Ankerwinsch-Comebacks und andere Wunder

Der Countdown läuft! Endlich konnte ich nach Ensenada reisen, um Milagros zu besuchen und mich den anderen bei den Vorbereitungen anzuschliessen. Obwohl es eine lange Reise war, ließ ich mich nicht davon aufhalten. Dort angekommen erlebten wir ein Ankerwinsch-Wunder und wurden von anderen Seglern verwöhnt.

David am Eingang der Marina in Ensenada

Ich packte zwei riesige Koffer/Taschen randvoll mit allerlei Material und wurde von meinen Eltern an den Flughafen von Basel begleitet. Die Reise nach Mexiko verlief relativ unspektakulär. Ich bin es von der Arbeit gewohnt, viel Zeit auf Flughäfen und in Flugzeugen zu verbringen, somit machen mir lange Reisen nichts aus. Am Zoll in Mexiko City wurden mir kurzerhand 150$ für unsere Kameradrohne abgeknöpft, obwohl eigentlich Tauchmaterial hätte inspiziert werden sollen. Dies, obwohl gleich daneben ein Kilo Raclette-Käse und ebenso viel Fonduekäse lagen, die ich wahrscheinlich gar nicht hätte einführen dürfen. Ist so, weil ist so.

Ein freudiges Wiedersehen

Die Übernachtung im Kapselhotel in Mexiko City war, wie bereits von Pati beschrieben, sehr angenehm. So hatte ich genügend Ruhe, um den Flug nach Tijuana und die anschliessende Busfahrt nach Ensenada anzutreten. Dort angekommen wurde ich von den anderen in Empfang genommen. Das Wiedersehen machte besonders Freude, da ich Carmen und Iñaki seit über einem halben Jahr nicht mehr gesehen hatte. Ich war nun seit über 30 Stunden unterwegs und folglich hundemüde. Lange Zeit um Pause zu machen hatte ich nicht. Milagros wollte bereit gemacht werden.

Sofort geht die Arbeit los

Obwohl Pati, Carmen & Iñaki im Vorfeld ja schon ganze Arbeit geleistet hatten, waren wir trotzdem noch keinesfalls bereit um los zu segeln. Die Ankerwinsch machte noch immer Probleme und der Herd leckte nach wie vor Gas. Auch sonst war das Schiff noch nicht vollends bereit für die Abreise. Die Planung der Passage, die Provisionierung und das sichere Verstauen von allem, was nicht niet- und nagelfest war, stand noch an. Zur Begrüssung wurde ich gleich auf den Mast geschickt, da wir dort einen kleinen analogen Windanzeiger installieren wollten. Das klappte aber nicht, denn wir fanden keinen passenden Platz. Somit hatte ich schnell wieder festen Boden unter den Füssen. Der Adrenalinkick in 15 Meter Höhe zu baumeln war trotzdem nicht von schlechten Eltern.

Es geschehen Gas-Wunder

Die Propangasflasche von Stevens Campingherd war bereits nach vier Tagen leer. Wir hatten gerade damit begonnen Fleisch anzubraten, als er den Geist aufgab. Somit entschieden wir uns, trotzdem den originalen kardanischen Ofen wieder ans Gassystem anzuschliessen. Aus Neugier machten wir danach erneut einen Gasdrucktest, und siehe da: Alles war plötzlich dicht! Auch der Gasmelder direkt neben dem Herd schlug nicht an. Wir hatten also unverhofft unsere Bordküche zurück. Warum wissen wir nicht, aber wir können nun wieder 4 Sterne-Menüs zaubern.

Es geschehen Ankerwinsch-Wunder

Eine ähnliche Geschichte erlebten wir mit dem Motor der Ankerwinsch. Er wurde zwar bereits von zwei unabhängigen Mechanikern für gut befunden, zog aber trotzdem zu viel Ampere. Abgesehen vom Motor hatten wir alle Ursachen, die uns in den Sinn kamen, eliminiert: Unsere Batterien und ihre Verbindungen sind in Ordnung, die Erdung ist ok, die Spannung auf allen Verbindungen von der Ankerwinsch bis zum Sicherungskasten ist einwandfrei. Wir zogen aber trotzdem einen weiteren Mechaniker hinzu, der den Motor erneut öffnen und revidieren sollte. Sein Anruf einen Tag später brachte wenig Neues: Der Motor sei in exzellentem Zustand. Was hatten wir übersehen?

Unsere Ankerwinsch funktioniert plötzlich

Für den erneuten Einbau brachte der Mechaniker eine Starterbatterie mit, um auszuschliessen, dass das Problem bei unseren Bordbatterien lag. Als der Motor wieder fix installiert war und wir den Test machten... funktionierte plötzlich alles. Wir trauten unseren Augen kaum. Hatte der Motor nur auf den richtigen Mechaniker und seinen Service gewartet? Anscheinend haben wir nun eine funktionierende und wählerische Ankerwinsch.

Ersatzteile in den USA bestellen

Nun musste nur noch eine neue Bremsscheibe für die Ankerwinsch her, da die alte langsam ihren Lebensabend erreicht hatte und deshalb nicht mehr richtig griff. Danach würde die Anlage wieder für ihren Einsatz gerüstet sein. Wir wurden in den USA fündig und bestellten das Ersatzteil mit Expresslieferung nach Ensenada.

Kaffee auf Tranquila

Die anfänglichen Einschränkungen durch das ausgebaute Gassystem hatten auch durchaus ihre Vorteile: Wir wurden von anderen Seglern zum morgendlichen Kaffee eingeladen. Die ersten paar Tage gingen die anderen drei um 7 Uhr morgens für den Kaffee zu Susanne von "Tranquila". Meist warteten schon drei Tassen Kaffee und eine fixfertige Thermoskanne zum Mitnehmen auf sie.

Verwöhnt von Captain Max und Sophia

Als ich ankam, lud uns Captain Max vom Segelschiff "Galena" ebenfalls zu sich ein. Aus einem einfachen Kaffee entwickelte sich quasi ein Ritual. Es begann mit einem Kaffeetablett, auf dem uns Max leckeren French Press Kaffee servierte. Zwei Tage später waren es bereits zwei Tabletts, mit einem kleinen Frühstück. Zwei weitere Tage später waren es drei Tabletts, denn Grüntee und Schwarztee kamen dazu. Jeden Tag überraschte er uns mit etwas anderem. Seien es Pancakes als Sonntagsfrühstück, leckere Churros, frische Rüeblicake-Muffins aus der Bäckerei oder Pain au Chocolat aus dem Café. Und wir tranken und assen nicht nur – wir diskutierten täglich unsere bevorstehenden Projekte und gaben uns gegenseitig Tipps, hörten Musik und plauderten über Gott und die Welt. Alles unter den wachenden Augen von Sophia, der Hundedame von Captain Max und erster Offizierin.

Iñaki, Carmen und Max geniessen das Kaffee-Ritual
Iñaki, Carmen und Max geniessen das Kaffee-Ritual

Ein verlorener Tag

Abgesehen von all dem Genuss mussten Iñaki und ich natürlich auch noch über die Stränge schlagen. Nach einer harten Partynacht mit Stacy und David von "Millennium Falcon" mit Bier, Bourbon, Tequila und abschliessender Rumdegustation bei Captain Max haben wir einen kompletten Tag völlig zerstört in unseren Kojen vor uns hinvegetiert. Währenddessen haben die Mädels ihren Tag mit feinem Essen und einem Ausritt auf unserem Dinghy verbracht. Auch hier gute Neuigkeiten, denn unser Beiboot ist im Schuss und der Aussenbordmotor läuft wie geschmolzen Butter.

Die Wetterfrösche von Milagros

Die Tage vergingen und wir hielten immer die Wetterentwicklung im Auge. Besondere Beachtung schenkten wir dabei den Hurrikan-Vorhersagen von NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration), der Wetter- und Ozeanographiebehörde der USA. Die Atmosphäre entlang unserer geplanten Route war Ende letzter Woche doch noch etwas aktiver. Anflüge eines Sturms zogen direkt unserer Route entlang. Aber nun schien die Bahn seit einigen Tagen frei zu sein. Die Zwei- und Fünftagesvorhersagen zeigten keine signifikanten Sturmentwicklungen mehr.

Planung der Passage

Unser Vorhaben wurde richtig konkret, als wir uns zusammen mit Iñaki hinsetzten, um unsere Passage zu planen. Er erklärte uns, wie man korrekt eine Segelfahrt von A nach B plant und was es zu beachten gilt. Man startet damit, sich einen groben Überblick zu verschaffen wie die Route ausschaut und ob Gefahren auftauchen. Diese könnten je nach ihrer Art eine Überfahrt sogar verunmöglichen. Deshalb macht es Sinn, die ganze Route in einem groben Massstab zu planen, damit man die ganze Arbeit nicht umsonst macht.

Passagen Planung auf Milagros

Detailarbeit

Ist eine Fahrt auf der gewünschten Route möglich, arbeitet man sich kontinuierlich von Karten mit grossem Massstab bis zu detaillierten Übersichtskarten vor. Somit kann man effektiv ausschliessen, dass man wichtige Faktoren übersieht. Wir haben uns entschieden, dass Carmen, Patricia und ich drei Passagen planen. Carmen kümmerte sich um unsere geplante 4-5 tägige Überfahrt von Ensenada bis zur Bahia Magdalena (Mag Bay). Pati und ich planten je eine Fahrt von Ensenada zur Bahia San Quintin respektive Bahia Tortugas (Turtle Bay). Somit hatten wir auch noch gleich komplette Planungen für zwei Ausweichhäfen zur Hand, sollten wir ausserplanmässig an Land gehen müssen.

Für alle Eventualitäten gerüstet

Als Belohnung für die getane Planung genossen wir das Fondue, das ich aus der Schweiz mitgebracht hatte, zu Örgelimusik. Ein Stück Heimat in Mexiko.

Schweizer Käsefondue im Cockpit von Milagros
Schweizer Käsefondue im Cockpit von Milagros

Mit vollen Bäuchen widmeten wir uns danach wieder unseren Planungen. Wir schauten alle drei Planungen miteinander durch. So konnten wir die Vor- und Nachteile der verschiedenen Ansätze diskutieren und gegenseitig von der Arbeit der anderen profitieren. Iñaki hatte einige Inputs, war aber mit unseren Planungen happy. Jede davon ist so wie geplant durchführbar. Somit haben wir unsere lange Fahrt geplant und sogar noch zwei komplett durchgeplante Backups in der Hand.

Das Vorratslager wird gefüllt

Während Iñaki und ich an Bord von Milagros blieben, gingen Carmen und Patricia auf Besorgungstour mit Susanne, Steven und seinem Pickup Truck. Es mussten Vorräte für über 4 Wochen eingekauft werden. Wir entschieden uns, vorerst nur Waren einzukaufen, die nicht innerhalb von ein paar Tagen schlecht werden konnte. Gemüse, Früchte und andere Frischprodukte wollen wir erst einen Tag vor der Abreise einlagern.

Ich möchte hier noch die wichtigste Erkenntnis der Woche bemerken. Wir haben an Bord den perfekten Ort für unser Bierlager gefunden. Ich weiss nicht, ob die Treppe zu unserer Heckkabine für Bierdosen gebaut wurde, aber es passen exakt neun Reihen Dosen in die Kiste.

Die Zeit wird knapp

Obwohl wir grundsätzlich gut vorankamen, gab es trotzdem noch einen herben Dämpfer. Da die Komplikationen mit Ankerwinsch und Gasherd die ganze Planung ein wenig nach hinten verschoben, wurde es knapp für Pati, noch bis La Paz mit uns mitzusegeln. Als dann auch noch die Nachricht dazu kam, dass die Bremsscheibe für die Winsch nun auch noch drei Tage später als geplant eintreffen würde, mussten wir eine Entscheidung fällen.

Go with the Flow

Pati reiste einige Wochen früher nach Hause als ich. So entschieden uns nach einer kurzen Diskussion, dass sie bei Steven und Susanne auf "Tranquila" den Rest der Woche verbringen würde. Carmen, Iñaki und ich würden uns schweren Herzens nur zu dritt in Richtung Puerto Peñasco aufmachen. Es hätte keinen Sinn gemacht, die gesamte Planung auf Teufel komm raus in ein immer enger werdendes Zeitfenster zu stopfen.

Somit läuft nun trotzdem der Countdown. Das Schiff ist ready, wir sind ready. Wir hätten Pati unglaublich gerne dabeigehabt, aber so ist es nun mal. Wenn alles glatt geht, werden wir ja noch genügend Möglichkeiten haben, miteinander unterwegs zu sein.

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