns an unseren tollen Besuch vom Bezirk Iztapalapa in Mexico City gemeinsam mit Nic und Janine von SV Rua Hatu.

Tacos bei Don Gato

Nachdem wir uns Tacos bei «Don Gato» genehmigt hatten (die wahrscheinlich zu den Besten gehören, die wir je hatten), spazierten wir einfach der Nase nach durch die Stadt. Dies unter neugierigen Blicken der Einwohner von Topolobampo; anscheinend verirren sich nicht viele Ausländer in die Stadt. Topolobampo ist sehr hübsch und definitiv einen Besuch wert. Leider zeigte sich auch hier wieder mal die hässliche Seite der Menschheit.

Pfui Spinne

Ganz am Ende der Stadt ergiesst sich ein Fluss von Abwasser direkt in die Gewässer vor der Stadt. Allgemein hat Mexiko wie so viele andere Länder auf dem Planeten ein Problem mit der Aufbereitung seiner Abwässer. Diese fliessen vielerorts direkt ins Meer, oftmals komplett ungefiltert. Was wir für eine Schweinerei auf unserem Planeten anrichten verschlägt uns immer wieder von neuem die Sprache.

Discovering yet another new to us anchorage

Zurück auf dem Schiff entdeckte ich in unserem Navigationsprogramm eine Ankerbucht gleich am Eingang des Kanals, die vielversprechend aussah und die wir bei der Planung übersehen hatten. «Hook’s Anchorage» hiess sie. Eine Ankerbucht mit so einem Namen lässt doch jeden Seefahrer mit der Zunge schnalzen – das mussten wir uns natürlich ansehen. Gesagt getan.

Hook’s Anchorage

Nach zwei Nächten in der Marina von Topolobampo und viel zu langen Tagen im Hafenbecken von Mazatlán waren wir endlich wieder in einer richtigen Ankerbucht. Das genossen wir mit Ausspannen, Spaziergängen, Ausflügen in die nahen Mangroven mit dem Dinghy und der Planung für die nächste Etappe, die uns an unser letztes Ziel für diese Saison bringen sollte – zurück nach Guaymas und San Carlos.

Plastik überall

Aber auch hier wurden wir von der bitteren Realität des Zustands unserer Umwelt eingeholt. Der lange, wunderschöne Strand war von vorne bis hinten übersät mit Plastikteilen jeglicher Grösse. Besonders viele der Flaschen waren mit den berühmten roten Deckeln eines bekannten Getränkegiganten gekennzeichnet. Es ist einfach zum Heulen. Aber wir liessen uns davon die Laune nicht verderben, denn wir hatten die ganze Sandbank ganz für uns alleine. So genossen wir jeden Tag ausgedehnte Spaziergänge, die Ruhe und das Alleinsein. Wir lieben es einfach, Ankerbuchten für uns ganz alleine haben.

Jemand will bei uns einziehen

Ausser uns, unserem schwimmenden Zuhause war das nur noch die Tierwelt. Und diese wollte Milagros ebenfalls zu ihrem Zuhause machen. Pati lag im Cockpit und war mit Lesen beschäftigt, als bei unseren Solarpanels plötzlich ein Radau losging. Nach einem anfänglichen Schreck machte sie sich an die Suche nach der Herkunft des Krawalls. Die Übeltäter waren kleine Vögel, die anscheinend unter unseren Solarpanels damit beschäftig waren, die Lage für ein mögliches Nest auszukundschaften. Sie flogen ein und aus und landeten auf den Montageplatten unserer Solarpanels. Wir liessen sie gewähren, denn wir mussten ja sowieso weiter, die Zeit reichte für den Nestbau sowieso nicht aus. Und herzig waren sie auch die kleinen Cheiblis.

Die letzte Überfahrt der Saison

So vergingen die Tage und bald war es Zeit für die letzte Passage der Saison. Wir wollten zurück ins Königreich von El Mero, wo wir ganz am Anfang im Winter 2022 die Riese gen Süden in Angriff genommen haben. Dort mussten wir uns vorbereiten für das Auswassern von Milagros. Diese letzte Überfahrt von weiteren 185 Seemeilen verlief relativ ereignislos mit wechselnden Windstärken und ein paar Stunden tollem aber unbequemem Segeln im letzten Teil, bevor wir endlich wieder um die Ecke ins Königreich einfuhren und dort ankerten, dies unter den Augen vieler alter Bekannter und ein paar neuen Gesichtern.

Vorbereitungen fürs Auswassern

Statt an den alten Docks von El Mero anzulegen, entschieden wir uns, weiter draussen zu ankern. Dies ermöglichte es uns, unsere Segel zu demontieren und erste Vorkehrungen fürs Auswassern zu treffen. Wir hatten viel vor. Unsere Wahl für die Zeit im Boatyard war auf «Gabriel’s Yard» gefallen, wo damals Iñaki und Carmen ihren grossen Refit von Anila gemacht haben. Sie hatten nicht das beste Review hinterlassen, um es mal nett auszudrücken. Nun wollten wir die Situation mal selber unter die Lupe nehmen. Es standen spannende Zeiten bevor!

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1 Comment

Hallo zämme, wie kann ich euch ein Bier spendieren, ohne eine Handynummer von euch? Twint wäre am einfachsten, oder? Ich bin die Mutter von Melanie (mit der du, Patricia zur Schule gingst…) und Patrick (er ging mit Carmen zur Schule). Lese gerne euren Blog, auch wenn ich mit Segeln nichts am Hut habe. Herzliche Grüße, Kathrine

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