Die letzten Gringos

Wir machten einen Ausflug an den Ort, an dem quasi alles begann. Wo wir uns ins eiskalte Wasser geworfen haben und abgehärtet wurden. Wo wir in unser Schiff eingetaucht sind und (fast) jede einzelne Schraube angefasst haben. Genau, es ging nach Puerto Peñasco.

Ein Kaugummi-Gefühl

Aber zuerst nochmals 2 Schritte zurück. Wir befinden uns in Guaymas auf dem Trockendock und unser Frustlevel ist hoch. Denn die ursprünglich gehofften maximalen 3 Wochen dort haben wir bereits überschritten. Das Antriebswellen-Projekt ist wie ein zu lange gekauter Kaugummi: zäh und nicht wirklich ein Genuss. David hatte ja im letzten Blogpost berichtet, dass wir neue Silentblöcke für unseren Motor brauchten. Zum Glück fanden wir schnell raus, wo wir neue herkriegen konnten, doch das dauerte eben wieder seine Zeit.

Es gibt auch Fortschritt

Es gibt aber auch Positives zu berichten: Wir haben erfolgreich unsere neuen Lithium-Batterien (genaugenommen Lithium-Eisenphosphat-Batterien) eingebaut und in Betrieb genommen. Das war auch eine Kaugummi-Büez, denn jede der Batterien musste vor dem Einbau durchgetestet werden. Aber die Vorteile dieser Batterien sind vielfältig: sie sind einiges kleiner und leichter, man kann sie tiefer entladen und sie müssen nicht jeden Tag vollgeladen werden. Als kleines Vergleichsbeispiel: Unsere drei alten AGM-Batterien zusammen waren 210 kg schwer, hatten 765 Ah Kapazität, davon nutzbar 380 Ah. Unsere drei neuen Lithium-Batterien sind zusammen 66 kg schwer, haben 510 Ah Kapazität, davon nutzbar 410 Ah. Das ist ein grosser Unterschied.

Eine lustige Geschichte

Zu den Batterien selbst haben wir eine lustige Geschichte erlebt. Wir haben ursprünglich Coy und Carina, zwei anderen Seglern zwei Batterien abgekauft, die sie zuvor ein paar Monate in Betrieb hatten. Beim Testen hat sich aber eine der Batterien nicht wie erwartet verhalten. Das war noch vor unserer Sommerpause. Wir meldeten das Coy zurück und er wollte bei Renogy einen Garantiefall anmelden. Als wir während unseres Aufenthaltes in der Schweiz nichts mehr von ihm gehört hatten, bestellten wir kurzerhand eine neue Batterie. Und da gerade eine ‘Kauf eine und kriege eine weitere mit 50% Rabatt dazu’-Aktion lief, kauften wir halt zwei.

Zu viele Batterien

Wenige Tage danach erhielten wir von Coy ein Foto mit der neuen Ersatzbatterie aus dem Garantiefall. Ups, da waren wir wohl etwas übereilig. Und es stellte sich später heraus, dass die ‘schlechte’ Batterie gar nicht schlecht war. Also hatten wir nun fünf Batterien anstatt zwei. Wie es aber der Zufall wollte, war ein anderer Segler im Boatyard auf der Suche nach zwei Lithium-Batterien. Nun leben zwei unserer Batterien zwei Schiffe weiter.

Wieder wie neu

Malermeister David, der unser Deck gestrichen hatte, hatte sich mittlerweile auch um unseren Farbschaden am Freibord, entstanden durch die Bänder des Travelifts, und einen weiteren Schaden unbekannter Herkunft gekümmert. Milagros erstrahlt nun wieder in vollem Glanz und ist ziemlich sicher das schönste Schiff von allen, finden wir zumindest.

Alles für einen Motor

Während wir also auf die Motorenersatzteile warteten, beschlossen wir, einen Ausflug nach Puerto Peñasco zu machen. Der Grund dafür war ein Aussenborder. Wir hatten im Mai die Chance genutzt, unser an Dinghy-Lepra erkranktem Gummi-Beiböötchen durch eine Plastiknussschale zu ersetzten. Diese bietet einige Vorteile: sie ist leichter, kann keine Luft verlieren, sie ist einfach zu rudern und man kann sie auch segeln. Aber da sie eben leicht ist, verträgt sie nicht so viel Gewicht am Heck. Unser zuverlässiger 4 PS Viertakter wiegt knappe 30 kg. Ergo musste ein leichterer Aussenborder her. Und diesen fand ich per Zufall in Peñasco: Ein 13 kg leichter 3.3 PS Zweitakter.

Roadtriiiiip

Nur fanden wir keine Möglichkeit, wie der die 600 km von Peñasco nach Guaymas zurücklegen konnte. Da sagten wir ganz einfach: Wenn er nicht zu uns kommen kann, dann gehen wir halt zu ihm. Und Pete von SV Swan Song, der darauf wartete, dass sein Deck gestrichen wurde, schloss sich uns an. Ausgerüstet mit Snacks und Musik begaben wir uns in einem Mietwagen auf einen kleinen Roadtrip.

Schlagloch-Mania

Wir entschieden uns für den etwas längeren Weg auf Maustrassen, da wir Horrorgeschichten von Schlaglöchern auf der anderen Strasse gehört hatten. In den Geschichten waren sie 5 m breit und 2 m tief, was wir nicht glaubten, aber auch wir trafen abseits der Mautstrassen auf potenziell fatale Schlaglöcher, denen wir zum Glück immer ausweichen konnten.

Ein volles Programm

David, der ein glückliches Händchen für airbnb’s hat, buchte uns eine schöne Unterkunft in der Nähe eines Strands. Aufgrund verschiedener Umstände erhielten wir ein Upgrade in ein Häuschen direkt am Strand. Es war herrlich. Aber wir hatten erstmal nicht viel Zeit, das Häuschen zu geniessen, denn unser Programm war vollgestopft. Aussenborder abholen, alte Freunde treffen, Pete die Stadt zeigen, die besten Pastor-Tacos essen, und so weiter, und das in weniger als 24 Stunden.

Ein Glücksfall

Wir hatten Puerto Peñasco am späten Nachmittag erreicht, holten den Aussenborder ab und checkten ins Häuschen ein. Dort tauchte auch rasch der Vermieter auf und setzte uns einen Floh ins Ohr. Eigentlich wollten wir am nächsten Morgen schon wieder zurück nach Guaymas fahren. Wegen ausbleibenden Touristen bot er uns aber spontan an, dass wir solange wir wollten gratis in der Unterkunft bleiben konnten. Was für uns – aber nicht für die Puerto Peñascaner – als Glücksfall zählte, war der kurz zuvor geschlossene Grenzübergang 1.5 h nördlich von Puerto Peñasco.

Es bilden sich Schlangen

Die dortigen Grenzwächter wurden abgezogen, um bei der steigenden Anzahl von Asylverfahren für Flüchtlinge aus Mittel- und Südamerika und afrikanischen Ländern wie Eritrea, Ghana, Äthiopien und Kamerun zu unterstützen. Donald Trump hatte während der Pandemie den ‘Title 42’ eingeführt, mit dem Flüchtlinge an den Grenzen ohne Asylverfahren direkt wieder zurückgeschickt werden konnten. Dieser Title wurde im Mai aufgehoben, und sobald nun ein Asylsuchender mit beiden Füssen auf US-Grund betritt, steht ihm wieder ein Asylverfahren zu.

Wir haben mehr Zeit

Wir hatten den Strand, die Restaurants, alles für uns allein. Also beschlossen wir, eine weitere Nacht zu bleiben. Es gab ja aktuell sowieso «nichts» zu tun auf Milagros. Ein kurzer Anruf bei der Mietwagenfirma, und wir hatten auch dort einen Tag mehr. Und die Entscheidung hatte sich gelohnt.

So viele bekannte Gesichter

Viel mehr alte Bekannte, als erwartet befanden sich auf dem Cabrales Boatyard. An jeder Ecke trafen wir Segler und hielten Schwätzchen, berichteten gegenseitig von unseren Erlebnissen, seit wir Peñasco Anfang 2022 verlassen hatten. Marc und Laura von SV Liquid, Marga auf SV Dogfish, Peter auf SV Kessel, Kristin und Tom auf SV John Muir, Cynthia und Rick auf SV Catspaw, Doug auf SV Cat’s Paw, Salvador Cabrales und die Cabrales Crew, Jean auf MV Alita Fox, und so weiter. Es war toll, sie alle wieder zusehen. Wir hätten vermutlich eine Woche gebraucht, um mit wirklich allen ausgiebig sprechen zu können.

Ein bisschen wie zuhause

Irgendwie fühlten sich Peñasco und der Boatyard ein bisschen an wie ein Zuhause. Die Vertrautheit, die Freunde und Nachbarn, die Lieblingsrestaurants. Und da wir schon in der Garnelen-Hauptstadt waren, besorgten wir uns beim Fischhändler unseres Vertrauens auch gleich ein Kilo davon, um sie zum Znacht in Knoblauchbutter anzubraten. Pete freute sich schon den ganzen Tag darauf.

Die letzten Gringos

Den Tag selbst verbrachten wir mit semi-lecker Frühstücken, den besten Donuts der Welt von Candy Cake, einem Spaziergang am Strand und einem Besuch des Malécons. Der geschlossene Grenzübergang führte dazu, dass Puerto Peñasco praktisch menschenleer war. Und wer uns kennt, weiss: wir lieben touristenfreihe Orte! Was wir total feierten, war für die Einheimischen schlicht tragisch. Keine Gringos, kein Business. Als wir über den leeren Malécon schlenderten, rief uns ein Mexikaner zu: «Die letzten Gringos!» Wir unterhielten uns mit ihm über die aktuelle Situation und die Ungewissenheit. Seine Freundin arbeitete in einem Restaurant dort, er in einer Apotheke. Zum Schluss fragte er uns: «Habt ihr schon alle eure Medikamente? Kommt zu mir in die Apotheke, ich gebe euch 90% Rabatt. Wir haben auch Sonnenbrillen.»

Der Garnelen-Gate

Zum Zvieri gönnten wir uns die beste Pizza Margharita von Mexiko im Pane y Vino als Snack. Und nach einem Abschiedsdrink auf SV Lodos, die am folgenden Tag eingewassert wurde, und einer Tour auf SV Liquid machten wir uns auf den Weg zurück zum Häuschen. Marc und Laura gesellten sich fürs Garnelen-Znacht zu uns. Leider war das Resultat der Garnelen-Idee nicht sonderlich schmackhaft. Beim Rüsten der Garnelen nahm ich einen speziellen Geruch wahr, und reichte sie den anderen, um daran zu riechen. Sie versicherten mir, dass sie nichts komisches rochen.

Als ich die Garnelen in der Knoblauchbutter anbriet, entwickelten sie einen strengen Ammoniak-Geruch. Laura, Marc und David bissen je in eine Garnele rein und spuckten sie gleich wieder raus. Pete und ich verzichteten auf eine Kostprobe. Google sagt, dass Ammoniak-Geruch bedeutet, dass die Garnelen verdorben sind. Sehr, sehr schade. Aber die Möwen freuten sich über den unerwarteten Snack. Und wir hatten ja zum Glück den Zvieri-Snack, darum alles halb so wild.

Es ist wieder Zeit

Zum Abschluss besuchten wir am darauffolgenden Morgen nochmals den Boatyard, verabschiedeten uns von allen und genossen ein letzte Mal Apple Fritters von Candy Cake. Wir schafften es auch, pünktlich den Mietwagen in Guaymas wieder abzugeben. Zufrieden stiessen wir auf dem Boatyard auf diesen erfolgreichen Trip an und gönnten uns lokale Pastor Tacos. Es darf ja auch mal etwas gut laufen.

Lasst uns auf diese erfolgreiche Mission anstossen. Du kannst uns mit einem Klick auf den untenstehenden Button ein Bier spendieren. Du kannst auch ein monatlicher Unterstützer werden auf Patreon. Vielen Dank!

Hier weiterlesen


Schreibe einen Kommentar