Auf direktem Weg in den Notfall!

Wenn man auf einem Schiff unterwegs ist, muss man jederzeit alle Sinne beisammen haben. Mit der richtigen, eingehenden Vorbereitung können Schwierigkeiten und Probleme weitestgehend vermieden werden. Auf unserer Passage vom Ankerplatz Santo Domingo am Eingang zur Bahia Conceptión überschlagen sich von null auf hundert die Ereignisse. Wir fahren geradewegs in einen waschechten Notfall, den wir sehr wahrscheinlich einfach hätten vermeiden können.

Fischernetz auf einem Segelschiff

Da wir in unserer Ankerbucht Santo Domingo Handyempfang hatten, lag ein Wetterbriefing drin. Die Vorhersage zeigte für einen Teil der Strecke Westwinde von bis zu 25 Knoten voraus. Ordentlich! Die Möglichkeit wollten wir nutzen. Denn das hätte einerseits bedeutet, dass wir für einmal tatsächlich hätten segeln können, andererseits wären diese Windgeschwindigkeiten eine wichtige Erfahrung für Pati und mich gewesen. Windvorhersagen sind in der Sea of Cortez immer ein wenig mit Vorsicht zu geniessen. Die Luftströmungen sind (wie überall) beeinflusst durch viele lokale Begebenheiten. Der Tenor der erfahreneren Segler hier ist, dass man jederzeit auf der Hut sein muss.

Aaaaaahhhhh!

Leider hatte der Handyempfang auch seine Nachteile. Wir erhielten Neuigkeiten und Fotos aus dem Boatyard in Puerto Peñasco. Entgegen unseren glasklaren Instruktionen an Manager Salvador wie auch Pancho, einem der Arbeiter, waren bereits knappe 24 Stunden nach unserer Abfahrt Schleifarbeiten am Schiff im Gange. Wir hätten uns vor der Abreise nicht klarer ausdrücken können. Wartet bis Anfang der kommenden Woche, checkt ob der Primer 100% trocken ist und entscheidet dann, ob ihr schleift oder nicht. All unsere Vorgaben wurden sofort in den Wind geschlagen. Das verstehe wer kann. Und was wir zu sehen bekamen, gefiel uns gar nicht. Wir instruierten deshalb den Boatyard, sofort alle arbeiten am Schiff zu beenden. Wir befassen uns gezwungenermassen wieder mit dem Thema, wenn wir zurück sind.

Los geht's!

Unsere Pause vor Anker in Santo Domingo haben wir verkürzt. Anstatt über Nacht zu bleiben, machten wir uns nach ein paar Stunden auf, um weiter südwärts unsere Freunde auf SV Alegría und SV Cavu zu treffen und den vorhergesagten Wind zu nutzen. Beim Eindunkeln lichteten wir um 20 Uhr den Anker, um uns gemütlich durch die Nacht weiter gen Süden vorwärts zu bewegen. Alles verlief problemlos und so tuckerten wir ins Abendrot hinaus. Die Bahia Conceptión müssen wir ein anderes Mal erforschen. Es gäbe noch extrem viel zu sehen.

In die Nacht hinaus

Auf der Sea Note wurden die Nachtwachen täglich neu und nach dem jeweiligen Befinden verteilt. Dieses Mal entschied sich Ray für die erste Wache bis 22:00 Uhr. Pati und ich verzogen uns in unsere Kabine für ein paar Stunden Schlaf. Ich habe bemerkt, dass ich auf Schiffen nur mit einer Hirnhälfte schlafe. Die andere registriert alle Bewegungen und Töne des Schiffs. So wache ich bereits bei kleinen Veränderungen auf. Das ist zwar von Vorteil für die Wachsamkeit, meine Schlafqualität leidet allerdings ein wenig.

Segeln im Golf von Kalifornien

Bonk!

Pati und ich schlummerten so vor uns hin, als wir plötzlich hellwach im Bett standen. Etwas war direkt neben unseren Köpfen die Hülle entlang gepoltert und Ray hatte den Motor blitzschnell in den Leerlauf gewechselt. Das konnte nicht gut sein. Wir waren sofort auf den Beinen. Was war passiert? Ray überbrachte uns die frohe Kunde: Wir waren geradewegs in ein Fischernetz gefahren. Ein Albtraum für jeden Segler und möglicherweise ein waschechter Notfall. Kleine orange Plastikschwimmer führten der Netzoberkante entlang vom Heck von Sea Note in Reih und Glied in die Dunkelheit hinaus. Der erste Gedanke war der Bootshaken. Vielleicht war das Netz nur am Ruder eingehängt? Denkste! Es liess sich keinen Millimeter bewegen. Es hatte sich wohl auch im Propeller verfangen.

Fischernetz mit einem Segelschiff gefangen
Nicht gut!

Rettung naht?

Plötzlich hörten wir Motorengeräusche und sahen Taschenlampen in der Dunkelheit. Das Motorboot bewegte sich auf uns zu. Es stellte sich heraus, dass die Fischer das Netz wohl gerade erst ausgelegt hatten und noch in der Nähe waren. Bei Sea Note angekommen, evaluierten sie die Situation mit ihren Taschenlampen. Unsere Befürchtungen bewahrheiteten sich. Der Propeller war dick eingepackt in ihrem Fischernetz. Zusammen mit den Fischern in ihrer Panga starrten wir ein paar Sekunden ins Leere. Dann begannen die Verhandlungen.

Mit Hand und Fuss

Leider hatten wir keinen Dolmetscher an Bord. Wir der spanischen Sprache nicht genügend mächtig, die Fischer mit einem Fensterplatz in Englisch. So verständigten wir uns mit Hand und Fuss. Der erste Gedanke der Fischer galt natürlich ihrem Netz. Die meisten ihrer Zunft leben von der Hand in den Mund in armen Verhältnissen und ein kaputtes Netz bringt nun mal keinen Fisch. So war ihre Idee, dass wir doch mitten in der Nacht ins Wasser steigen und ihr Netz befreien sollten. Ganz klar! Machen wir sofort! Nicht. Der nächtliche Tauchgang war schnell vom Tisch.

Brainstorming

Der nächste Input ihrerseits war auch nur vermeintlich logisch. „Lasst doch einfach den Anker runter, dann wartet ihr bis morgen früh, wir kommen dann und befreien das Netz“, erklärte uns einer der Jungs. Eher schwierig bei knapp 60 Meter Wassertiefe. Wir hätten locker mal ein paar hundert Meter Ankerkette zu Wasser lassen sollen. Da wir leider kein 300 Meter langes Containerschiff sind, stand auch diese Option nicht zur Debatte. Ich hatte noch eine Idee. Wir mussten ja sowieso vom Netz befreit werden. Wie wäre es, wenn uns die Fischer mit ihrer Panga zurück zum Ankerplatz schleppen würden?

Ein Meisterwerk meinerseits

Tolle Idee, David! Jetzt das ganze nur noch auf Spanisch übersetzen! Zum Bier bestellen reicht‘s gerade noch, aber das war dann doch eine Spur zu viel verlangt. Somit nahm ich kurzerhand den einen Notizblock zur Hand um meinen Geistesblitz bildlich darzustellen. Heraus kam ein Meisterwerk, das sogar den Fischern ein Grinsen aufs Gesicht zauberte. Trotz meiner Zeichenkünste waren sie nicht sehr angetan von der Idee. Somit war klar, dass eintreten musste, was die Pangueros unbedingt verhindern wollten – wir mussten freigeschnitten werden.

Schnipp Schnapp

Bevor das Messer zum Einsatz kam, musste noch das Netz eingeholt werden. Dessen Grösse kam erst jetzt zum Vorschein. Als sich die Fischer zum einen Ende des Netzes aufmachten, trauten wir unseren Augen kaum. Das Netz war mehrere hundert Meter lang. Und wir hatten das Kunststück fertig gekriegt, das Netz perfekt in der Mitte zu treffen. So dauerte es über eine Stunde bis die Fischer das Netz eingeholt hatten. Zudem blieb kurzzeitig ihr Aussenbordmotor stehen und sie verhedderten sich in ihrem eigenen Netz. Ich zitiere hier Andy Brehme, einen deutschen Fussballer: „Haste Scheisse am Fuss, haste Scheisse am Fuss“. Schweren Herzens kappten sie danach auf beiden Seiten das Netz. Ihr Fang bestand aus etwa 20 beeindruckend grossen Gelbschwanzmakrelen. Wir hätten während der ganzen Aktion tolle Fotos schiessen können. Dies wäre in diesem Moment allerdings völlig unangebracht gewesen, somit musst du dir die Situation vor deinem geistigen Auge vorstellen.

Die Situation abwägen

Bevor die Fischer sich aus dem Staub machten, versicherten sie uns, dass über Nacht kaum Wind und Strömung auftreten würden. Wenn sie nicht über die lokalen Begebenheiten Bescheid wussten, wer dann? So stellten wir uns darauf ein, Sea Note über Nacht treiben zu lassen, während jeweils eine*r von uns Wache halten sollte. Am nächsten Morgen würden wir uns dann beim ersten Tageslicht ein Bild von der Situation am Propeller machen. Gesagt, getan. Während der Wache war es besonders wichtig, die Distanz zur Küste im Auge zu behalten. Sollten wir zu nahe an die Küste getrieben werden, wäre die letzte Notlösung gewesen, in geeigneter Tiefe den Anker zu werfen. Glücklicherweise waren Wind und Strömung tatsächlich auf unserer Seite und so trieben wir schlicht in dieselbe Richtung zurück aus der wir gekommen waren. Nicht auszumalen was bei grobem Seegang und starken Windverhältnissen gewesen wäre. Und der vorhergesagte Wind blieb aus. Wir hatten alle Meeresgötter auf unserer Seite.

Unser Navionics  Track
Wir dümpelten so rückwärts vor uns hin

Der nächste Morgen

Am nächsten Morgen war es dann soweit. Ein morgendliches Bad stand an. Die Voraussetzungen waren sicher und ruhig genug, dass ich einen Tauchgang unter das Schiff wagen konnte. Ausgerüstet mit Taucherbrille, Schnorchel, Anzug und Flossen machte ich mich an die Arbeit. Zu allererst musste das restliche Netz entfernt werden, das noch immer um das Ruder hing. Sonst konnte ich Gefahr laufen, selbst als Fang zu enden. Danach ging es an den Propeller. Obwohl Ray superschnell reagiert hatte, sah die Situation nicht sehr rosig aus. Die ganze Schraube war eng und dicht mit Fischernetz eingewickelt.

Eine Toolbox für Taucher

Ich arbeitete mich während knapp zwei Stunden immer weiter vor. Das war harte Arbeit, denn ich musste nicht nur herausfinden, wie ich mich möglichst effektiv in Position halten konnte, sondern auch noch aufpassen, dass ich mir am Leinenschneider am Propellerschaft nicht die Hände blutig schnitt, oder zwischen Dinghy und Hülle eingeklemmt wurde. Da ich auch alles andere als geübt im Freitauchen bin, konnte ich auch nur kurz unten bleiben. Ray war auf Deck und wühlte sich auf dem Schiff durch seine Werkzeugkisten, Pati sass als Mittelsfrau und Assistentim im Dinghy, ich war der Taucher. So probierten wir uns quer durch Ray‘s Repertoire an Schneidewerkzeug. Leider ging währenddessen ein tolles, selbstgemachtes Messer von Ray flöten. Es verabschiedete sich auf Nimmerwiedersehen auf den Meeresgrund.

Danke für nichts!

Nach ein paar Stunden kam tatsächlich Hilfe. Das allmorgendliche, per Funk geführte „Cruisers Net“ erwies sich bei Notfällen als komplett wertlos. Obwohl gleich zu Beginn der Sitzung gefragt wird, ob jemand Probleme hatte oder in Not sei, wurden wir ans Ende der Funksitzung verbannt. Die Wettervorhersage und Erzählungen über die neuste Entdeckung in Sachen Taco-Verpflegung schienen wichtiger. So viel dazu. Auch lokal meldete sich niemand auf den auf unsere Dringlichkeitsmeldung via Funk, obwohl etwa 10 Schiffe in der nur 8 Seemeilen (ca. 14 km) entfernten Santo Domingo Ankerbucht lagen. Danke für nichts! Wir waren anscheinend auf uns alleine gestellt.

Rettung naht!

Doch plötzlich ging es Schlag auf Schlag. Eine Panga mit Taucher kam angefahren. Auch ein Tauchkompressor war an Bord. Praktisch zeitgleich tauchte auch noch ein anderes Segelschiff auf. Die Besitzerin hatte unseren Aufruf vom Funkgerät eines anderen Schiffs neben ihr aufgeschnappt und war zu uns gefahren. Sie war losgeeilt, und nicht die Besitzer des Funkgeräts. Das muss man sich mal vorstellen. Für den Taucher mit seiner ganzen Ausrüstung war es danach ein leichtes, das restliche Netz zu entfernen, das eng um den Schaft gewickelt und durch den Druck gar geschmolzen war. Ein kurzer Kontrolltauchgang von mir danach zeigte keinen Schaden. Unglaublich wie viel Glück wir gehabt haben. Die Sea Note war plötzlich wieder flott und unsere Reise konnte weitergehen.

Was lernen wir aus diesem Vorfall?

Obwohl nicht wirklich eine positive Erinnerung, können wir viel aus dem Rendez-vous mit dem Fischernetz lernen. Wenn man heil aus solchen Situationen herauskommt, ist es wichtig, dass man so daraus lernt und so viel mitnimmt wie man kann. Dies sind unsere wichtigsten Erkenntnisse:

Ruhe bewahren!

Völlig durchzudrehen und in Panik zu geraten bringt absolut nichts. Wenn man sich vom Stress völlig die Sinne vernebeln lässt, führt dies zu Fehlentscheiden und möglicherweise zu einer weiteren Kettenreaktion von Ereignissen. Während der ganzen Zeit blieben wir als Crew an Bord von Sea Note und auch die Mannschaft des Fischerboots absolut ruhig. So blieb Zeit zur Evaluation der Situation und den richtigen Entscheidungen. Wir hatten aber auch alle Bedingungen absolut auf unserer Seite. Die See wie auch der Wind waren ruhig, die Fischer enorm hilfsbereit, die Distanz und Wassertiefe ausreichend, um gemächlich und überlegt reagieren zu können.

Sea of Cortez Sonnenuntergang

Mehr Abstand zur Küste halten!

Hätten wir das Schiff sofort nach dem Verlassen der Bahia Conceptión von der Küste weg gesteuert, wäre die Chance, das Netz zu erwischen signifikant verkleinert gewesen. Besonders nachts macht es sowieso keinen Sinn nahe der Küste zu fahren, man sieht ja sowieso nichts.

Leben auf einem Segelschiff

Sei auf der Hut!

Es gab keine Möglichkeit dem Netz auszuweichen. Wir hatten absolut keine Chance. Fischernetze von lokalen Fischern sind zumeist schlecht oder gar nicht markiert und somit nachts unsichtbar. Es ist unabdingbar, dass man zu jeder Tageszeit regelmässig seine Umgebung 360° scannt. Dies hilft vielleicht nicht bei Fischernetzen, aber bei allerlei anderen Situationen. Sogar vor Anker habe ich bereits vor diesem Vorfall regelmässig die Umgebung gecheckt. Daran führt zumindest für mich persönlich einfach kein Weg vorbei. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit.

Containerschiff

Fällt dir ein weiterer Punkt ein? Lass es uns in den Kommentaren wissen!

Der wilde Ritt geht weiter

So ging die ganze Sache gottseidank glimpflich aus. Es hätte auch anders kommen können. So oder so war es eine enorm wichtige Erfahrung, die wir zum Glück mit Hilfe auf einem anderen Schiff als unserer Milagros haben machen können. Die Weiterfahrt verlief dann auch absolut ereignislos, und so ankerten wir dann spätabends in der Ankerbucht vor der Isla Coronados. Und siehe da – der halbe Cabrales Boatyard war auch da. SV Cavu, SV Alegria, SV Catspaw und SV Skookum V. Allesamt bekannte Gesichter. Nice! So war es auch keine Überraschung, dass wir uns zu später Stunde im Cockpit der Sea Note versammelten und uns das eine oder andere Bierchen, Tequilächen oder Rümchen gönnte. Dies alles in sternenklarer Nacht und funkelnder Biolumineszenz im Wasser. Alles war gut. Es gab viel zu erzählen.

Wir hoffen natürlich, dass wir nie mehr in so eine Situation geraten. Willst du uns trotzdem etwas ins Notfallkässeli einzahlen? Das kannst du entweder mit einem monatlichen Beitrag auf Patreon oder ganz ohne Anmeldung, wenn du auf den Button hier unter dem Text klickst. Vielen Dank!


2 Comments

Nachts nicht zu tauchen war so ziemlich die beste Entscheidung, zum Notfallkoffer gehört eine kleine Taucherausrüstung mit Sauerstoffflasche, wäre auch praktisch, um das Unterwasserschiff zu begutachten oder Unvorhergesehenes zu entfernen. Nur mit Schnorchel hast du keine Chance.
Weiter gehört an jedes Werkzeug, das du mehrmals brauchen möchtest eine Schlaufe, die du ums Handgelenk legen kannst. Weiter eine kleine, gute Eisensäge, Taue, die sich um die Welle oder in die Schraube gewickelt haben, sind wie angeschweißt, wir haben das im Rhein Marnekanal erlebt, als unser eigenes Festmachertau bei einem Wendemanöver über Bord rutschte und sich um die Welle wickelte. Ein Hobbytaucher half uns aus der Klemme.
Wünsche euch weiterhin gute Fahrt ich freue mich immer über eure Berichte

Hoi Urs, nachdem Ray’s schönes Messer abgesoffen ist, haben wir eine Handschlaufe installiert. Schön dass dir unser Blog gefällt! 🙂

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